Themen · Immanenz und Transzendenz

Spiritualität · Geist erfahren inmitten des Lebens

Längles bisher unveröffentlichter Beitrag im Lesebuch 2005 entfaltet die transzendentale Tiefenschicht aller vier Grundmotivationen — und klärt zugleich, was Psychotherapie spirituell darf und was nicht. Spiritualität ist hier nicht Heilsversprechen, sondern Geist erfahren inmitten des Lebens.

Meta · 60-Sekunden-Take

Längle (2005) zeigt: Alle vier GMs haben eine transzendentale Tiefe. 1. GM → Seinsgrund · 2. GM → Grundwert · 3. GM → Unfaßlichkeit des Ich („Wir werden in unserer Freiheit uns geschenkt", Jaspers) · 4. GM → ontologischer Sinn. Spiritualität ist „erlebende, geistige Offenheit für eine den Menschen übersteigende Größe oder tragende Schicht". Psychotherapie ist kein Heil, sondern Heilung — aber sie kann nicht so tun, als gäbe es die spirituelle Dimension nicht. Der „existentielle Glaube" ist die unausweichliche Vorform jeder Religiosität.

Warum Spiritualität in der Psychotherapie überhaupt?

Die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Psychotherapie, Religion und Spiritualität ist in der klinischen Psychotherapie nicht üblich. Längle: „Diese hält sich lieber von ihrer ‚Konkurrenz' und ‚Vorläuferin', der religiösen Seelsorge, fern." Die eigenen transzendentalen Bezüge bleiben deshalb meist unausgesprochen — obwohl die Unterschiede zwischen den Psychotherapie-Richtungen zu einem guten Teil im impliziten spirituellen Bezug begründet sind.

Längle stellt zwei einander widerstreitende Fragen scharf gegenüber:

Was kann Psychotherapie — und was nicht?

Längle gibt die methodische Grenzlinie scharf an. Psychotherapie ist eine wissenschaftlich fundierte, empirisch überprüfte Vorgangsweise mit psychologischen Mitteln. „Die Vermittlung von Spiritualität ist daher nicht ihre Aufgabe und auch nicht ihr Ziel."

„Psychotherapie ist keine Verheißung und kein Weg zur Erlösung von den leidvollen und tragischen Bedingungen der Existenz. […] Psychotherapie kann also kein Heil vermitteln, sondern nur Heilung anregen."
— A. Längle 2005, S. 43 (mit Verweis auf Frankl 1959, 704)

Drei klare Abgrenzungen:

Die existenzanalytische Pointe — die Psychotherapie nicht spirituell macht, sondern auf die spirituelle Dimension verweist: „Menschen zu helfen, mit innerer Zustimmung zu handeln und leben zu können." In der Zustimmung kommt die Authentizität zum Ausdruck — sie ist Realisierung der Freiheit der Person.

Die transzendentale Tiefenschicht der vier Grundmotivationen

Längles Schlüsselgedanke: Geht man dem Strukturmodell der vier GMs in der Tiefe nach, so gehen alle vier in einen transzendentalen Bezug über — der psychologisch-subjektiv fühlend erahnt werden kann. Jaspers wird dabei zur Schlüsselreferenz:

„Das Sein bleibt für uns ungeschlossen; es zieht uns nach allen Seiten ins Unbegrenzte. […] Das Umgreifende ist das, was sich immer nur ankündigt — im gegenständlich Gegenwärtigen und in den Horizonten —, das aber nie Gegenstand wird. Es ist das, was nicht selbst, sondern worin uns alles andere vorkommt."
— K. Jaspers, Existenzphilosophie 1974, S. 13–14; zit. in Längle 2005, S. 45

1. GM · Seinsgrund

Die erste Grundbedingung — „Ich bin, kann ich sein?" — braucht Schutz, Raum, Halt. In ihrer Tiefe stellt sie die Frage: „Wenn alles brechen sollte, worauf ich vertraue — Partnerschaft, Beruf, Gesundheit — welchen Halt hätte ich da noch?"

Die Ahnung eines umfassenden Gehaltenseins nennt Längle Seinsgrund: das Gefühl, daß da etwas ist, worauf man sich verlassen kann, selbst wenn man stirbt. Wesentlich: „Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich beim Seinsgrund um ein Sein oder ein Nichts handelt — wenn es als Seinsgrund empfunden wird, fühlt man sich darin aufgehoben." Wenn die Person in dieses letzte, empfundene Sein einwilligt, entsteht Grundvertrauen.

„Der Seinsgrund ist wie der Boden, in dem die Wurzeln des Baumes (das Grundvertrauen) stecken. Wir können den Seinsgrund nicht umfassen — wir können nur immer wieder Bezug zu ihm aufnehmen, wie Wurzeln aus dem Boden die Nahrung aufsaugen und sie aus der Tiefe in die Höhe schaffen, in die Lichtung des Seins."
— A. Längle 2005, S. 47 (Bild nach Heidegger 1979)

2. GM · Grundwert

Die zweite Grundbedingung — „Ich lebe, mag ich aber leben?" — braucht Beziehung, Zeit, Nähe. In ihrer Tiefe geht es um das letzte und tiefste Berührtsein vom Leben selbst: „Wie lautet es in mir, wenn ich mein Leben so anfühle?"

