Störungen · Suizidalität

Suizidalität · Parasuizid und Verantwortungsübergabe

Bei Hysterikern liegt meist keine echte Suizidalität vor, sondern Parasuizidalität — Appell, Druckmachen, Hilferuf. Die EA-Linie ist konsequente Verantwortungsübergabe.

Meta · 60-Sekunden-Take

Längle unterscheidet scharf: Suizid = eindeutiger Wunsch nach Selbsttötung; Parasuizid = Appellfunktion. Zwei Subformen: parasuizidale Geste (Aggression gegen die Umgebung, Strafaktion) und parasuizidale Pause (Tiefschlaf-Flucht). Therapeutische Haltung: Verantwortungsübergabe statt Übernahme. Bei echter Suizidalität: Suizidversprechen geben lassen. Der Hysteriker splittet Freiheit und Verantwortung: „Die Freiheit habe ich, die Verantwortung du."

Suizidabklärung in der Therapie — 4 Schritte

1

Was braucht er jetzt?

Nicht zuerst: „Wie gefährlich ist es?" — sondern: „Was braucht dieser Mensch in diesem Moment?". Zuwendung, Verstehen, Ruhe. Erst dann differenzieren.

2

Selbsteinschätzung des Hilfebedarfs

Den Patienten selbst einschätzen lassen — „Was brauchen Sie heute Nacht? Wie lange schaffen Sie es?". Selbsteinschätzung übt Mitte und Verantwortung.

3

Zwischenruf-Anrufe — Verantwortungsübergabe

Bei Anrufen außerhalb der Stunde nicht in Bereitschaftsdienst verfallen. Kurz zuhören, dann zurückgeben: „Bis wann schaffen Sie es? Was hilft Ihnen heute Abend?". Verantwortung bleibt beim Patienten.

4

Echte Suizidalität — Suizidversprechen

Liegt echte Suizidalität vor: ausdrückliches Suizidversprechen geben lassen — „Sie versprechen mir, sich bis zum nächsten Termin nichts anzutun." Klare Absprache, klarer Rahmen, ggf. stationäre Einweisung.

Betreuung Angehöriger, die mit Suizid bedroht werden

1

Hintergrund klären

Wer droht wem? Seit wann? In welchen Situationen? Wer reagiert wie? Erst die Dynamik verstehen, dann handeln.

2

Hilfe vermitteln

Therapeutische Anbindung der bedrohenden Person empfehlen, Akut-Hotlines benennen, Klinikadressen. Der Angehörige ist nicht zuständig für die Behandlung.

3

Verantwortungsübergabe — wörtliche Längle-Formulierung

Der Angehörige übt — in eigenen Worten oder wörtlich — die Verantwortungsübergabe. Sie entlastet den Angehörigen und konfrontiert die bedrohende Person mit ihrer eigenen Freiheit. (Vollständige Formulierung siehe Vertiefung unten.)

Parasuizid vs. echter Suizid

1

Funktion

Appell oder Beendigung?

Parasuizid: Appell, Hilferuf, Druckmachen — adressiert an ein Gegenüber.
Suizid: Wunsch nach Beendigung — adressiert an sich selbst (oder niemanden).
2

Methode

Sichtbar oder verborgen?

Parasuizid: meist gut sichtbar, „rettbar" (Tabletten in Reichweite einer Person, Schnitte oberflächlich).
Suizid: verborgen, sicher, kein Aufgefunden-Werden geplant.
3

Ankündigung

Wer weiß davon?

Parasuizid: oft angekündigt, manchmal gegenüber mehreren Personen.
Suizid: selten direkt angekündigt; Hinweise eher in Abschiedsgesten, Weggabe von Besitz.
4

Subform

Geste oder Pause?

Geste: Aggression gegen die Umgebung, Strafaktion — „dann werden sie sehen". Pause: Tiefschlaf-Flucht ohne Aggression — „nur weg, nichts mehr spüren".
Suizid: tritt häufig aus depressiver oder schwermütiger Phase auf — die Welt steht still, kein Ausweg sichtbar.
Vertiefung · Wörtliche Längle-Formulierung der Verantwortungsübergabe

„Wenn du dich umbringen willst, dann kann dich niemand daran hindern. Jeder Mensch hat die Freiheit dazu, aber auch die Verantwortung. Es ist und bleibt deine Entscheidung und deine Verantwortung. Wenn ich weggehe, ist das nicht Mord, sondern ich lasse dich in deiner Freiheit und Verantwortung."

Diese Formulierung trennt drei Dinge sauber: Freiheit (die Möglichkeit, es zu tun), Verantwortung (die Folge tragen müssen) und Beziehung (ich gehe nicht weg, weil ich dich nicht mag — ich gehe, weil ich dich in deiner Freiheit lasse). Sie ist ein therapeutisches Werkzeug für Angehörige und Bezugspersonen, nicht für die Erstbehandlung akuter Suizidalität ohne Beziehung.

Vertiefung · Asymmetrie · „Freiheit spricht an, Verantwortung weniger"

Längle beobachtet: Beim hysterischen Menschen liegt der Akzent auf Freiheit. Sich frei zu fühlen ist erstrebt — die Verantwortung, die zur Freiheit gehört, wird abgegeben. Genau dieses Splitten muss in der Therapie behoben werden. Die Verantwortungsübergabe ist deshalb nicht hart, sondern entwicklungsförderlich: sie gibt zurück, was zur Person gehört.

Fall-Beispiel

Fall· Akut-Anruf

22 Uhr: „Ich bringe mich um"

Patient ruft um 22 Uhr an: „Ich halte es nicht aus, ich bringe mich um." Therapeut hört fünf Minuten zu, fragt dann: „Wie lange schaffen Sie es noch — bis morgen früh, bis übermorgen zur Stunde?" Patient: „Bis morgen früh." Termin morgen 9 Uhr fixiert, Versprechen sich bis dahin nichts anzutun. Beim Termin nicht den Appell des Vortages bestätigen, sondern: „Was braucht es jetzt, damit Sie sich heute nicht so allein erleben?" Direkt zum eigentlichen Schmerzthema — Selbsteinschätzung üben, Verantwortung bleibt beim Patienten.

Quellen
  • Längle, A. (1997) · Umgang mit hysterischer Suizidalität/Parasuizidalität
  • Längle, A. · Skript 2012, Kap. 9.2 · Suizidalität bei Hysterie