Themen · PEA-1 · primäre Emotion

Bergen des Berührtseins

Bergen heißt Schutz geben — wie eine Burg, ein Berg. Den primären Eindruck behutsam ans Licht heben, ohne ihn zu zwingen, ohne ihn zu erklären.

Meta · 60-Sekunden-Take

Das Bergen des Berührtseins ist die zentrale Basisarbeit der PEA-1: das Heben verschütteter primärer Emotionalität. Weil die primäre Emotion vorpersonal und unstrukturiert ist, kann sie leicht von Schutzreaktionen oder Affektabwehr überlagert werden. Die phänomenologische Vorgangsweise birgt — gibt Schutz — dem Eindruck wie einem Keimling. Drei Elemente des Eindrucks: Gefühl, Impuls, phänomenaler Gehalt.

Die drei Elemente des Eindrucks

Die drei Frageschritte

1

PEA 1-G · Gefühl

„Welches Gefühl stellt sich dabei ein? Wie geht es Ihnen dabei? Was macht das mit Ihnen?" Der erste Schritt sucht das Affiziertsein selbst — nicht die Erklärung, sondern den Klang.

2

PEA 1-I · Impuls

„Wonach ist Ihnen mit diesem Gefühl am ehesten zumute? Welchen spontanen Impuls spüren Sie? Zieht es Sie hin oder stößt es Sie ab?" Der Impuls zeigt die Bewegungsrichtung des Lebens vor jeder Reflexion.

3

PEA 1-Ph · Phänomenaler Gehalt

„Was hat Ihnen das zu verstehen gegeben? Was vermittelt Ihnen das Erlebte? Welche Haltung kommt darin zum Ausdruck?" Hier wird die implizite Botschaft des Eindrucks geborgen — was sich darin zeigt, ohne ausgesprochen zu sein.

Zur Reihenfolge: Im Allgemeinen beginnt man mit dem Gefühl — es gibt eine grobe Orientierung, wie der Patient zu diesem Erleben steht. Je belastender eine Situation, desto schwerer lässt sich das begleitende Gefühl finden; dann empfiehlt sich der Einstieg über den Impuls, der bei belastenden Inhalten oft die einzige auffindbare Spur der primären Emotion ist. Nach dem Heben des phänomenalen Gehalts ist es oft förderlich, Gefühl und Impuls nochmals anzufragen: „Wie ist das jetzt für Sie, wenn Sie das so vor sich sehen?" Stellt sich auf keiner der drei Stufen ein Berührtsein ein, geht man auf die Deskription zurück oder versucht den Einstieg über die Stellungnahme (PEA 2/3) — ohne Leistungsdruck.

Was beim Bergen schief gehen kann

Der primäre Eindruck ist zart. Eine Reihe typischer Widerstandsformen kann seinen Aufstieg ans Licht verhindern oder verzerren:

Persönlichkeitstypische Sensibilisierung

Je nach personaler Verfasstheit ist das Bergen unterschiedlich angelegt. Drei typische Konstellationen:

Ä

Ängstlich

„Wo finde ich Halt?"

Sensibilisiert auf Haltgebendes — Flucht vor dem Abgründigen. Bergen heißt hier: Halt anbieten, bevor man in die Tiefe geht.

D

Depressiv

„Bin ich noch etwas wert?"

Sensibilisiert auf Wertvermittelndes — Rückzug vor Entwertung. Bergen heißt hier: Wertresonanz ermöglichen, nicht Defizit erforschen.

H

Hysterisch

„Habe ich noch Raum?"

Sensibilisiert auf Freiheit und unverwechselbar Eigenes — Distanzgewinn vor Bedrängnis. Bergen heißt hier: Einstieg über den Impuls (PEA 1-I) — die geringere Schwelle und ein Schutz für die schmerzsensible, leicht verletzliche Gruppe.

Vertiefung · Etymologie „bergen"

„Bergen" ist stammverwandt mit Burg und Berg (Wurzel *brg) und bedeutet Schutz geben; aus derselben Wurzel stammt der Name Brigitte, „die Schutzgebende" (Kluge 1975). Das Wort trägt das Therapeutische in sich: dem Eindruck einen sicheren Ort geben, damit er sich zeigen kann. Bergen ist nicht Ausgraben — es ist ein Empfangen unter schützenden Bedingungen.

Vertiefung · Hilfestellungen für den Therapeuten

Praktische Bewegungen im Bergen: Rückzug auf die deskriptive Ebene („Wenn die Tatsachen stehen, können sich die Gefühle besser einstellen"); die mitfühlende Wahrnehmung des Therapeuten anbieten — sie bricht oft das Eis, in dem die Emotionalität festgefroren ist; weicht das eigene Empfinden vom Erleben des Patienten ab, kann gerade dieses Anbieten als kreative Differenz weiterhelfen; bei Lähmung sich Zeit lassen und mehr in die deskriptive und kognitive Ebene gehen; Verlangsamen, wenn die Vorgangsweise zu rasch zu tief geht; dem Patienten die eigene Emotionalität als Schutzmantel aufhalten, in der er sich wärmen kann. Bergen ist keine Technik — es ist eine Haltung, die sich techniknah umsetzen lässt.

Fall-Beispiel

Fall· Lehrer · PEA-1 in acht Sitzungen

„Du schaffst es nicht. Bist eh unfähig."

Josef, 30, Lehrer, kommt verletzt: die Kollegen haben ihn übergangen. PEA-1-G: „Welches Gefühl hattest du dabei?"„Ich habe mich irgendwie wertlos gefühlt." PEA-1-I: „Welche Bewegung ist in dir entstanden?"„Rückzug." Und: Lähmung. Mit ihr taucht der innere Monolog auf: „Du schaffst es nicht. Bist eh unfähig. Was willst du eigentlich?" Heftiges Weinen: „Das habe ich so oft gehört … Das war der ständige Ton zu Hause." — der Vater. Erst später wird der phänomenale Gehalt (PEA-1-Ph) gehoben: Der Vater hatte ihm zu verstehen gegeben: „Wer nicht spurt, den bringe ich um. Auch wenn es du bist." Das Gefühl deckt eine Realität auf, an deren Leugnung Josef sich immer wund schlug: dass dieser Mann sich nicht wie ein Vater zu ihm verhalten hatte. Dieses Bergen zieht sich über acht Stunden — danach Übergang in die Integration des Geborgenen (PEA-2).

Quellen
  • Längle, A. (2003): „Das Bergen des Berührtseins als therapeutische Basisarbeit in der Existenzanalyse." In: Längle, A. (Hrsg.): Emotion und Existenz. Wien: WUV-Facultas, 77–100 (drei Frageschritte, Widerstandsformen, Hilfestellungen, Fall Josef).