Was sich hier in der Tiefe des Spürens einstellt, ist eine Ahnung des Wertes, den das Leben als solches hat. Längle nennt das den Grundwert — den grundlegenden Wert, der sich in allen Werterfahrungen widerspiegelt. „In der Erfahrung des Wertes des Lebens erfahren wir wieder etwas, was uns übersteigt, erfahren wir, daß dieser Wert nicht von uns abhängt und nicht von uns gemacht ist, sondern uns zukommt. Wir entdecken ihn, staunend vielleicht, schmerzlich berührt oder still, dankbar."

3. GM · Unfaßlichkeit des Ich

Die dritte Grundbedingung — „Ich bin ich, darf ich so sein?" — führt in ihrer Tiefe zu einer paradoxen Erfahrung: Der Mensch steht vor sich selbst als einer „Unfaßlichkeit". „Wer ist dieses Ich? Wo kann dieses Ich festgemacht werden?"

Wenn das Ich aufnimmt, was sich in ihm zu Wort meldet, ist der Mensch authentisch. Personsein heißt im Grunde: sich in Empfang nehmen, als ein sich Anvertrauter sich gegenübertreten. Der Ort der Begegnung der Person mit sich selbst — das „ich mit mir" — ist der Ort ihrer Intimität, die „Keimschicht" der Person.

„Wir sind nicht frei durch uns selbst, sondern wir werden in unserer Freiheit uns geschenkt und wissen nicht, woher. Nicht durch uns selbst sind wir, sondern es liegt so, daß wir unsern Willen nicht wollen können, daß wir, was wir selbst in unserer Freiheit sind, nicht planen können, daß vielmehr der Ausgang all unseres Planens und Wollens das ist, worin wir uns geschenkt werden."
— K. Jaspers, Chiffren der Transzendenz 1984, S. 48; zit. in Längle 2005, S. 50

4. GM · Ontologischer Sinn

Die vierte Grundbedingung — „Ich bin da, wofür ist es gut?" — braucht Tätigkeitsfeld, Strukturzusammenhang, Wert in der Zukunft. Längle unterscheidet zwei Sinn-Begriffe:

In der ontologischen Sinnsuche wird Spiritualität unverzichtbar: das Spüren drängt nach mehr Wissen, nach religiöser Ausformulierung und Benennung.

Was heißt Spiritualität — die existenzanalytische Definition

„Spiritualität wird also hier verstanden als eine erlebende, geistige Offenheit für eine den Menschen und seine Existenz in allen vier Grundbezügen übersteigende Größe oder tragende Schicht, die er als Ursprünglichkeit für das eigene Personsein und für die eigene Existenz empfinden kann und in der er seine letzte Geborgenheit spürt. — Spiritualität kann zusammenfassend bezeichnet werden als ‚Geist erfahren inmitten des Lebens'."
— A. Längle 2005, S. 52

Zwei anthropologische Säulen dieser Bestimmung:

  1. Der Mensch als geistiges Wesen. Person ist Materie und vitale Natur übersteigend; akthaft in Perzeption, Stellungnahme und Wirken. „Spirituell" hier im Sinne von geistig (im Gegensatz zu „materiell"), nicht im paulinischen Sinne des Beseeltseins vom Heiligen Geist.
  2. Geistigkeit als Grund der Existenz. Der Mensch ist auf das geistige Erfassen der Gegebenheiten angewiesen, um mit ihnen seinem Wesen gemäß umgehen zu können. Diese „spirituelle Anlage" durchdringt die Gegebenheiten der Existenz „auf ihren Grund, auf das, was die Gegebenheiten geben". Sie erfordert phänomenologische Offenheit und Sich-Berühren-Lassen.

Spiritualität, Religion und der „existentielle Glaube"

Längle differenziert sorgfältig:

Spiritualität ist Grunderfahrung jeder Religiosität

„Religiosität, die nicht auf ihr beruht, ist hohl, ist ohne Fleisch und Blut. Seelsorge sollte nicht gegen und nicht ohne solche Spiritualität betrieben werden, keine Verkündigung darf auf diese Spiritualität verzichten, weil sie sonst den Menschen in seiner Geistigkeit außer acht läßt und damit an seinem Wesen vorbei spricht."

Erfahrung und Vermittlung — zwei Wege, die einander brauchen

Der Erfahrungsbezug des Glaubens wurde gegenüber dem Vermittlungsbezug (Lehramt, Kirche, Bibel) lange vernachlässigt oder als minderwertig abgetan. Aus existenzanalytischer Sicht gilt: keine Überlegenheit des einen über den anderen. „Es handelt sich um zwei Wege, die sich ergänzen, die einander voraussetzen und brauchen und die darum zusammengehören."

