Praxis · Verbindung

Beziehungsformen

„Beziehung" ist nicht eine, sondern viele. Längle (1993) unterscheidet acht Beziehungsformen — vom bloßen Kontakt über Begegnung, Rapport, Verhältnis und Bindung bis zu Liebe und Symbiose. Diese Differenzierung hilft, präzise zu benennen, was sich zwischen Menschen — und therapeutisch zwischen Klient und Therapeut — ereignet.

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Acht Formen: Kontakt (Berührung der Oberflächen) · Beziehung (durchgängige, unausweichliche Wechselwirkung) · Begegnung (Antreffen eines Du im Dialog — das „Zwischen") · Rapport (der andere ist als Person erreicht) · Verhältnis (funktional, über ein Thema) · Bindung (Angewiesensein oder entschiedenes Sich-Einlassen) · Liebe (intensivste Form: Wesensschau des anderen) · Symbiose (wechselseitige Abhängigkeit zum Nutzen). Merksatz: Beziehungen leben aus Begegnungen — Beziehung ohne Begegnung ist unwesentlich.

Die acht Beziehungsformen

1

Kontakt

Der unmittelbare Moment der Berührung. Kontakt bedeutet noch nicht Begegnung, sondern nur die Berührung der Oberflächen. Auch die Physik spricht von „Kontakt" — was zeigt: es ist kein personaler Begriff. In der Therapie: die ersten Sekunden, der Händedruck, der Blick zur Begrüßung.

2

Beziehung

Grundlegende, durchgängige Form der Wechselwirkung, in die man durch die bloße Präsenz oder schon Vorstellung des Anderen unausweichlich gestellt ist, sowie man seiner gewahr wird. Basal ist Beziehung „Bezug-nahme" des eigenen Verhaltens auf den anderen. Wenn eine Beziehung bestand, kann sie nie mehr aufhören — nur verblassen. Wichtig: Jede Beziehung hat einen basalen Anteil, der uns geschieht — und darüber hinaus einen Anteil, den wir gestalten können.

3

Begegnung

Das intendierte Aufsuchen und Antreffen eines Du (= des Wesens eines Menschen, der Person) über einen Dialog. Begegnung ist präsentisch und punktuell, setzt Kontakt voraus und dauert so lange, wie der Dialog besteht. Sie schafft ein „Zwischen", ein „dialogisches Feld", eine „Wir-heit" — spürbar wie ein Fluidum. Begegnung wirkt beziehungsformend: Beziehungen „leben" aus Begegnungen, werden durch sie überformt, gestaltet, personalisiert. Beziehung ohne Begegnung ist unwesentlich.

4

Rapport

Eine spezielle Interaktionsweise in der Beziehung, die zeigt, dass der Gesprächspartner als Person erreicht wurde — und dass eine gegenseitige Bezugnahme der Beziehungspartner erlebt wird. Therapeutisch: das Zeichen, dass die Arbeit „angekommen" ist.

5

Verhältnis

Beziehungsform, in der man etwas miteinander zu tun hat und sich über dieses Thema zueinander (miteinander) verhält. Das Verhältnis ist durch den funktionalen Charakter geprägt: Arbeitsverhältnis, familiäre Verhältnisse, Lehrer-Schüler-Verhältnis, sexuelles Verhältnis — und auch das Therapeut-Klient-Verhältnis.

6

Bindung

Eine enge Form der Beziehung, die ein Angewiesensein auf den anderen oder ein aktives (entschiedenes) Sich-Einlassen auf den anderen bedeutet — Bindung kann also erlitten oder gewählt sein.

7

Liebe

Intensivste, emotional gefärbte Beziehungsform, in der der andere in seinem Wesen und in seinen Entwicklungsmöglichkeiten gesehen und gefühlt wird — sodass man sich zu ihm hingezogen fühlt und das tiefe Bedürfnis spürt, für ihn dasein zu wollen. Phänomenologisch ist Liebe Wesensschau des anderen; zum Wesen des Menschen gehört auch seine Unabgeschlossenheit und Potentialität. Charakteristische Dynamik: das Gefühl, dem anderen gut zu tun, so wie der andere einem selber gut tut.

8

Symbiose

Wechselweise Abhängigkeit zum gegenseitigen Nutzen. Die Beziehung liegt auf der Nutzwertebene — der andere wird „gebraucht" (Psychoanalyse: Fixierung auf der Stufe der Dyadenbildung, „frühe Störungen"; z. B. Borderline, Psychosen, Persönlichkeitsstörungen der 3. GM). EA-Sicht: Wer die Inhalte der 3. GM nicht durchgemacht hat (wie es etwa in der Pubertät geschieht), hat das Eigene nicht ausgebildet, kann Grenzen nicht ziehen und nicht für sich eintreten — Gefahr symbiotischer Beziehungen: man verschmilzt, es gibt kein Ich und Du mehr; in der Beziehung verliert man sich als Person.

Wie die Formen zusammenspielen

Die Formen sind nicht hierarchisch („höher = besser"), sondern verschieden. Therapie braucht mehrere zugleich:

— ein klares Verhältnis, damit nichts vermischt wird;
Rapport als Zeichen, dass der Klient als Person erreicht ist;
— die Beziehung, die ohnehin geschieht — und gestaltet werden will;
— immer wieder echte Begegnung, denn Beziehung ohne Begegnung ist unwesentlich;
— und den Kontakt, den jede Begegnung voraussetzt.

