Themen · Werden und Entwicklung

Entwicklungspsychologie

„Das Sein ist im Werden" — Längle verbindet Stern'sche Säuglingsforschung mit den vier Grundmotivationen zu einem fraktalen Entwicklungsmodell, in dem jede existentielle Dimension ihre eigene Schwerpunktzeit hat, aber alle stets parallel präsent bleiben.

Meta · 60-Sekunden-Take

Werden = Entstehung von Neuem, Entwicklung = Ausgestaltung von Angelegtem; das Werden ist der Entwicklung vorgängig. Zwei Ebenen jeder Entwicklung: primäres Sein (Geworfenheit, Adaptation — Werden) und integriertes Sein (aktives Ergreifen, Aneignung — Entwicklung). Sterns Selbst-Schichten (auftauchend → Kern → subjektiv → verbal → erzählend) werden mit den vier GMs parallelisiert (Krivtsova 2012/2014). Lebensabschnitte als 15-Jahres-Zyklen mit GM-Schwerpunkten: 0–15 (1. GM), 15–30 (2. GM), 30–45 (3. GM), >45 (4. GM).

Werden und Entwicklung

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Modus

In welchem Modus geschieht das Heranreifen?

Werden — primäres Sein

Werden ist die Entstehung von etwas Neuem, das vorher nicht angelegt war (klassisch: der Mensch aus Ei- und Samenzelle). Auf der existentiellen Ebene: Geworfenheit, Hineingestelltsein, Adaptation — Erfahren und Üben, weitgehend unreflektiert. Das Werden ist der Entwicklung vorgängig.

Entwicklung — integriertes Sein

Entwickeln kann sich nur, was schon angelegt ist — Entwicklung ist Ausgestaltung von Bestehendem. Auf der existentiellen Ebene: aktives Ergreifen und Aneignen der Welt, Gestalten und Formen — das Vorgefundene wird zum Eigenen verarbeitet.

Da Leben in Beziehung stattfindet, geschehen auch Werden und Entwicklung nur in Beziehung — im Wechselverhältnis zwischen schlummernden Potentialen und den Angeboten und Anforderungen der Umwelt. Wichtig dabei: Die Person ist nach existenzanalytischem Verständnis keiner Entwicklung unterworfen — sie ist Emergenz eines im Menschsein vorgegebenen Potentials. Was sich entwickeln muss, ist das Ich mit seinen Strukturen (Selbst-Beachtung, Selbst-Achtung, Selbst-Wertschätzung). Entwicklung bleibt als emergentes Phänomen offen und ist möglich bis zum Tode.

Stern-Schichten und die vier Grundmotivationen

Daniel Sterns empirische Säuglingsforschung beschreibt fünf Selbst-Formen, die nie abgeschlossen sind und nicht nacheinander abgelöst werden, sondern geschichtet bleiben: das auftauchende Selbst (ab dem 2.–3. Lebensmonat), das Kern-Selbst (ab 3–7 Monaten), das subjektive Selbst (ab 7–9 Monaten), das verbale Selbst (ab 15–18 Monaten) und das erzählende Selbst als entwickeltere Form des verbalen (ab ca. 3.–4. Lebensjahr). Krivtsova (2012) hat dieses Modell erstmals mit den Grundmotivationen parallelisiert: Die aktive Entwicklung der 1. GM (Sein-Können, primärer Modus des In-der-Welt-Seins) setzt ab dem 2./3. Monat ein, die der 2. GM (Emotion und soziales Feld) ab dem 4./6. Monat, die der 3. GM (Begegnungsraum und das Eigene) ab dem 8./10. Monat — die 4. GM (Sich-Eingliedern, Kontextbezug) folgt nach dem 3. Lebensjahr mit dem narrativen Selbst. Die ersten drei GMs erhalten so schon im ersten Lebensjahr ihre Fundierung (Grundvertrauen, Grundwert, Selbstwert mit dialogischer Fähigkeit) — sie entwickeln sich nur schwerpunktmäßig nacheinander, nie linear, stets ineinander verwoben (Tischmodell neben dem Treppenmodell).

