Themen · Werden und Entwicklung

Entwicklungspsychologie

„Das Sein ist im Werden" — Längle verbindet Stern'sche Säuglingsforschung mit den vier Grundmotivationen zu einem fraktalen Entwicklungsmodell, in dem jede existentielle Dimension ihre eigene Schwerpunktzeit hat, aber alle stets parallel präsent bleiben.

Meta · 60-Sekunden-Take

Zwei Stufen jeder Entwicklung: Werden (primäres Sein, Geworfenheit, Adaptation) und Entwicklung (integriertes Sein, aktives Ergreifen). Sterns Selbst-Schichten (auftauchend → Kern → subjektiv → intersubjektiv → verbal/erzählend) werden mit den vier GMs synchronisiert (Krivtsova 2014). Erwachsenenleben strukturiert sich in 15-Jahres-Zyklen mit GM-Schwerpunkten: 0-15 (1.GM), 15-30 (2.GM), 30-45 (3.GM), >45 (4.GM).

Werden und Entwicklung

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Modus

In welchem Modus geschieht das Heranreifen?

Werden — primäres Sein

Geworfenheit, Anpassung, passive Aufnahme. Das Kind wird in Bedingungen hineingestellt, die es nicht wählt — und antwortet adaptiv. Frühe Lebenszeit.

Entwicklung — integriertes Sein

Aktives Ergreifen, Integration, Stellungnahme. Mit dem Erwachen der Person wird das Werden zur Entwicklung — das Vorgefundene wird zum Eigenen verarbeitet.

Stern-Schichten und die vier Grundmotivationen

Daniel Sterns empirische Säuglingsforschung beschreibt fünf Selbst-Schichten, die nicht nacheinander abgelöst werden, sondern geschichtet bleiben: das auftauchende Selbst (ab Geburt), das Kernselbst (ab ca. 2.–7. Monat), das subjektive Selbst (ab ca. 7.–9. Monat), das intersubjektive Selbst und schließlich das verbal-erzählende Selbst (ab ca. 15.–18. Monat). Krivtsova und Längle (2014) synchronisieren diese Schichten mit den vier Grundmotivationen: das Kernselbst entspricht der 1. GM (Da-Sein-Können), die Affektabstimmung der 2. GM (Mögen-Leben), die Triangulierung um den 9. Monat herum der 3. GM (Eigen-Sein-Dürfen), und das narrative Selbst der 4. GM (Sinn-Wollen).

Die 9-Monats-Krise

Um den neunten Lebensmonat herum geschieht ein qualitativer Sprung: das Kind beginnt aktiv, einen Austausch zu fordern. Es zeigt mit dem Finger („Mama, schau dort"), es prüft, ob der Andere mitschaut, es entwickelt eine erste Theory of Mind. Diese Triangulierung — Ich, Du und ein gemeinsam betrachtetes Drittes — ist die existentielle Geburtsstunde der 3. Grundmotivation. Das Kind demarkiert das Eigene: es zeigt sich als jemand, der etwas meint, der eine eigene Perspektive hat. Wo dieser Schritt durch die Bezugsperson nicht beantwortet wird, entsteht eine Lücke, die später als Selbstwertstörung wiederkehrt.

Lebensabschnitte des Erwachsenen

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0–15 Jahre · Schwerpunkt 1. GM

Aufbau von Halt, Schutz, Raum. Die zentrale existentielle Frage: kann ich überhaupt sein, ist die Welt tragfähig?

2

15–30 Jahre · Schwerpunkt 2. GM

Beziehung, Nähe, Vitalität. Wert des Lebens wird im Probieren entdeckt — Partnerschaft, Beruf, körperliches Lebensgefühl.

3

30–45 Jahre · Schwerpunkt 3. GM

Identität, Selbstwert, Eigenes finden. Die mittlere Lebenszeit ist die Zeit des „Stimmt das für mich?" — Beruf, Beziehung, Lebensform werden auf Eigenheit geprüft.

4

>45 Jahre · Schwerpunkt 4. GM

Sinn, Kontext, Vermächtnis. Die Frage „Wozu war das alles?" tritt in den Vordergrund — und wird, wenn beantwortet, zur Quelle des reifen Lebens.

Vertiefung · Sterns Selbst-Invarianten

Stern beschreibt vier Invarianten, die das Selbst über alle Schichten hinweg trägt: Urheberschaft (ich bin Quelle meiner Handlungen), Kohärenz (ich bleibe derselbe in Raum und Zeit), Affektivität (ich habe ein eigenes Gefühlsleben) und Geschichtlichkeit (ich habe Vergangenheit und Erwartung). Stern lehnt aus diesem Grund den Symbiose-Begriff ab — das Kind ist von Anfang an ein eigenes Selbst, nicht eine ungeschiedene Einheit mit der Mutter.

Vertiefung · Frühe Bindungsstörungen und GM-Spezifität

Diagnostisch ist die Synchronisation mit den GMs hilfreich: Störungen in der frühesten Zeit (1. GM) zeigen sich als Halt-Verlust, Angst, basale Unsicherheit; Störungen in der Affektabstimmung (2. GM) als Beziehungs- und Vitalitätsstörungen, depressive Tönung; Störungen um die 9-Monats-Krise (3. GM) als Selbstwert- und Identitätsprobleme, narzisstische oder histrionische Strukturen. Diese GM-Spezifität erlaubt gezieltere therapeutische Schwerpunktsetzung.

Fall-Beispiel

Fall· 9-Monats-Krise · 3. GM

„Mama, schau dort" — wenn die Antwort fehlt

Säugling, 9 Monate, beginnt aktiv den Austausch zu fordern: zeigt mit dem Finger, prüft, ob die Bezugsperson mitschaut. Wo diese Antwort dauerhaft ausbleibt — sei es durch mütterliche Depression, Überforderung oder strukturelle Abwesenheit — wird der demarkierende Schritt zur 3. GM nicht beantwortet. Die Folge: Beeinträchtigung von Selbstwert und dialogischer Fähigkeit; Risikofaktor für spätere narzisstische oder histrionische Strukturen. Therapeutisch ist die Anbahnung gelingender Mitschau (durch Therapeut, später durch andere Bezugspersonen) der zentrale Wirkfaktor.

Quellen
  • Entwicklungspsychologie-in-EA.pdf · Längle/Krivtsova 2014