Störungen · Therapie

Therapie · Ernstnehmen und bei-sich-bleiben

EA-Therapie der Hysterie ist langsam, sachlich und festigend — kein Konfrontieren, sondern Halten und Erklären, bis durch das Aushalten des Schmerzes erstmals ein „Sich-Sein" entsteht.

Meta · 60-Sekunden-Take

Längles Kerngedanke: Ernstnehmen des Patienten in seinem versteckten Leiden und bei sich selber bleiben als Therapeut. Schlüssel: die einzige Verhaltensweise, die dem Hysteriker keine Macht gibt — aus der eigenen Mitte heraus handeln. Reagieren ist Mitspielen — „das Hysterische ist wie eine Spinnenwebe". Therapie verläuft als Spirale bis zur personalen Geburt am „Tor des Todes/der Auflösung". Bei histrionischer PS: nicht konfrontieren, sondern erklären.

Längles 10 Therapieschritte (Spirale)

1

Ernstnehmen · bei-sich-bleiben

Der Patient versteckt sein Leid in Drama. Der Therapeut nimmt es ernst — und bleibt bei sich. Nicht mitspielen, nicht imponieren, nicht abwerten.

2

Setting · Rahmen

Klarer Rahmen — Zeiten, Honorar, Geschenke, Kontaktregeln. Der Rahmen hält, was die Person noch nicht halten kann.

3

Stil der Festigkeit

Sachlich, ruhig, langsam — kein Mit-Schwung, kein Pathos. Festigkeit ist die heilsame Antwort auf den Wirbel.

4

Aktuelle Probleme

Erst arbeiten, was jetzt drängt — Beziehung, Beruf, Geld. Realität bringt Boden.

5

Soziales Umfeld

Wer hält, wer schadet, wer wird gebraucht. Soziale Landkarte schaffen, ggf. Paartherapie ergänzen.

6

Unangenehmes aushalten

Üben, das Unangenehme nicht sofort abzuwehren — Pausen, Stille, Langeweile, Spannung. Erste Annäherung an die Mitte.

7

Unzufriedenheit analysieren

Was genau ist unzufrieden? Womit verglichen? Welcher Wert wird vermisst? Statt diffuser Klage entstehen konkrete Themen.

8

Selbstbild-Induktion

Behutsam aufbauen: „Wie sehen Sie sich selbst?" — über Bilder, Beschreibungen, Zeichnungen, Briefe. Vorgegebene Bilder ablösen.

9

Phänomenologische Vertiefung mit PEA · Tor des Todes/der Auflösung

PEA mit besonderer Sorgfalt: zum eigenen Erleben, zur Stellungnahme, zum Ausdruck. Am „Tor des Todes/der Auflösung" das Schmerz-Aushalten bis zur scheinbaren Auflösung → personale Geburt, erstes „Sich-Sein".

10

Biographische Arbeit

Erst spät — biographische EA, Missachtungen und Übergriffe ordnen, frühe Schmerzpunkte ins Gespräch heben. Vorher nicht: würde nur retraumatisieren.

Histrionische PS — vier Spezifika

1

Beziehung als Schwierigstes

Spinnenweben-Dynamik

Die therapeutische Beziehung ist der eigentliche Arbeitsort — und gleichzeitig die größte Falle. Jede Resonanz wird zur Beziehungsschuld eingefordert. Klarheit, Distanz, Wiederholung.

2

Nicht konfrontieren · erklären

Verstehen statt Vorwurf

Konfrontation aktiviert den Schmerz, ohne Halt zu geben — und wird als Angriff erlebt. Erklären gibt Halt: „Das geschieht, weil…". Verstehen ist die heilsame Berührung.

3

Wahrheit zentral

Keine Höflichkeitslügen

Der Patient lebt im Schein — der Therapeut darf den Schein nicht stützen. Sachliche Wahrheit, freundlich gesagt, ist die wichtigste Medizin.

4

Festigkeit + Langsamkeit

Tempo der Mitte

Nicht schnell, nicht überraschend, nicht originell. Wiederholung, Festigkeit, ruhiges Tempo — das ist die Frequenz, in der die Mitte entstehen kann.

Fallen — auf beiden Seiten

Vertiefung · Paartherapie — vier Schritte entlang der GM

1. Wahrheit (1. GM): erst klären, was wirklich gesagt werden kann — keine Höflichkeitsfassade. 2. Näheerleben (2. GM): echte Berührung suchen, statt inszenierter Nähe — Werte, Erinnerungen, kleines gemeinsames Erleben. 3. Offene Stellungnahmen (3. GM): jeder spricht für sich, nicht über den anderen. „Ich will…", „Ich brauche…", „Ich kann…". 4. Gemeinsames (4. GM): wofür wollen wir gemeinsam leben? Welcher Sinn trägt diese Beziehung? Erst hier wird die Paartherapie zukunftsoffen.

Vertiefung · „Tor des Todes/der Auflösung"

Der Patient hält Unangenehmes aus bis an die Grenze der scheinbaren Auflösung — Gefühle des Alleinseins, der Hilflosigkeit, der Verlassenheit, des „ich vergehe". Der Therapeut hält mit, ohne zu retten. Wenn das Aushalten gelingt, taucht jenseits der Auflösung etwas Tragendes auf: das erste „Ich bin" — die personale Geburt. Längle beschreibt das als den entscheidenden Wendepunkt der Hy-Therapie.

Fall-Beispiel

Fall· Therapiestunde

Die Tafel Schokolade

Patientin bringt am Ende der Stunde eine Tafel Schokolade. Therapeut: „Vielen Dank — und gleichzeitig möchte ich Sie bitten, ab heute keine Geschenke mehr mitzubringen. Hier zählt, was wir gemeinsam tun." Keine Konfrontation, keine Deutung — eine Erklärung. Die Patientin wirkt gekränkt, schweigt drei Minuten, sagt dann: „Sie sind der erste, der nichts will." Damit beginnt die erste echte Stellungnahme der Therapie.

Quellen
  • Längle, A. (1997) · Psychotherapie der Hysterie
  • Längle, A. / Tutsch in Längle (Hrsg.) (2002) · Hysterie · Fakultas
  • Längle, A. (2003) · Therapie der hysterischen Persönlichkeitsstörung