Entwicklungspsychologie
„Das Sein ist im Werden" — Längle verbindet Stern'sche Säuglingsforschung mit den vier Grundmotivationen zu einem fraktalen Entwicklungsmodell, in dem jede existentielle Dimension ihre eigene Schwerpunktzeit hat, aber alle stets parallel präsent bleiben.
Werden und Entwicklung
Modus
In welchem Modus geschieht das Heranreifen?
Geworfenheit, Anpassung, passive Aufnahme. Das Kind wird in Bedingungen hineingestellt, die es nicht wählt — und antwortet adaptiv. Frühe Lebenszeit.
Aktives Ergreifen, Integration, Stellungnahme. Mit dem Erwachen der Person wird das Werden zur Entwicklung — das Vorgefundene wird zum Eigenen verarbeitet.
Stern-Schichten und die vier Grundmotivationen
Daniel Sterns empirische Säuglingsforschung beschreibt fünf Selbst-Schichten, die nicht nacheinander abgelöst werden, sondern geschichtet bleiben: das auftauchende Selbst (ab Geburt), das Kernselbst (ab ca. 2.–7. Monat), das subjektive Selbst (ab ca. 7.–9. Monat), das intersubjektive Selbst und schließlich das verbal-erzählende Selbst (ab ca. 15.–18. Monat). Krivtsova und Längle (2014) synchronisieren diese Schichten mit den vier Grundmotivationen: das Kernselbst entspricht der 1. GM (Da-Sein-Können), die Affektabstimmung der 2. GM (Mögen-Leben), die Triangulierung um den 9. Monat herum der 3. GM (Eigen-Sein-Dürfen), und das narrative Selbst der 4. GM (Sinn-Wollen).
Die 9-Monats-Krise
Um den neunten Lebensmonat herum geschieht ein qualitativer Sprung: das Kind beginnt aktiv, einen Austausch zu fordern. Es zeigt mit dem Finger („Mama, schau dort"), es prüft, ob der Andere mitschaut, es entwickelt eine erste Theory of Mind. Diese Triangulierung — Ich, Du und ein gemeinsam betrachtetes Drittes — ist die existentielle Geburtsstunde der 3. Grundmotivation. Das Kind demarkiert das Eigene: es zeigt sich als jemand, der etwas meint, der eine eigene Perspektive hat. Wo dieser Schritt durch die Bezugsperson nicht beantwortet wird, entsteht eine Lücke, die später als Selbstwertstörung wiederkehrt.
Lebensabschnitte des Erwachsenen
0–15 Jahre · Schwerpunkt 1. GM
Aufbau von Halt, Schutz, Raum. Die zentrale existentielle Frage: kann ich überhaupt sein, ist die Welt tragfähig?
15–30 Jahre · Schwerpunkt 2. GM
Beziehung, Nähe, Vitalität. Wert des Lebens wird im Probieren entdeckt — Partnerschaft, Beruf, körperliches Lebensgefühl.
30–45 Jahre · Schwerpunkt 3. GM
Identität, Selbstwert, Eigenes finden. Die mittlere Lebenszeit ist die Zeit des „Stimmt das für mich?" — Beruf, Beziehung, Lebensform werden auf Eigenheit geprüft.
>45 Jahre · Schwerpunkt 4. GM
Sinn, Kontext, Vermächtnis. Die Frage „Wozu war das alles?" tritt in den Vordergrund — und wird, wenn beantwortet, zur Quelle des reifen Lebens.
Fall-Beispiel
„Mama, schau dort" — wenn die Antwort fehlt
Säugling, 9 Monate, beginnt aktiv den Austausch zu fordern: zeigt mit dem Finger, prüft, ob die Bezugsperson mitschaut. Wo diese Antwort dauerhaft ausbleibt — sei es durch mütterliche Depression, Überforderung oder strukturelle Abwesenheit — wird der demarkierende Schritt zur 3. GM nicht beantwortet. Die Folge: Beeinträchtigung von Selbstwert und dialogischer Fähigkeit; Risikofaktor für spätere narzisstische oder histrionische Strukturen. Therapeutisch ist die Anbahnung gelingender Mitschau (durch Therapeut, später durch andere Bezugspersonen) der zentrale Wirkfaktor.
Verbindungen
Entwicklungspsychologie-in-EA.pdf· Längle/Krivtsova 2014