Themen · Gefühl, Wahrnehmung, Existenz

Emotion · Emotionstheorie

Gefühle sind keine weichen Begleiter der Vernunft. Sie sind Wahrnehmungen — sie erfassen, was am Leben relevant ist, in einer Sprache, die Vernunft so nicht kann.

Meta · 60-Sekunden-Take

Gefühle sind in der EA Wahrnehmungen von Lebensrelevantem. Ihre Ohnmacht gegenüber dem Willen ist nicht Willensschwäche, sondern Ausdruck dafür, dass sie Realitäten erfassen, die der Wille nicht einfach auslöschen kann. Existieren heißt „mit innerer Zustimmung leben" — Emotion ist der Königsweg dahin. Existenzanalyse: „Arbeit an der Zustimmung zum eigenen Handeln."

Was ist ein Gefühl?

Ein Gefühl ist in der EA eine Wahrnehmung mit affektiver Resonanz. Seine Funktion: Komplexitätsreduktion auf Lebensbedeutsamkeit. Während die Vernunft die Welt digital, distinkt und über Begriffe erfasst, repräsentiert das Gefühl analog — es bildet Lebensbezüge ab, indem es selbst Leben bewegt. Es ist damit kein Gegenspieler der Erkenntnis, sondern ihre andere Sprache.

„Gefühle sind Wahrnehmungen von Lebensrelevantem."
— A. Längle, Emotionslehre 2010, S. 63

Mit diesem Satz verschiebt Längle 2010 den Schwerpunkt: Nicht der Wert, sondern das Leben ist der Resonanzkörper des Gefühls. Werte entstehen als das, „was das Leben fördert" — sie werden also durch das Fühlen entdeckt, nicht erst erkannt und dann gefühlt. Damit ist das Gefühl der Willensbildung vorgängig. Fühlen, schreibt Längle, ist „mobilisierte Vitalität, erweckte Lebenskraft".

Begriffslandkarte · Fühlen und Spüren

Längle (2003) unterscheidet zwei Hauptachsen unter dem Oberbegriff Gefühl im weiteren Sinn: das Fühlen (Nah-Gefühl) richtet sich auf die eigene Befindlichkeit — „Wie geht es mir damit?". Das Spüren (Fern-Gefühl) richtet sich auf den Eigenwert der Sache — „Wie spricht das zu mir?".

Die Vier-Schritte-Genese des Gefühls

Die 2010er Emotionslehre stellt der Verarbeitungslogik der primären/integrierten Emotion ein Genese-Modell voran. Es beschreibt nicht, was ein bereits da seiendes Gefühl mit der Person macht, sondern wie das Gefühl entsteht:

1

Beziehung

Sich-in-Bezug-Setzen zum Objekt. Hinwendung als erste Bedingung.

2

Wirken-Lassen

Phänomenologische Geduld: das Objekt darf sein, was es ist, und wirken.

3

Resonanz am Leben

Die Wirkung auf das eigene Leben wird körpernah wahrgenommen — das ist die Wahrnehmungsdimension des Gefühls.

4

Mobilisierte Vitalität

Aus der Resonanz wird Energie auf das Objekt hin freigesetzt — das Gefühl im engeren Sinn.

Erlebenskette

Nähe  →  Berührtsein  →  Bewegtsein  →  erlebte Kraft  →  GEFÜHL

Verstärkt wird die Nähe durch Beziehung + Zeit — das ist die Zuwendung, der „Gefühlsverstärker". Daraus erwächst Energie, die als Leben fühlbar wird — „es lässt einen nicht kalt". Fühlen ist mobilisierte Vitalität, erweckte Lebenskraft.

Affekt versus Emotion

1

Wo entsteht das?

Außen vs. Innen.

Affekt entsteht stimulusbezogen, unwillkürlich. Emotion entsteht aus dem Inneren der Person, an einem inneren Inhalt entzündet.

2

Funktion

Schutz vs. Gestaltung.

Affekt ist lebenserhaltend — er schützt das nackte Dasein. Emotion ist lebensgestaltend — sie ist an Wert orientiert.

3

Freiheit

Passiv vs. personal.

Affekt ist unfrei — er passiert, ursachenbezogen. Emotion ist innerlich frei — eine Antwort aus der Tiefe der Beziehung zum Leben, „wie eine innere Sprache".

