Beachtung, Gerechtigkeit, Wertschätzung
Die drei Erfahrungen, die das Eigene zur Welt bringen — das Lehrbuch nennt sie die äußeren Voraussetzungen der Selbstwert-Induktion. Aus ihnen schöpft der Mensch den Mut, sich selbst zu sein — und sich gegen das, was er nicht ist, abzugrenzen.
1Beachtung · An-sehen
An-sehen ist mehr als hinschauen. Es ist der Akt, in dem ein Mensch einen anderen als diesen einen, unverwechselbaren wahrnimmt. Längle nennt das die spezifische Aktivität der 3. GM. Sie hat einen körperlichen Ausdruck — der Blick, die Begrüßung, die Zuwendung des Gesichts — und einen geistigen: das innere Wahrnehmen der Person.
Das Lehrbuch nennt drei Folgen des Beachtung-Erhaltens: (1) der äußere Vorgang geht über in Selbst-Beachtung — Rücksichtnahme auf sich; (2) durch die Beachtung der Grenzen, der Unterschiedlichkeit und Eigenständigkeit entsteht Identität, der Keim für ein Selbstbild; (3) durch Identifikation mit wertvollen Anderen, die uns Aufmerksamkeit schenken, bildet sich das Über-Ich. Jedes wirkliche Ansehen ist bereits die Keimzelle des Respektierens der Person — Beachtung bereitet so den Boden für die Gerechtigkeit.
Gegenteil: Übersehen-Werden. Das ist die Wurzel der meisten 3.-GM-Verletzungen. Wer chronisch übersehen wird, beginnt sich entweder selbst zu übersehen — oder er entwickelt Strategien, gesehen zu werden (Sich-in-Szene-Setzen, Trotz). Beides ist Coping, nicht Lösung.
„In der Familie war ich der Praktische — Gefühle waren für die anderen.“
Ein Klient mittleren Alters erzählt: „Meine Mutter hat meine Schwester gesehen, weil die so kreativ war. Mein Vater hat meinen Bruder gesehen, weil der wie er war. Ich war derjenige, der gut funktioniert hat. Ich wurde gelobt für das, was ich konnte — aber ich glaube, niemand hat je wirklich geschaut, wer ich bin.“
2Gerechtigkeit
Um mich selbst finden zu können, bedarf es einer gerechten Behandlung durch andere. Darum schmerzt Ungerechtigkeit so sehr: man lässt mich nicht so sein, wie ich bin, und nimmt nicht Bezug auf den Wert, den ich habe. Um meinem Wesen gerecht zu werden, braucht es mehr als Beachtung — es braucht einen interessierten, offenen, verweilenden Blick auf das ganz Eigene der Person: Wer ist dieser Mensch? Was kann er? Wie fühlt er, wie denkt er, was ist ihm wichtig?
Die Erfahrung, dass man mich in meinem Wert sieht und mir darin gerecht wird, erweckt meine Person zum „Leben“: Ich bedeute anderen etwas — und habe gefühlsmäßig ein Recht auf mein Dasein (1. GM), auf meine Bedürfnisse und Lebensregungen (2. GM), auf meine Entscheidungen und meinen Willen (3. GM).
Folge des Erhaltens von Gerechtigkeit: eine innere Resonanzfähigkeit, ein Gefühl für sich selbst (Selbst-Entfaltung). Dieses Gefühl ist die Basis für Authentizität (Bezugnahme zum gespürten Echten in sich), Ethik (Gefühl für das Richtige für einen jeden) und Gewissen (Resonanzfähigkeit mit dem eigenen Wesen).
„Mein Bruder hat alles bekommen — ich war immer die Vernünftige.“
Eine Klientin: „Wenn mein Bruder Probleme hatte, wurde geholfen. Wenn ich Probleme hatte, hieß es: ‚Du bist ja vernünftig, du schaffst das.‘ Ich habe es geschafft. Aber ich habe nie das Gefühl gehabt, dass es fair war.“
3Wertschätzung
Um sich in seiner Gänze zu finden — sein Ich zu bekommen und den Selbstwert ganz zu entwickeln — sind wir auf die Wertschätzung anderer angewiesen. Wertschätzung besagt, dass andere Menschen ihr ganz persönliches Urteil über uns abgeben: dass wir nicht nur erfahren, was sie in uns sehen, sondern auch, wie es für sie ist, wie es bei ihnen ankommt. Sie ist die Stellungnahme anderer zu meiner Person — und sie bestätigt das So-Sein: „So wie du bist, ist es mir wertvoll — auch wenn mir z.B. ein Ergebnis nicht gefällt.“
Folge der erhaltenen Wertschätzung: Ich-Stärkung und Selbstwert-Festigung — das Gefühl, im Innersten „etwas zu sein“. Auf dieser Basis entstehen zwei personale Fähigkeiten: Scham (das Gefühl, etwas Kostbares zu sein, das es zu schützen gilt) und Autorität (natürliche Ausstrahlung, Charme, Glaubwürdigkeit des Handelns). Eine erhebliche Bestärkung geschieht, wenn jemand aus Wertschätzung auch für mich eintritt.
Gegenteil: Geringschätzung, Abwertung, Spott. Was sehr verletzlich macht — und in der Kindheit nachhaltige Selbstwert-Verletzungen anlegt.
Wie die drei zusammenwirken
Beachtung ohne Wertschätzung ist Begaffung. Wertschätzung ohne Gerechtigkeit ist Schmeichelei. Gerechtigkeit ohne Beachtung ist Bürokratie. Erst alle drei zusammen schaffen das Klima, in dem ein Mensch sein Eigenes entwickeln kann.
Das Lehrbuch nennt Beachtung, Gerechtigkeit und Wertschätzung die drei spezifischen äußeren Voraussetzungen der „Selbstwert-Induktion“ — parallel zu Raum, Schutz und Halt (1. GM) und Nähe, Zeit und Beziehung (2. GM). Sie reichen allein aber nicht aus: Der „Funke“ muss durch die eigene innere Aktivität übernommen werden — Selbstwahrnehmung durch Distanznahme, Sich-ernst-Nehmen, Stellungnahme zu sich (→ Selbstwert & Authentizität). Erst dieses innere Ja zu sich verankert den Selbstwert.
Diagnostisch: bei jedem 3.-GM-Thema lohnt sich der dreifache Blick. Wo hat dieser Klient zu wenig bekommen — Beachtung, Gerechtigkeit oder Wertschätzung? Davon hängt ab, was therapeutisch zuerst gebraucht wird.
Verbindungen
- Längle, A. (2025). Lehrbuch 4: Die 3. Grundmotivation (12. Aufl.). Wien: GLE. — bes. Kap. 3.4 (An-sehen und Wertschätzung) und Kap. 3.5–3.6 (Voraussetzungen für Selbstwert und Ich-Bildung).
- Längle, A. (2023). Prüfungsfragen 3. GM. GLE.