Alter
Altern ist — existentiell betrachtet — progredienter Kompetenzverlust auf drei Ebenen (somatisch, psychisch, sozial) bei gleichzeitig möglicher Reifung durch aktives Lassen und Verdichtung des Lebens Richtung Sein.
Drei Ebenen des Kompetenzverlustes
Existentiell betrachtet ist das Alter durch einen irreversiblen, fortschreitenden und nicht durch Krankheit bedingten Abbauprozess gekennzeichnet, der von Hilfsbedürftigkeit begleitet ist und in Hilflosigkeit übergehen kann. Bedeutsam ist zudem der zunehmende Verlust der Beziehung zur äußeren Welt und das verstärkte Verwiesen-Sein auf die innere Welt. Vom Altern (das erst „nach der Blüte" einsetzt) ist die Reifung zu unterscheiden: sie unterliegt ebenfalls der Zeit, ist aber durch Kompetenzgewinn gekennzeichnet.
Somatisch
Körperliche Funktionen werden weniger zuverlässig. Beweglichkeit, Sinnesleistung, Belastbarkeit nehmen ab. Der Leib wird zum Thema, der er in jungen Jahren nicht war.
Psychisch
Vitalkraft, Triebspannung und kognitive Leistungsfähigkeit lassen nach. Die personale (geistige) Ebene unterliegt diesem Abbau nicht — dort bleibt Reifung möglich.
Sozial
Kontaktfähigkeit und Flexibilität nehmen ab, die Frustrationsintoleranz steigt — daraus resultiert zunehmende Vereinsamung. Sie ist nicht nur Folge des Kompetenzverlustes, sondern ebenso der Einstellung der Gesellschaft zum alten Menschen, der aus Produktivität und gesellschaftlichen Funktionen ausgeschieden ist.
Vier existentielle Aufgaben — und ihre Pathologie
Unverfügbarkeit
Aufgabe der 1. GM · bei Nicht-Bewältigung: Angst
Das Leben wird zunehmend unverfügbar — Gesundheit, Tag, Umstände lassen sich nicht mehr planen. Wer das nicht annimmt, lebt in chronischer Angst.
Vergänglichkeit
Aufgabe der 2. GM · bei Nicht-Bewältigung: Depression
Was war, kommt nicht wieder. Die Trauer um Verlorenes ist eine existentielle Arbeit; wo sie versagt wird, kippt sie in depressive Schwere.
Begrenztheit
Aufgabe der 3. GM · bei Nicht-Bewältigung: Hysterie
Das Eigene hat Grenzen — biographisch und körperlich. Wer dies nicht annimmt, flüchtet in inszenierte Jugendlichkeit, dramatische Vitalitätsbeweise.
Sinnfrage
Aufgabe der 4. GM · bei Nicht-Bewältigung: Sinnlosigkeit
Wozu noch leben? Wofür habe ich gelebt — war das gut? H. Hoff: Die Möglichkeit, dem Leben einen Sinn zu geben, in dem auch die Zukunft noch von Interesse ist, vermag vielfach die Alterspsychose hintanzuhalten.
Reife als Vorgang
Reife im Alter besteht in einem ausgewogenen Maß an Anteilnahme, Engagement und Teilhabe an der Welt — und einer den eigenen Kräften entsprechenden Zurücknahme aus ihr. Gelingen heißt: Die Zurücknahme ist kein resignatives Aufgeben-Müssen, sondern aktives Lassen — ein entschlossenes, freiwilliges Abschied-Nehmen, etwa von der Arbeit oder von sozialen Funktionen im Generationswechsel. Für eine freiwillige Entscheidung braucht der Mensch aber einen Gewinn, der mehr ist als der Verlust: Der tiefste Wert des Lassens liegt darin, sich die innere Welt weiter erschließen zu können. Gelingendes Altern ist begleitet von der Erfahrung, immer weniger zu brauchen — mit immer weniger ein beglückendes Auskommen zu haben. Längle nennt den größten Gewinn des Alters: „sich bei sich selber einrichten" zu können.
Lebensrückblick- und Überblicksfragen
Angesichts der begrenzten Möglichkeiten und Lebenszeit stellt sich die existentielle Sinnfrage: Wozu noch leben? Wozu das alles aushalten? Wofür habe ich gelebt — war das gut, wofür ich gelebt habe? Diese „Lebensrückblickfragen" und „Überblicksfragen" leiten zu einer letzten, der ontologischen Sinnfrage über: Welchen Sinn hat dieses Leben, dieser Tod, dieses Leid — gibt es etwas, das dieses Leben übersteigt? Es gehört vielleicht zur Abrundung des Lebens, auf sie eine persönliche, vielleicht nur leise und innerliche Antwort zu suchen. Die Integration und persönliche Beantwortung der existentiellen Themen leitet einen weiteren, vertiefenden Reifungsprozess ein — wo die Auseinandersetzung unterbleibt oder oberflächlich bleibt, können seelische Störungen entstehen, die inhaltlich auf das ausstehende Thema der jeweiligen existentiellen Dimension bezogen sind.
Fall-Beispiel
Zwei Pensionisten, zwei Wege
Pensionist A, dessen Beruf sinnerfüllend war, kann ihn loslassen — er hat das Wesentliche gelebt, neue Räume öffnen sich (Enkel, Lesen, lange unterbliebene Beziehungen). Pensionist B, in dessen Berufsleben viele Wünsche unerlebt blieben, klammert sich an Aktivität: Vereine, Fortbildung, Beratungstätigkeit. Als auch das nicht mehr geht, bricht Altersdepression durch. Therapie: dem Lassen einen neuen Wert zuordnen — die innere Welt, die Beziehung zum Nachfolger, das, was im Tun nie Raum hatte. Das Lassen wird vom Verlust zum aktiven Schritt.
Verbindungen
- Längle 2015 · Was bringt das Alter? Leiden und Reifen als existentielle Herausforderung (Existenzanalyse 32/1, 29–32)
- Rilke 1903 · Das Stunden-Buch