Begriffsinventar · Affekt, Emotion, Stimmung, Gespür

Die saubere Terminologie der EA — wertvoll zur Differenzierung im therapeutischen Gespräch. Längle (2003) bezieht sich phänomenologisch auf Scheler, Strasser und Heidegger.

Trieb
Vitale Kraft im Dienst des Überlebens; körperliches Bedürfnis mit drängender Spannung — Hunger, Schlaf, Sexualität, Bewegung.
Affekt — lat. ad-ficere, „angemacht werden"
Stimulusabhängig, dauert nur für die Dauer der Stimulation (samt Abklingphase), reaktiv, (noch) nicht personal integriert. Hat eine Ursache. Beispiele: Ärger, Angst, Erotisierung; der Gefühlsanteil aller Copingreaktionen.
Emotion — lat. e-movere, „von innen heraus bewegen"
Auf persönliche Werte bezogen, innerlich frei, hat einen Grund (keine Ursache). Beispiele: Freude, Liebe, Trauer.
Stimmung
Länger andauernder Gefühlszustand, Grundstimmung. Nach Heidegger: das In-der-Welt-Sein ist „immer gestimmt". Nach Strasser: „Ich- und Weltgefühl zugleich".
Laune
Kurzfristige, oberflächliche Stimmungsänderung; dem Affekt nahe.
Empfindung
Reines Fühlen / Befühlen einer Emotion angesichts eines Inhalts; nach Strasser „objektivierendes Fühlen".
Anmutung
Plötzlicher Befall durch ein Gefühl mit lockerem Situationsbezug; nahe an Spüren und Phantasie. Heute meist nur noch für präpsychotische Erlebnisse verwendet.
Gespür / Fern-Gefühl
Bezieht sich auf den Eigenwert der Objekte (das Richtige, die Atmosphäre einer Gruppe). Intuitiv, phänomenologisch, körperdistanziert. Frage: „Wie spricht das zu mir?"

Vier Verarbeitungsstufen — die PEA-Linie

1

Primäre Emotion · PEA-1

Das unmittelbare Affiziertsein. Etwas trifft mich, bevor ich es deute.

2

Phänomenaler Gehalt · PEA-1-Ph

Die implizite Botschaft des Erlebens: was hat sich darin zu verstehen gegeben?

3

Verinnerlichung · PEA-2

Die innere Stellungnahme: ich nehme Stellung zu dem, was mich getroffen hat. Hier wird aus Passion Position.

4

Selbsterleben · Willenskeim · PEA-3

Übergang zur Handlung: aus der Stellungnahme entsteht ein erstes Wollen, der Keim eines Tuns.

Primäre und integrierte Emotion

Die zwei Hauptbegriffe der PEA verdienen eine eigene Markierung. Längle (2003) formuliert prägnant:

Primäre Emotion = Affekt + Impuls

Die primäre Emotion (P.E.) ist die erste spürbare, oft unbewusste oder verdrängte Gefühlsqualität auf einen Eindruck — mit primärer Bewertung („wohltuend"/„abstoßend") und Handlungsimpuls (Attraktion/Repulsion). Sie enthält „Sinnkeime", aber noch keine ganzheitliche Wertabstimmung; sie kann kreativ-inspirierend oder verschließend-verhärtend wirken.

Die integrierte Emotion (I.E.) ist die vom unmittelbaren Eindruck gelöste Emotion, abgestimmt mit dem Gesamtgefüge der Wertbezüge. Sie wird vom Gefühl der Stimmigkeit begleitet und dient als emotionale Begründung authentischen Handelns. Die Integration erfolgt in fünf Schritten: Wahrnehmung (mit Distanzgewinn) → Verstehen → Gewissensbezug → Stellungnahme → Willensbildung.

Therapeutische Konsequenz: Das Gefühl ist der Willensbildung vorgängig. Wer den Willen stärken will, muss zuerst das Fühlen-Können wiederherstellen — Brücke zur Wille-Seite.

Wertkategorien Frankls — prozessual neu gelesen

Frankl unterscheidet drei Wertkategorien — die EA liest sie nicht als Inhaltsklassen, sondern als Prozessmodi:

Alle drei brauchen das innere Ja. Daraus die existenzanalytische Neudefinition: Arbeit an der Zustimmung zum eigenen Handeln — zur Welt und zu sich selber. Dynamisch gelesen entsteht Sinn dadurch, dass der Mensch sein Leben durch Erleben, Gestaltung und Einstellung „bejahbar" machen kann.

