Bergen des Berührtseins
Bergen heißt Schutz geben — wie eine Burg, ein Berg. Den primären Eindruck behutsam ans Licht heben, ohne ihn zu zwingen, ohne ihn zu erklären.
Die drei Elemente des Eindrucks
Die drei Frageschritte
PEA 1-G · Gefühl
„Welches Gefühl stellt sich dabei ein? Wie geht es Ihnen dabei? Was macht das mit Ihnen?" Der erste Schritt sucht das Affiziertsein selbst — nicht die Erklärung, sondern den Klang.
PEA 1-I · Impuls
„Wonach ist Ihnen mit diesem Gefühl am ehesten zumute? Welchen spontanen Impuls spüren Sie? Zieht es Sie hin oder stößt es Sie ab?" Der Impuls zeigt die Bewegungsrichtung des Lebens vor jeder Reflexion.
PEA 1-Ph · Phänomenaler Gehalt
„Was hat Ihnen das zu verstehen gegeben? Was vermittelt Ihnen das Erlebte? Welche Haltung kommt darin zum Ausdruck?" Hier wird die implizite Botschaft des Eindrucks geborgen — was sich darin zeigt, ohne ausgesprochen zu sein.
Was beim Bergen schief gehen kann
Der primäre Eindruck ist zart. Eine Reihe typischer Widerstandsformen kann seinen Aufstieg ans Licht verhindern oder verzerren:
- Scham oder Ekel vor den eigenen Gefühlen — das Gefühl wird abgewiesen, bevor es ankommt.
- Angst vor Gefühlen oder vor Enttäuschung — das Affiziertsein wird durch antizipierten Schmerz blockiert.
- Verdrängung neu ankommender Emotionen — das Bekannte überlagert das Frische.
- „Cellophan-Schein-Schutz" über tiefen Verletzungen — eine glatte Oberfläche täuscht Heilung vor.
- Nicht-Integrierbarkeit — zu viel auf einmal, das System wird überflutet.
- Hysterische Distanzierung — die Bedrängnis wird durch Dramatisierung oder Auslagerung umgangen.
Persönlichkeitstypische Sensibilisierung
Je nach personaler Verfasstheit ist das Bergen unterschiedlich angelegt. Drei typische Konstellationen:
Ängstlich
„Wo finde ich Halt?"
Sensibilisiert auf Haltgebendes — Flucht vor dem Abgründigen. Bergen heißt hier: Halt anbieten, bevor man in die Tiefe geht.
Depressiv
„Bin ich noch etwas wert?"
Sensibilisiert auf Wertvermittelndes — Rückzug vor Entwertung. Bergen heißt hier: Wertresonanz ermöglichen, nicht Defizit erforschen.
Hysterisch
„Habe ich noch Raum?"
Sensibilisiert auf Freiheit und Eigenes — Distanzgewinn vor Bedrängnis. Bergen heißt hier: Eigenraum sichern, bevor das Gefühl heranfließen darf.
Fall-Beispiel
„Du schaffst es nicht. Bist eh unfähig."
Josef, 30, Lehrer, kommt mit einer Verletzung im Kollegium. PEA-1-G: „Wie ging es Ihnen, als das passierte?" — „Wertlos." PEA-1-I: „Welcher Impuls?" — „Rückzug. Lähmung." PEA-1-Ph: „Was hat Ihnen das zu verstehen gegeben?" — „Du schaffst es nicht. Bist eh unfähig." Stille. Dann, leise: „Das hat mein Vater immer gesagt." Tränen. Erstmals kann der Klient annehmen: „Dass dieser Mann sich nicht wie ein Vater verhalten hat." Dieser Bergen-Prozess zieht sich über acht Sitzungen — danach Übergang in PEA-2, die Stellungnahme.
Verbindungen
1512855369_Das_Bergen_des_Beruehrtseins_2003.pdf· Längle 2003 — Drei Frageschritte, Widerstandsformen, Hilfestellungen für den Therapeuten.