Wertberührung
Werte werden nicht erkannt, sondern gefühlt. Wertberührung heißt: das Objekt etwas an meinem Leben tun lassen, so dass ich spüre, was es mir bedeutet.
Was ist ein Wert? — die existenzanalytische Definition
Klassisch wurden Werte am Maß genommen, normativ. Die EA verschiebt den Bezugspunkt: ein Wert ist das, was eine fühlbare Veränderung am eigenen Leben bewirkt — die innere Bezugnahme zur Wirkung des Objekts auf das eigene Leben. Damit wird der Wert vom Maßstab zum Beziehungsphänomen. Rudolf Allers fasst es in eine Formel: „Wert ist, was mich angeht." Romano Guardini ergänzt: „Das Gute steht in Verbindung mit mir. Es berührt mich."
Die vier Schritte der Wertberührung
Sich-in-Beziehung-Setzen · Hinwendung
Der erste Schritt ist die Hinwendung: ich wende mich dem Objekt zu, nehme es wahr, lasse es da sein. Ohne diese Bezugsaufnahme bleibt der Wert außen.
Auf-sich-Wirken-Lassen · Zeit
Wert braucht Zeit. Erst wenn das Objekt eine Weile auf mich wirkt — wenn ich es aushalte, statt es zu verarbeiten —, kommt es bei mir an.
Wirkung auf das eigene Leben · Resonanz
Das Objekt tut etwas an meinem Leben: es belebt, beunruhigt, beruhigt, fordert. Diese körpernahe Resonanz ist die Wahrnehmung des Wertes selbst.
Mobilisierung der Vitalität · Gefühl
Aus der Resonanz hebt sich das Gefühl im engeren Sinn: Energie wird auf das Objekt hin freigesetzt. Jetzt ist Wert erlebt.
Der Grundwert
Unter jedem konkreten Wertfühlen liegt der Grundwert — die „personal empfundene Primärqualität des Lebens" und der Referenzpunkt für alles Werterleben. Längle definiert ihn als das gefühlte Ja zum eigenen Leben: „Gut, dass ich lebe." In jedem aktuellen Wertfühlen schwingt der Grundwert mit, denn jedes Fühlen nimmt am eigenen Leben Maß; als Wert wird erlebt, was zu dieser Grundbeziehung konkordant ist und sie stärkt. Die wichtigste Quelle des Grundwerts ist die biographische Erfahrung, von anderen Menschen — besonders den Eltern — gewollt und geliebt zu sein. Ein „Nein zum Leben", wie es beim Suizidalen vorliegt, kippt die Wert-Unwert-Pole um 180 Grad: Destruktives (Gift, Krankheit, Tod) wird zum „Wert". In der lebensablehnenden Haltung der Depression verlieren belebende Werte — Musik, Sexualität — ihre Attraktivität.
Affekt versus Emotion
Affekt · ad-ficere
„An-gemacht werden."
Stimulusbezogen, „gereizte" Lebendigkeit — ursachenbezogene, damit unfreie, unpersönliche Reaktion auf einen Reiz. Dient dem unmittelbaren Lebenserhalt und Schutz.
Emotion · e-movere
„Von innen herausbewegt sein."
Personal, innerlich frei — eine Antwort des personalen Lebens auf einen Inhalt, der das Subjekt erreicht hat. Ihre Aufgabe ist die Wahrnehmung der persönlichen Wertigkeiten; sie ist „wie eine innere Sprache", in der das Leben zu mir spricht.
Fall-Beispiel
„Es ist nicht weniger geworden — ich nehme es nicht mehr."
In einer langjährigen Partnerschaft verschwindet das Werterleben: jede Geste wirkt routiniert, nichts berührt mehr. In der Therapie zeigt sich: nicht der Partner ist weniger wert geworden — die Bezugsaufnahme ist verkümmert. Die therapeutische Arbeit zielt nicht darauf, „mehr zu fühlen", sondern das Sich-Wirken-Lassen wieder einzuüben: Zeit für Gemeinsames, das Berührtwerden zulassen, das Aushalten der ersten kleinen Resonanzen. Wertberührung kehrt zurück — nicht durch Anstrengung, sondern durch phänomenologische Hinwendung.
Verbindungen
- Längle, A. (2016): „Sich berühren lassen: vom Zusammenspiel von Werten und Gefühlen in der existentiellen Psychotherapie." Persönlichkeitsstörungen 20/2, 115–126 (Vier-Schritte-Prozess, Wert↔Gefühl-Korrespondenz, Grundwert als Referenzpunkt).
- Längle, A. (2010): „Gefühle — erwachtes Leben." Existenzanalyse 27/2, 59–71 (Wert als am Leben maßgenommene Bedeutsamkeit; Gefühl der Willensbildung vorgängig).