Störungen · Tor des Sterbens

Depression · Existenz

Das „Tor des Sterbens" ist Längles tiefster therapeutischer Punkt in der Depressions-Behandlung — analog zum „Tor des Todes" bei der Angst.

Meta · 60-Sekunden-Take

Die Gretchenfrage des Depressiven: „Mag ich leben? — Ist es gut, daß es mich gibt?" (psychisch/existentiell, EA-Lexikon). In der depressiven Verzweiflung mündet die Suche in die Frage: „Wozu noch? — Soll ich (so) weiterleben?" — Todessehnsucht als Erlösungssehnsucht; daraus ist die Suizidalität des Depressiven verständlich. Das zentrale, tiefste Thema der EA-Behandlung: die gestörte Grundbeziehung zum Leben — der tiefste Punkt ist erreicht, wenn es zu einer emotional getragenen Stellungnahme, einem „Ja" zum Leben kommt (Grundwert-Induktion vor allem durch Trauern und die therapeutische Beziehung).

Tor des Sterbens — vier Schritte

Die entscheidende Frage, vor der der Depressive steht (Längle 1997): „Ist das ein Leben, das ich habe, wert gelebt zu werden — auch unter diesen Umständen?“ Sie stellt ihn vor die Fragen: „Bin ich bereit, es auf mich zu nehmen, wie es ist? Dieses Leben zu leben, das meines ist?“ Ist diese Bereitschaft nicht da, ist unter Belastung Suizidalität da. Das Verfahren in vier Schritten:

1

Verstehen des Lebensunwertes

Nähe, Zuwendung, Beziehung — den Patienten in seinem Erleben ernst nehmen, dass das Leben gerade keinen Wert hat. Meistens genügt das schon, weil die Beziehung selbst der erste Wert ist, der zurückkommt.

2

Gründe gegen den Suizid aktivieren

Frühere und noch bestehende Wertbezüge wachrufen: Kinder, Aufgaben, geliebte Menschen, ein Tier, eine Tätigkeit. Nicht moralisch — sondern als Erinnerung an gelebte Beziehung.

3

Gefühlter Suizid

Sich nicht gegen den Suizidgedanken stellen — sondern den Patienten vor die Entscheidung stellen. Frage: „Was kriegst Du für ein Gefühl beim Gedanken, das Leben jetzt zu beenden? Macht Dich diese Frage ruhiger oder unruhiger?"

4

Personale Begegnung als Schutznetz

Der Therapeut macht sich als Person sichtbar: „Mir würde es schlecht gehen. Sie würden auch mir damit etwas Schlimmes antun." Die menschliche Solidarität wird zum tragenden Netz — nicht moralischer Druck, sondern realer Beziehungsanker.

Die zwei möglichen Antworten in Schritt 3

(a) Unruhe, Trauer, Weinen: Der Punkt des Fühlens ist erreicht. Der Grundwert der 2. GM kommt positiv zurück — das Leben meldet sich als wert, gelebt zu werden, gerade weil der Verlust gespürt wird. Therapeutische Antwort: das Berührtsein bergen, würdigen, als Anker nutzen.

(b) Ruhiger, gelöster: Hier zeigt sich: „Es geht Ihnen nicht um den Tod, sondern um Ruhe — um eine Pause vom Druck." Daraus eine gemeinsame Aufgabe formulieren: wie kann diese Ruhe im Leben gefunden werden, ohne den Suizid? Erschöpfungsverbot, Entlastung, Schutzraum.

Vier Wirkungen des Verfahrens

1

Lebenswert prüfen

Die Frage wird explizit

Der Patient muss innerlich Stellung beziehen — die diffuse Lebensunlust wird zur entscheidbaren Frage. Damit kommt die Person zurück ins Spiel.

2

Wertbezüge aktivieren

Vergangenes und Bestehendes

Konkrete Beziehungen, Aufgaben, Werte werden erinnert — die abgewendete Lebensbeziehung wird wieder hörbar.

3

Suizidgedanken integrieren

Nicht abwehren — befragen

Der Gedanke verliert seine Tabu-Macht, wenn er gemeinsam angesehen und auf sein Gefühl hin befragt wird. Das Symptom wird therapierbar.

4

Schutznetz menschliche Solidarität

Der Therapeut als Person

Die personale Begegnung ist mehr als Technik — sie ist der reale Halt, an dem der Patient die Krise übersteht.

Vertiefung · Ringels präsuizidales Syndrom

Erwin Ringel beschreibt drei Zeichen des präsuizidalen Syndroms: Einengung (die Welt wird klein, Alternativen verschwinden — situativ, dynamisch, der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Wertewelt), Aggressionsumkehr (Wut nach außen, die nicht ausgedrückt werden kann, kehrt sich gegen das Selbst), Suizidphantasien (zunächst passiv-flüchtig, dann konkretisierend, schließlich planend). Diagnostisches Werkzeug für die Risikoeinschätzung: je mehr Einengung, desto näher der suizidale Aktdruck.

Vertiefung · Frankl zur endogenen Depression

Frankl unterscheidet in TTN (S. 65–75) seelische Krankheit (endogene Depression) von geistiger Not. Beide können koexistieren. Logotherapeutische Aufgabe ist nicht, die endogene Krankheit zu „besprechen", sondern dem Patienten zu helfen, seine personale Haltung zur Krankheit zu finden — und in der Trotzmacht des Geistes auch in der Phase Sinnpunkte wahrnehmen zu können. Das nimmt nicht die Phase weg, aber die Verzweiflung an der Phase.

Fall-Beispiel

Fall· Tor des Sterbens, Schritt 3

„Ich möchte nicht, dass mein Sohn das erlebt"

Patient mit klaren Suizidgedanken. Therapeut: „Wie ist es für Sie, wenn Sie an den Vollzug denken — ruhiger oder unruhiger?" Patient hält inne. „Da kommt ein Bedauern. Ich möchte nicht, dass mein Sohn das erlebt." Weinen, Trauer, der Grundwert kommt zurück. Therapeut: „Das ist Ihr Leben — es ist berührt worden. Was Sie da spüren, das ist der Faden, an dem es hängt." Anschließend wird der Faden gemeinsam stärker geknüpft.

Quellen
  • 4_Depression6_-_Tor_d_Sterbens.pdf · Längle 1997
  • Längle A. (2004) Therapeutischer Umgang mit depressiven Störungen (Bull GLE / Chiletext)
  • Längle A. (2004) Existenzanalyse der Depression (Bern)
  • Frankl V.: Theorie und Therapie der Neurosen (TTN) S. 65–75
  • Ringel E. (1953): Das präsuizidale Syndrom