Themen · Werten, Gefühl, Grundwert

Wertberührung

Werte werden nicht erkannt, sondern gefühlt. Wertberührung heißt: das Objekt etwas an meinem Leben tun lassen, so dass ich spüre, was es mir bedeutet.

Meta · 60-Sekunden-Take

Werterleben ist eine körpernahe Wahrnehmung: ein Wert ist das, was im Subjekt eine fühlbare Veränderung am eigenen Leben bewirkt. Gefühl und Wert korrespondieren miteinander — jedes Gefühl ist subjektives Korrelat eines wahrgenommenen Wertes. Tiefenschicht aller Wertwahrnehmung: der Grundwert, das gefühlte Ja zum eigenen Leben. Allers: „Wert ist, was mich angeht." Therapeutisches Ziel: das Sich-berühren-Lassen wieder freilegen.

Was ist ein Wert? — die existenzanalytische Definition

Klassisch wurden Werte am Maß genommen, normativ. Die EA verschiebt den Bezugspunkt: ein Wert ist das, was eine fühlbare Veränderung am eigenen Leben bewirkt — die innere Bezugnahme zur Wirkung des Objekts auf das eigene Leben. Damit wird der Wert vom Maßstab zum Beziehungsphänomen. Rudolf Allers fasst es in eine Formel: „Wert ist, was mich angeht." Romano Guardini ergänzt: „Das Gute steht in Verbindung mit mir. Es berührt mich."

Die vier Schritte der Wertberührung

1

Sich-in-Beziehung-Setzen · Hinwendung

Der erste Schritt ist die Hinwendung: ich wende mich dem Objekt zu, nehme es wahr, lasse es da sein. Ohne diese Bezugsaufnahme bleibt der Wert außen.

2

Auf-sich-Wirken-Lassen · Zeit

Wert braucht Zeit. Erst wenn das Objekt eine Weile auf mich wirkt — wenn ich es aushalte, statt es zu verarbeiten —, kommt es bei mir an.

3

Wirkung auf das eigene Leben · Resonanz

Das Objekt tut etwas an meinem Leben: es belebt, beunruhigt, beruhigt, fordert. Diese körpernahe Resonanz ist die Wahrnehmung des Wertes selbst.

4

Mobilisierung der Vitalität · Gefühl

Aus der Resonanz hebt sich das Gefühl im engeren Sinn: Energie wird auf das Objekt hin freigesetzt. Jetzt ist Wert erlebt.

Der Grundwert

Unter jedem konkreten Wertfühlen liegt der Grundwert — die Tiefenkonstante der Werterfahrung. Längle definiert ihn als das gefühlte Ja zum eigenen Leben: „Gut, dass ich lebe." In jedem aktuellen Wertfühlen schwingt der Grundwert mit; er ist die Grundmelodie, ohne die einzelne Werte stumm bleiben. Die wichtigste Quelle des Grundwerts ist die biographische Erfahrung, von anderen Menschen — besonders den Eltern — gewollt und geliebt zu sein. Wer in der Tiefe ein Nein zum eigenen Leben trägt (Depression), bei dem kippt das Werterleben: Destruktives kann als „Wert" empfunden werden, Belebendes bleibt fern.

Affekt versus Emotion

A

Affekt · ad-ficere

„An etwas getroffen werden."

Stimulusbezogen, unwillkürlich, lebenserhaltend. Der Affekt schützt das nackte Dasein. Er ist unfrei — er passiert.

E

Emotion · e-movere

„Von innen herausbewegt sein."

Personal, frei, von einem inneren Inhalt angerührt. Die Emotion trägt das eigene Leben — sie ist die Sprache, in der die Person zu sich selbst spricht.

Vertiefung · Der Grundwert als zweite, existentielle Geburt

Der Grundwert wird nicht aus sich selbst geboren — er wird durch das Du induziert. Das Kind erfährt im Gehaltensein, dass das eigene Leben gut ist. Die Leiblichkeit ist hier zentral: Wärme, Blick, Berührung sind die ersten Vermittler des „Gut, dass es dich gibt." In der Depressionstherapie wird der Grundwert oft Stück für Stück re-induziert — durch eine tragende, leibhaft präsente Beziehung.

Vertiefung · Phänomenologische Offenheit als Voraussetzung

August Vetter spricht von „vorurteilfreier Offenheit". Ohne diese Haltung kommt der Wert nicht an: das Objekt wird sofort kategorisiert, eingeordnet, bewertet — und genau dadurch verfehlt. Wertberührung verlangt eine Pause vor dem Urteil. Sie verlangt das Lassen, bevor das Wollen beginnt.

Fall-Beispiel

Fall· Partnerschaft · verstummte Werte

„Es ist nicht weniger geworden — ich nehme es nicht mehr."

In einer langjährigen Partnerschaft verschwindet das Werterleben: jede Geste wirkt routiniert, nichts berührt mehr. In der Therapie zeigt sich: nicht der Partner ist weniger wert geworden — die Bezugsaufnahme ist verkümmert. Die therapeutische Arbeit zielt nicht darauf, „mehr zu fühlen", sondern das Sich-Wirken-Lassen wieder einzuüben: Zeit für Gemeinsames, das Berührtwerden zulassen, das Aushalten der ersten kleinen Resonanzen. Wertberührung kehrt zurück — nicht durch Anstrengung, sondern durch phänomenologische Hinwendung.

Quellen
  • Wertberuehrung-…-Werten-und-Gefuehl.pdf · Längle 2016 — Werten als Prozess, Grundwert, Wertberührung.