Anthropologie und Neurobiologie der Emotion

Schneider (2020) hat in seiner Abschlussarbeit die existenzanalytische Emotionslehre an die heutige Anthropologie und Neurobiologie angebunden — ohne sie zu reduzieren. Drei Befunde sind für die EA tragend:

Aufhebung der cartesianischen Dichotomie

Die Trennung von Körper und Geist (Descartes) hat das Denken über Emotionen lange dominiert. In Frankls Logotherapie steht die geistige Person noch antagonistisch zum Psychophysikum. Längle (2009) verlässt diesen Weg: Geistiges und Physisches sind Dimensionen, die in komplexem Zusammenhang stehen — die EA folgt damit dem Paradigmenwechsel in den Neurowissenschaften.

Neurobiologische Bestätigung

Schneider zeigt mit Damasio, Grawe, Panksepp und Kandel:

Korrespondenz GM ↔ Grundbedürfnisse

Schneider zeigt die Korrespondenz Längle ↔ Grawe explizit:

GM (Längle) Grundbedürfnis (Grawe) Funktion
1. GM
Dasein-Können
Bindung Vertrauen in Verfügbarkeit der Bezugsperson — Schutz, Halt, Grundvertrauen.
2. GM
Leben-Mögen
Lust / Unlustvermeidung Motivationales Priming: Annäherung bei positiven, Vermeidung bei negativen Reizen — durch Zuwendung zu Werten aktivierbar.
3. GM
Selbstsein-Dürfen
Selbstwerterhöhung / -schutz Komplex, erfordert reflexives Denken. Selbstbild aus Interaktion. Bei Defizit greifen Vermeidungsschemata.
4. GM
Sinnvoll-Werden
Orientierung / Kontrolle Voraussehbarkeit, Kontrollerleben als Grundlage des „Lohnt-es-sich-Einsetzens". Trauma als massiver Kontrollverlust.

Die EA ist nicht naturalistisch — sie übernimmt die Befunde der Neurowissenschaften als Bestätigung der phänomenologisch erarbeiteten Strukturen, ohne die Person auf das Gehirn zu reduzieren. Die individuelle Erfahrungsgeschichte und Kultur formen die neuronalen Strukturen mit — Vielfalt psychischer Erscheinungsformen erwächst aus Vielfalt neuronaler Kommunikationsmuster.

Emotion und Person · sich berühren lassen

In der Festschrift für Musalek (2015) vertieft Längle eine Frage, die in der 2010er-Lehre nur angedeutet war: Was macht die Person mit dem Gefühl — und was macht das Gefühl mit der Person?

Erleben als Schnittstelle

„Erleben ist eine Wahrnehmung mit affektiver Resonanz."
— A. Längle, Festschrift Musalek 2015, S. 18

Das Erleben ist die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenwelt — und damit die Grundlage für die Bewältigung und Gestaltung des Lebens. Für jede dialogische Therapie ist der Zugang zum subjektiven Erleben deshalb das wirksamste Eingangstor.

PEA als Theorie des Erlebens

Längle ordnet die PEA neu als systematische Aufteilung des Erlebensprozesses zu: Sie arbeitet zunächst Affektivität auf (PEA-1), führt dann zur Emotionalität (PEA-2) und schließlich zur Willensbildung (PEA-3). „Wenn für Freud der Traum die via regia ins Unbewusste war, so kann in der Emotion der Königsweg in die Tiefe der menschlichen Existenz gesehen werden."

Ergriffen-Werden und Sich-Ergreifen

Längle beschreibt einen wechselseitigen Prozess:

Dieser doppelte Prozess (Ergriffen-Werden ↔ Sich-Ergreifen) ist das Pendant zwischen primärer und integrierter Emotion auf prozessual-personaler Ebene. Im Schweigen der inneren Sprache liegt eine zentrale klinische Markierung — bei Persönlichkeitsstörungen und Psychosen.

