Willensstärkungsmethode (WSM)
Wenn etwas gewollt aber nicht getan wird — bei Suchtmotivation, Vorhaben, die immer wieder scheitern, oder Unklarheit über das eigene Wollen. Längle hat dafür 1986 eine fünfschrittige Methode entwickelt: nicht „Härte mit sich selbst", sondern Wertberührung als Quelle des Willens.
Die fünf Schritte
Theoretischer Hintergrund
Längles Pointe: Willensschwäche ist kein Charakterfehler. Sie ist ein Defizit in der Wertberührung oder eine Unklarheit in der Entschiedenheit. Der Wille kommt aus dem Wert — wer den Wert nicht fühlt, kann den Willen nicht halten.
Klassisches Beispiel: jemand „will" abnehmen, aber das Essen ist ihm jeden Abend wertvoll. Solange das Essen wertvoller ist als das Abnehmen, gewinnt das Essen. Therapeutisch: nicht mehr Disziplin, sondern welchen Wert hat das Abnehmen wirklich für Sie? Wenn er nicht fühlbar gemacht werden kann, wird der Wille nicht halten. Typische Zielvorstellungen sind dabei oft „viel zu selbstverständlich" (Abnehmen, mit Alkohol, Drogen, Rauchen aufhören) — beim Umsetzen solcher Selbstverständlichkeiten droht man, „nur noch zu funktionieren" und sich selbst in der Tiefe der eigenen Person zu übergehen. Genau das lähmt den Willen: man erlebt sich als „willensschwach" (S. Längle 2001).
Methodischer Ort und Wirkweise
Die WSM ist kein Verhaltenstraining, wie der Name vermuten lassen könnte — das ist sie „nur eingeschränkt im Durchführungsteil". Ihr Schwerpunkt ist die Klärung und Bereinigung der Motivation: ein konfrontierendes Vorgehen auf zwei Ebenen, das das Projekt erneut anfragt — nach außen (Entwurf: „Sollte ich es nicht besser lassen? Wer möchte ich sein, wer soll ich damit werden? Wofür soll es gut sein?") und nach innen (Wertfühlen: „Was hat das mit mir zu tun?"). Die Bewegung führt von Wunschvorstellungen hin zu persönlichen Stellungnahmen, die zur Authentizität führen. Methodisches Ziel: durch die Prüfung des Vorhabens die Person selbst zu erreichen und ihre Selbsttranszendenz zu mobilisieren — über eine persönliche Stellungnahme den Willen freizusetzen (S. Längle 2001).
In der frühen Systematik (Längle 1991) wird das Kernstück so beschrieben: das angestrebte Ziel in die emotionale Persönlichkeitsschicht zu integrieren, damit der Willensentwurf auch durchgetragen werden kann. Indiziert ist die Methode dort auch bei relativ ich-schwachen Personen bzw. bei dependentem Verhalten.
Indikation
„Eigentlich will ich aufhören, aber es geht nicht.“
Ein Klient mit Alkoholproblem. Erste Beratungssitzung: er möchte aufhören. Aber: alle Versuche bisher gescheitert. WSM-Vorgehen:
1. Grundarbeit: Was sind die Gründe für Abstinenz? Familie, Gesundheit, Selbstachtung.
2. Problemebene: Was sind die Gegengründe? Geselligkeit, Entspannung, „dazugehören". Beide ehrlich auf den Tisch.
3. Verinnerlichung: Welche Werte sind in der Abstinenz konkret enthalten? Was würde sich anfühlen, wenn ich klar bin? — Erinnerung an klare Morgen mit den Kindern.
4. Sinnhorizont: Wer will ich in zehn Jahren sein? Welcher Lebensentwurf trägt das?
5. Festigung: Konkrete Strategien für die nächste Sucht-Versuchung. Soziale Unterstützung. Termin in einer Woche.
Vorsicht und Grenzen
- Nicht im Rausch. WSM braucht Selbstdistanzierung. Bei akuter Intoxikation oder schwerer körperlicher Entzugssymptomatik zuerst medizinische Stabilisierung.
- Bei schwerer Depression mit Antriebsverlust greift die WSM oft nicht — die Vitalität fehlt für das Werten. Zuerst Stabilisierung, dann WSM.
- Werte können nicht erfunden werden. Wer in seiner aktuellen Lebenssituation den Wert nicht findet, dem hilft die WSM nicht. Manchmal liegt das Problem vor der WSM — in der Wertebeziehung selbst.
Verhältnis zu anderen Methoden
Die WSM ist verwandt mit der SEM (Sinnerfassungsmethode) — beide arbeiten mit Werten und Entscheidung. Während die SEM eher offen-explorierend Sinn klärt, ist die WSM zielgerichteter auf Vorhaben-Durchsetzung. In der Suchtbehandlung steht die WSM oft am Anfang der EA-Arbeit (klärt das „warum aufhören?“) und wird später ergänzt durch PEA (für die Bearbeitung der zugrundeliegenden Themen).
Verbindungen
- Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichworte: Willensstärkungsmethode.
- Längle, A. (2000). Die Willensstärkungsmethode (WSM). In: Existenzanalyse 17, 1, 4–16. (Grundlagenpublikation)
- Längle, S. (2001). Die Methodenstruktur der Logotherapie und Existenzanalyse. In: Existenzanalyse 19, 2+3 — WSM als konfrontierende, selbsttranszendenz-stärkende Methode; Fallbeispiel Charlotte.
- Längle, A. (1991). Theoretische Reflexion der EA — Abschnitt d.6: Wirkweise der Willensstärkungsmethode.
- Längle, A. (1993). Wertbegegnung. Phänomene und methodische Zugänge. GLE-Verlag, Wien.
- Längle, A. (1994). Sinnvoll leben. Angewandte Existenzanalyse. NÖ Pressehaus.