Die 9-Monats-Krise

Um den neunten Lebensmonat herum tritt die Demarkation des Eigenen als „9-Monats-Krise" in Erscheinung — der Beginn des Entwicklungsschwerpunkts der 3. GM. Das alleinige Aufnehmen von Nähe genügt nicht mehr: das Kind „will" Austausch, will Seines einbringen und darauf Antwort bekommen. Es zeigt mit dem Finger („Mama, schau dort — teile mein Gefühl der Freude"), seine Reaktionen bekommen Dialog-Charakter; der Raum der Begegnung wird aufgespannt. Bei bindungssicheren Kindern tritt jetzt auch das Fremdeln auf, denn das Kind hat nun ein eigenes subjektives Erleben und fühlt sich vom anderen unterschieden. Schon im ersten Lebensjahr (ab dem 7.–10. Monat) zeigt sich eine erste Theory of Mind bzw. Mentalisierungsfähigkeit (De Bruin & Newen 2012); mit vier Jahren ist sie voll ausgeprägt. Triangulierung meint hier erweitert das Dazukommen des Vaters: Das Gesehen-Werden von der Mutter wird dem Kind selbstverständlich geschenkt (Ebene des Werdens), das Gesehen-Werden vom Vater verlangt bereits eigenes Bemühen (Entwicklung) — ein innerfamiliäres Übungsfeld für die Kommunikation mit der „anderen" Welt. Wo dieser Schritt durch die Bezugsperson nicht beantwortet wird, entsteht eine Lücke, die später als Selbstwertstörung wiederkehren kann.

Lebensabschnitte · 15-Jahres-Zyklen

Längle skizziert — als Entwurf auf Basis unmittelbarer Evidenz, ohne empirische Absicherung — eine Periodisierung des Lebens in etwa 15-jährige Zyklen mit jeweils einem Beanspruchungs- und Entwicklungsschwerpunkt in einer Grundmotivation. In jedem Zyklus sind stets alle vier GMs präsent und in Entwicklung; eine steht jeweils im Vordergrund.

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0–15 Jahre · Schwerpunkt 1. GM

Lernen im Bereich des Könnens. Aufbau von Halt, Schutz, Raum — die zentrale existentielle Frage: kann ich sein, ist die Welt tragfähig?

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15–30 Jahre · Schwerpunkt 2. GM

Soziale Verankerung. Beziehung, Nähe, Vitalität — der Wert des Lebens wird in Partnerschaft und Beziehungen gelebt.

3

30–45 Jahre · Schwerpunkt 3. GM

Ausgestaltung der Persönlichkeit. Identität, Selbstwert, Eigenes finden — Beruf, Beziehung, Lebensform werden auf Eigenheit geprüft.

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>45 Jahre · Schwerpunkt 4. GM

Lebensorientierung — „noch etwas Neues anfangen". Sinn und Kontext treten in den Vordergrund: Wofür lebe ich, was will noch werden?

Vertiefung · Sterns Selbst-Invarianten

Stern beschreibt vier Selbsterfahrungen („Selbst-Invarianten"), aus denen das Kern-Selbst-Empfinden hervorgeht und die belegen, dass der Säugling sich als getrenntes, körperliches Wesen wahrnimmt: Urheberschaft (ich bin Quelle meiner Handlungen), Selbst-Kohärenz, Selbst-Affektivität und Selbst-Geschichtlichkeit. Stern lehnt darum den Symbiose-Begriff ab: Es besteht nie eine völlige Undifferenziertheit zwischen Selbst und anderen (self-versus-other); Gemeinsamkeitserlebnisse beschreibt er als self-with-other, bei denen die gefühlten Grenzen zwischen Selbst und Objekt intakt bleiben.

Vertiefung · Frühe Bindungsstörungen und GM-Spezifität

Diagnostisch ist die Synchronisation mit den GMs hilfreich: Störungen in der frühesten Zeit (1. GM) zeigen sich als Halt-Verlust, Angst, basale Unsicherheit; Störungen in der Affektabstimmung (2. GM) als Beziehungs- und Vitalitätsstörungen, depressive Tönung; Störungen um die 9-Monats-Krise (3. GM) als Selbstwert- und Identitätsprobleme, narzisstische oder histrionische Strukturen. Diese GM-Spezifität erlaubt gezieltere therapeutische Schwerpunktsetzung.

Fall-Beispiel

Fall· 9-Monats-Krise · 3. GM

„Mama, schau dort" — wenn die Antwort fehlt

Säugling, 9 Monate, beginnt aktiv den Austausch zu fordern: zeigt mit dem Finger, prüft, ob die Bezugsperson mitschaut. Wo diese Antwort dauerhaft ausbleibt — sei es durch mütterliche Depression, Überforderung oder strukturelle Abwesenheit — wird der demarkierende Schritt zur 3. GM nicht beantwortet. Die Folge: Beeinträchtigung von Selbstwert und dialogischer Fähigkeit; Risikofaktor für spätere narzisstische oder histrionische Strukturen. Therapeutisch ist die Anbahnung gelingender Mitschau (durch Therapeut, später durch andere Bezugspersonen) der zentrale Wirkfaktor.

Quellen
  • Längle 2018 · Das Sein ist im Werden (Existenzanalyse 35/2, 31–43)
  • Stern 1992/1998 · Selbst-Entwicklung des Säuglings
  • Krivtsova 2012/2014/2016 · Parallelisierung Selbst ↔ Grundmotivationen