Spiritualität ist nicht Selbsterlösung

Wichtige Grenze: Erlebbare Spiritualität ermöglicht ein Existieren — mehr nicht. Sie ist nicht Erlösung im religiösen Sinn. „Solche Glaubenselemente, die der Mensch selbst erfühlen, erleben und finden kann, für die er nicht auf Verkündigung angewiesen ist, sind Erlebnisgrundlage jeder Religiosität." Religion vermag durch ihr „ganz anderes Wissen, durch die göttliche Botschaft, das Erlebte zu interpretieren, auszuformulieren, auszudeuten" — und darin gründet ihre Verheißung.

Der existentielle Glaube

„So kann am Ende der Untersuchung festgestellt werden, daß der Existenzvollzug per se auf Spiritualität beruht. Denn als Person vollzieht der Mensch seine Existenz in einer nie zur Gänze verschließbaren Offenheit für das Umgreifende, Größere, Umfassendere. In dieser dialogischen Bezogenheit auf das andere, aber auch auf sich selbst — es läßt sich in dieser Tiefe nicht mehr wirklich trennen — hat ein Glaube seinen Ursprung, der als unausweichlicher ‚existentieller Glaube' noch vor der religiösen Ausformung anzusehen ist."
— A. Längle 2005, S. 53

Dieser existentielle Glaube — vor jeder konkreten religiösen Ausformulierung — vermittelt vier Tiefenerfahrungen, die genau den vier transzendentalen Bezügen entsprechen:

GM Transzendentaler Bezug Tiefenerfahrung des existentiellen Glaubens
1. GM · Sein-Können Seinsgrund letztes Gehalten-Sein
2. GM · Leben-Mögen Grundwert unbedingter Wert des Lebens
3. GM · Selbstsein-Dürfen Unfaßlichkeit des Ich unergründliche Tiefe der Person · Gerechtigkeit jenseits allen Rechnens
4. GM · Sinn-Wollen Ontologischer Sinn Sich-Wiederfinden in einem alles umfassenden Zusammenhang

Praxis-Implikationen für die existenzanalytische Arbeit

Was folgt daraus konkret für die therapeutische Haltung?

Fallhinweis · Wann Spiritualität therapeutisch relevant wird

Praxis· Tiefenebenen im Gespräch

Wenn die Tiefenfrage anklopft

Eine Patientin nach lebensbedrohlicher Krebsdiagnose: „Ich war immer Atheistin. Aber jetzt — ich weiß nicht. Da ist etwas, das mich trägt, auch wenn ich nicht weiß, was es ist." Die Versuchung der Therapeutin: psychologisch deuten („Sie suchen Halt in einer existenziellen Krise"). Die phänomenologische Antwort: „Was zeigt sich Ihnen da? Wie fühlt es sich an?" — und Raum geben.

Längle: Die Therapeutin kann nicht entscheiden, was die Patientin religiös findet. Aber sie kann den Raum offen halten, in dem die Patientin ihre eigene Erfahrung des Seinsgrunds artikulieren darf. „Solche Glaubenselemente, die der Mensch selbst erfühlen, erleben und finden kann, für die er nicht auf Verkündigung angewiesen ist, sind Erlebnisgrundlage jeder Religiosität." Was dann daraus wird — religiöse Ausformung, philosophische Stellungnahme, atheistische Lebensbejahung — ist nicht Aufgabe der Therapie.

Sichtbar: Die EA-Therapeutin arbeitet weder antireligiös noch religiös. Sie arbeitet existentiell — und respektiert die transzendentale Dimension als Möglichkeitsraum der Person, der ihrer eigenen Stellungnahme überlassen bleibt.
Quellen
  • Längle, A. (2005): „Spiritualität in der Psychotherapie? Zum Verhältnis von Immanenz und Transzendenz am Beispiel der Existenzanalyse." In: Längle S., Sulz M. (Hg.) Das eigene Leben — Ein Lesebuch zur Existenzanalyse. Wien: GLE-Verlag, S. 41–56. (Erstveröffentlichung — vor 2005 nicht publiziert.)
  • Jaspers, K. (1974): Existenzphilosophie. Berlin: de Gruyter.
  • Jaspers, K. (1984): Chiffren der Transzendenz. München: Piper.
  • Frankl, V. E. (1959): „Grundriß der Existenzanalyse und Logotherapie." In: Handbuch der Neurosenlehre und Psychotherapie, Bd. III. München: Urban & Schwarzenberg.
  • Heidegger, M. (1979): Sein und Zeit. Tübingen: Niemeyer.
  • Scharfetter, Ch. (1999): zu Sekten/Mißbrauch religiöser Bedürfnisse in der Psychotherapie.