Ästhetik · Schönheit als 3.-GM-Funktion

Die Festschrift bringt einen neuen Strang: Ästhetik (im Sinne von aisthesis, Wahrnehmung des Schönen) wird als phänomenologisches Ansichtig-Werden des Wesentlichen verstanden. „Im Schönen zeigt sich das Eigene, das Wesentliche des Objekts." Schönheit ist über die Fernsinne Sehen und Hören wahrgenommen — sie braucht Distanz und ist deshalb der 3. GM (Selbstsein, Wertschätzung) zugeordnet. Kitsch dagegen verführt zum Nebensächlichen, Sentimentalen, gemachten Gefühl. Therapeutisch interessant: Selbstwert enthält eine „Ästhetik für sich selbst" — Selbstwertfindung und Sich-Gefallen-Können hängen zusammen.

Vertiefung · Affekt vs. Emotion in der Klinik

Die Unterscheidung hat klinische Konsequenzen. Bei Persönlichkeitsstörungen und Psychosen ist Zurückhaltung mit Emotionsmobilisierung geboten — die haltgebende Struktur muss vor jeder Vertiefung gesichert sein. Bei Neurosen dagegen ist das Bewegen der Emotion oft der zentrale Wirkfaktor: das, was verdrängt war, kommt zur Sprache und kann personal angenommen werden.

Vertiefung · Ontogenese der Gefühle (Franz 2009)

Die Mutter-Kind-Interaktion bildet eine Entwicklungslinie, die dem Aufbau der vier Grundmotivationen überraschend genau entspricht: affect attunement (intuitives fühlendes Wahrnehmen der Gefühle des Kindes) — affect sharing (das kindliche Gefühl empathisch selbst empfinden) — affect marking (Stellungnahme: das Gefühl „entgiften", abgeschwächt spiegeln, kommentieren) — Symbolisierung (Ausdruck des Gefühls, Korrelieren mit dem somatischen Kontext). Wird diese Entwicklung gehemmt — etwa in Familien, die Emotionalität vorwiegend hysterisch verarbeiten —, entstehen vorwiegend primäre Emotionen; integrierte Emotionen bilden sich nicht aus.

Fall-Beispiel

Fall· Schizophrenie · Willensblockade

„Meine Gefühle verwirren mich."

Ein Patient mit behandelter, derzeit symptomarmer Schizophrenie schildert: „Normal ist: man erlebt etwas (Realität) — hat irgendwelche Gefühle und trifft dann Entscheidungen (Vernunft). Das geht bei mir nicht." Er sperrt sich gegen seine Gefühle, weil er sich durch sie schnell verwirrt fühlt — sie sollen „abgekoppelt" sein. Der Preis ist die Willensblockade: er bleibt auf der Wunschebene, der Schnittpunkt Realität / Gefühl / Vernunft kommt nicht zustande (Längle 2012). Therapeutisch gilt hier, was Längle (2015) für Psychosen festhält: Zurückhaltung im Ansprechen von Emotionen — statt Gespräch allein braucht es Üben, aufbauendes Lernen, einen lange tragenden Dialog, um die strukturelle Ebene zu erreichen.

Quellen
  • Längle, A. (2003): „Zur Begrifflichkeit der Emotionslehre in der Existenzanalyse." In: Längle, A. (Hrsg.): Emotion und Existenz. Wien: WUV-Facultas, 185–200.
  • Längle, A. (2003): „Emotion und Existenz." In: Längle, A. (Hrsg.): Emotion und Existenz. Wien: WUV-Facultas, 27–42 (Wertkategorien prozessual, „Arbeit an der Zustimmung").
  • Längle, A. (2010): „Gefühle — erwachtes Leben. Zur Begründung und Praxis der existenzanalytischen Emotionstheorie." Existenzanalyse 27/2, 59–71.
  • Längle, A. (2012): „Vom gelassenen Wollen zum erzwungenen Lassen. Zur Praxis der realen Freiheit." Existenzanalyse 29/2 (Fallbeispiel Schizophrenie, Konstituenten des Willens).
  • Längle, A. (2015): „Emotion, Ästhetik und Existenz. Zur Bedeutsamkeit von Wert und Schönheit für erfülltes Leben." In: Poltrum, M./Heuner, U. (Hrsg.): Ästhetik als Therapie. Festschrift für Michael Musalek. Berlin: Parodos.
  • Schneider, C. (2020): „Emotionen in der Existenzanalyse. Ein Exkurs in die Anthropologie und Neurobiologie." Abschlussarbeit GLE (Abschnitt „Anthropologie und Neurobiologie").
  • Damasio, A. (1999); Grawe, K. (2004); Panksepp, J. (1994); Kandel, E. (2014) — neurobiologische Anbindung (zit. nach Schneider 2020).