Themen · Gefühl, Wahrnehmung, Existenz

Emotion · Emotionstheorie

Gefühle sind keine weichen Begleiter der Vernunft. Sie sind Wahrnehmungen — sie erfassen, was am Leben relevant ist, in einer Sprache, die Vernunft so nicht kann.

Meta · 60-Sekunden-Take

Gefühle sind in der EA Wahrnehmungen von Lebensrelevantem. Ihre Ohnmacht gegenüber dem Willen ist nicht Willensschwäche, sondern Ausdruck dafür, dass sie Realitäten erfassen, die der Wille nicht einfach auslöschen kann. Existieren heißt „mit innerer Zustimmung leben" — Emotion ist der Königsweg dahin. Existenzanalyse: „Arbeit an der Zustimmung zum eigenen Handeln."

Was ist ein Gefühl?

Ein Gefühl ist in der EA eine Wahrnehmung mit affektiver Resonanz. Seine Funktion: Komplexitätsreduktion auf Lebensbedeutsamkeit. Während die Vernunft die Welt digital, distinkt und über Begriffe erfasst, repräsentiert das Gefühl analog — es bildet Lebensbezüge ab, indem es selbst Leben bewegt. Es ist damit kein Gegenspieler der Erkenntnis, sondern ihre andere Sprache.

Die Vier-Schritte-Genese des Gefühls

1

Beziehung

Sich-in-Bezug-Setzen zum Objekt. Hinwendung als erste Bedingung.

2

Wirken-Lassen

Phänomenologische Geduld: das Objekt darf sein, was es ist, und wirken.

3

Resonanz am Leben

Die Wirkung auf das eigene Leben wird körpernah wahrgenommen — das ist die Wahrnehmungsdimension des Gefühls.

4

Mobilisierte Vitalität

Aus der Resonanz wird Energie auf das Objekt hin freigesetzt — das Gefühl im engeren Sinn.

Affekt versus Emotion

1

Wo entsteht das?

Außen vs. Innen.

Affekt entsteht stimulusbezogen, unwillkürlich. Emotion entsteht aus dem Inneren der Person, an einem inneren Inhalt entzündet.

2

Funktion

Schutz vs. Gestaltung.

Affekt ist lebenserhaltend — er schützt das nackte Dasein. Emotion ist lebensgestaltend — sie ist an Wert orientiert.

3

Freiheit

Passiv vs. personal.

Affekt ist unfrei — er passiert. Emotion ist frei — sie ist personale Stellungnahme, in der die Person sich zeigt.

Vier Verarbeitungsstufen — die PEA-Linie

1

Primäre Emotion · PEA-1

Das unmittelbare Affiziertsein. Etwas trifft mich, bevor ich es deute.

2

Phänomenaler Gehalt · PEA-1-Ph

Die implizite Botschaft des Erlebens: was hat sich darin zu verstehen gegeben?

3

Verinnerlichung · PEA-2

Die innere Stellungnahme: ich nehme Stellung zum, was mich getroffen hat. Hier wird aus Passion Position.

4

Selbsterleben · Willenskeim · PEA-3

Übergang zur Handlung: aus der Stellungnahme entsteht ein erstes Wollen, der Keim eines Tuns.

Wertkategorien Frankls — prozessual neu gelesen

Frankl unterscheidet drei Wertkategorien — die EA liest sie nicht als Inhaltsklassen, sondern als Prozessmodi:

Alle drei brauchen das innere Ja. Daraus die existenzanalytische Neudefinition: Arbeit an der Zustimmung zum eigenen Leben.

Vertiefung · Affekt vs. Emotion in der Klinik

Die Unterscheidung hat klinische Konsequenzen. Bei Persönlichkeitsstörungen und Psychosen ist Zurückhaltung mit Emotionsmobilisierung geboten — die haltgebende Struktur muss vor jeder Vertiefung gesichert sein. Bei Neurosen dagegen ist das Bewegen der Emotion oft der zentrale Wirkfaktor: das, was verdrängt war, kommt zur Sprache und kann personal angenommen werden.

Vertiefung · Ontogenese der Gefühle (Franz 2009)

Die Mutter-Kind-Interaktion bildet eine Entwicklungslinie parallel zu den vier Grundmotivationen: affect attunement (Stimmung treffen) — affect sharing (Gefühl teilen) — affect marking (das Gefühl spiegeln und benennen) — Symbolisierung (das Gefühl in Sprache und Selbstbild integrieren). Was hier nicht geschieht, fehlt im späteren Gefühlsleben.

Fall-Beispiel

Fall· Schizophrenie · Willensblockade

„Meine Gefühle verwirren mich."

Ein Patient mit behandelter Schizophrenie schildert: „Normal ist: man erlebt etwas, hat Gefühle, trifft Entscheidungen. Das geht bei mir nicht. Meine Gefühle verwirren mich." Er sperrt sich gegen die Gefühlsebene. Resultat: Willensblockade — er bleibt auf der Wunschebene, der Schnittpunkt Realität / Gefühl / Vernunft kommt nicht zustande. Therapeutisch ist die Konsequenz hier nicht, die Gefühle freizusetzen (kontraindiziert), sondern eine haltgebende Strukturierung in kleinen Schritten — Affekt vor Emotion, Form vor Tiefe.

Quellen
  • Gefuehl-Emotionstheorie.pdf · Längle 2010 — Gefühl als Wahrnehmung, Wertkorrelat, Vier-Schritte-Genese.
  • Emotion-und-Existenz-in-Therapie.pdf · Längle 2003 — Affekt vs. Emotion, klinische Anwendung.