3. Grundmotivation · vertieft

Beachtung, Wertschätzung, Gerechtigkeit

Die drei Erfahrungen, die das Eigene zur Welt bringen. Aus ihnen schöpft der Mensch den Mut, sich selbst zu sein — und gegen das, was er nicht ist, abzugrenzen.

Meta · 60-Sekunden-Take

Beachtung ist das Gesehen-Werden in seiner Einmaligkeit — der Blick, der mich als mich wahrnimmt. Wertschätzung ist die Bestätigung des Wertes meiner Eigenart — nicht meiner Leistung, sondern meines So-Seins. Gerechtigkeit ist die faire Behandlung — was mir zusteht, bekomme ich; was nicht meines ist, wird mir nicht aufgebürdet. Aus diesen drei Erfahrungen lernt der Mensch, sich selbst zu beachten, zu schätzen und gerecht zu sein.

1Beachtung · An-sehen

An-sehen ist mehr als hinschauen. Es ist der Akt, in dem ein Mensch einen anderen als diesen einen, unverwechselbaren wahrnimmt. Längle nennt das die spezifische Aktivität der 3. GM. Sie hat einen körperlichen Ausdruck — der Blick, die Begrüßung, die Zuwendung des Gesichts — und einen geistigen: das innere Wahrnehmen der Person.

Gesehen werden
Jemand nimmt mich wahr, mit Blick, mit Aufmerksamkeit, in der Begrüßung.
Erkannt werden
Jemand erkennt mich wieder, nicht nur das Äußere, sondern was mich ausmacht.
Bestätigt werden
Die Bestätigung „ja, du bist gemeint“. Die Person darf so sein, wie sie da ist.

Gegenteil: Übersehen-Werden. Das ist die Wurzel der meisten 3.-GM-Verletzungen. Wer chronisch übersehen wird, beginnt sich entweder selbst zu übersehen — oder er entwickelt Strategien, gesehen zu werden (Schauspielerei, Trotz). Beides ist Coping, nicht Lösung.

Phänomen· Beachtungs-Verlust

„In der Familie war ich der Praktische — Gefühle waren für die anderen.“

Ein Klient mittleren Alters erzählt: „Meine Mutter hat meine Schwester gesehen, weil die so kreativ war. Mein Vater hat meinen Bruder gesehen, weil der wie er war. Ich war derjenige, der gut funktioniert hat. Ich wurde gelobt für das, was ich konnte — aber ich glaube, niemand hat je wirklich geschaut, wer ich bin.“

Sichtbar: Funktionalität ersetzt keine Beachtung. Wer für seine Leistung gesehen wird, weiß nicht, ob er auch ohne sie gesehen würde. Die existentielle Frage „Darf ich so sein?“ bleibt unbeantwortet.

2Wertschätzung

Wertschätzung ist die Bestätigung des Wertes — nicht meines Tuns, sondern meines So-Seins. Sie ist die Antwort auf die unausgesprochene Frage „Lohnt es sich, dass ich so bin?“. Wertschätzung sagt: Ja, es ist gut, dass du so bist, mit deinen Eigenarten, mit deinen Begabungen, mit deinen Grenzen.

Anerkennung
Bestätigung in der eigenen Art und Eigenheit. Nicht: „du bist toll, weil du das kannst.“ Sondern: „du bist wertvoll, weil du so bist.“
Respekt
Achtung vor der Eigenständigkeit des anderen. Auch wenn ich nicht alles teile, was er ist.
Würde
Die unbedingte Achtung, die jedem Menschen zukommt — unabhängig von Leistung oder Sympathie.

Gegenteil: Geringschätzung, Abwertung, Spott. Was sehr verletzlich macht — und in der Kindheit nachhaltige Selbstwert-Verletzungen anlegt.

3Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist die faire Behandlung. Was mir zusteht, bekomme ich. Was nicht meines ist, wird mir nicht aufgebürdet. Was ich getan habe, wird gesehen. Was ich nicht getan habe, wird nicht mir zugeschrieben.

Gerechtigkeit ist die dritte Voraussetzung der 3. GM, weil sie das Vertrauen schafft, dass die soziale Welt verlässlich auf mein So-Sein reagiert. Wer in einem ungerechten Umfeld aufwächst, entwickelt entweder chronischen Trotz (Coping 3) oder gibt das eigene Recht auf (Coping 1, Distanz).

Anerkennung der Leistung
Was ich tue, wird gesehen und gewichtet.
Faire Bewertung
Ich werde nicht nach willkürlichen Maßstäben gemessen.
Respekt vor Grenzen
Meine Grenzen werden geachtet. Ich werde nicht überfordert oder überfahren.
Phänomen· Ungerechtigkeit

„Mein Bruder hat alles bekommen — ich war immer die Vernünftige.“

Eine Klientin: „Wenn mein Bruder Probleme hatte, wurde geholfen. Wenn ich Probleme hatte, hieß es: ‚Du bist ja vernünftig, du schaffst das.‘ Ich habe es geschafft. Aber ich habe nie das Gefühl gehabt, dass es fair war.“

Sichtbar: Ungerechtigkeit als Selbstwert-Verletzung. Wer chronisch ungerecht behandelt wird, entwickelt eine tiefe Bitterkeit — oder eine Tendenz zur Selbst-Überforderung (die ist die übliche „vernünftige“ Lösung). Beides hat Folgen bis ins Erwachsenenalter.

Wie die drei zusammenwirken

Beachtung ohne Wertschätzung ist Begaffung. Wertschätzung ohne Gerechtigkeit ist Schmeichelei. Gerechtigkeit ohne Beachtung ist Bürokratie. Erst alle drei zusammen schaffen das Klima, in dem ein Mensch sein Eigenes entwickeln kann.

Diagnostisch: bei jedem 3.-GM-Thema lohnt sich der dreifache Blick. Wo hat dieser Klient zu wenig bekommen — Beachtung, Wertschätzung, oder Gerechtigkeit? Davon hängt ab, was therapeutisch zuerst gebraucht wird.

Quellen
  • LB-4.-GM-3-AUSB-015-12-Aufl.Druck-2025-9.pdf · Kapitel 3.4 An-sehen und Wertschätzung, S. 29 ff. · Kapitel 3.5 Voraussetzungen für Selbstwert, S. 34 ff.