Wer auf eine Form fixiert ist, verliert die anderen. Wer nur „Begegnung" sucht, gefährdet das Verhältnis. Wer nur das Verhältnis hält, lässt nichts geschehen. Therapeutische Kunst ist, sie je nach Moment präsent zu haben.

Vertiefung · Therapeut und Freund — sieben Unterschiede

Längle (1993) grenzt die therapeutische/beraterische Beziehung von der Freundschaft ab:

1. Ziel: Therapie/Beratung hat Aufgabe und Thema — es geht nur um den Patienten; in der Freundschaft geht es immer um beide. 2. Anlass: Diagnose, Leiden, Problem — Freundschaft entsteht aus Sympathie. 3. Wahl: Der Therapeut/Berater wird wegen seiner fachlichen (und menschlichen) Kompetenz gewählt, weniger wegen gemeinsamer Interessen. 4. Spezifische Erwartungen und Zielvorstellungen, besonders vom Patienten. 5. Asymmetrische Kommunikation: Der Therapeut/Berater öffnet sich nicht mit dem Privaten — gewisse Distanz mit punktueller, sachbezogener Nähe. 6. Im therapeutischen Dialog herrschen die drei Kriterien nach Rogers: Echtheit, unbedingte Wertschätzung, Empathie. 7. Der Therapeut/Berater ist nicht als privater Mensch von der Problemsituation betroffen — er kommt von außen dazu, ist freier, objektiver, dadurch vielleicht glaubwürdiger.

Dazu Martin Buber über die Haltung in helfenden Berufen: „In der bloßen Fürsorge bleibt der Mensch, auch wenn er von stärkstem Mitleiden bewegt wird, wesentlich bei sich … er erschließt dem anderen nicht sein Selbst … er ‚geht' … ‚auf den anderen ein', aber er begehrt nicht, daß der andere auf ihn eingehe." (Buber 1961, Das Problem des Menschen, S. 106)

Vertiefung · Übertragung und Gegenübertragung

In der therapeutischen Beziehung tauchen Übertragungen auf — der Klient erlebt im Therapeuten unbewusst eine andere Figur (Vater, Mutter, früherer Partner). Gegenübertragung: was im Therapeuten dabei mitschwingt — eigene Reaktion auf die Beziehung.

EA-spezifisch: Übertragung wird nicht als störend pathologisiert, sondern als Information gelesen. Was kommt da? Wovon erzählt das? Wichtig ist, das Verhältnis dabei klar zu halten — der Therapeut bleibt Therapeut, nicht „Vater-Ersatz".

Vertiefung · Nähe-Distanz-Regulation

Jede Beziehungs-Stufe braucht ihre eigene Nähe-Distanz-Balance. Zu nah: Klient verliert seine Eigenständigkeit, fühlt sich verschluckt. Zu fern: kein Vertrauen, keine Wirkung möglich.

Längle: gute Therapeuten regulieren Nähe und Distanz bewusst — manchmal näher, manchmal etwas zurück. Indikatoren: Wirkt der Klient bedrängt? Oder einsam? Beides bekommt eine Antwort durch ein leichtes Bewegen auf der Skala.

Vertiefung · Begegnung als Wirkfaktor

In der EA gilt die Begegnung als zentraler Wirkfaktor (siehe Wirkfaktoren). Begegnung „macht heil", weil im Anerkannt-Sein durch ein wirkliches Du etwas Existenz-Stützendes geschieht: man wird gesehen, und das, was man ist, wird als Wert wahrgenommen. Das stärkt die 3. GM (Eigen-Sein-Dürfen) und die 2. GM (Mögen-Leben) zugleich.

Begegnung ist aber selten — sie ereignet sich, lässt sich nicht herstellen. Therapeut kann nur bereit sein: anwesend, offen, ungeteilt.

Fall-Beispiele

Fall A· Begegnung als Wendepunkt

Klient, 45, lange in Therapie, redet meist „über sich" wie über einen anderen. In einer Sitzung — er erzählt von der Beerdigung seines Vaters — wird er still, schaut den Therapeuten an, sagt: „Es ist schwer." Der Therapeut antwortet nur leise: „Ja." — Beide schweigen. Etwas geschieht zwischen ihnen. Klient später: „Das war der Moment, an dem ich gespürt habe, dass ich nicht alleine bin."

Fall B· Verhältnis schützt

Klientin, 32, entwickelt im 2. Therapiejahr starke Verliebtheits-Gefühle gegenüber dem Therapeuten. Statt zu beschämen oder zu vermeiden, benennt der Therapeut: „Das gehört zu unserer Arbeit — Sie erleben hier etwas Wichtiges. Wir arbeiten damit, aber wir können nichts daraus werden lassen — unser Verhältnis schützt das, was Sie hier brauchen." — Klarheit über das Verhältnis ermöglicht es, das Erleben zu deuten, ohne es zu zerstören.

Fall C· Beziehung wächst

Klient, 56, anfangs misstrauisch, nach 8 Sitzungen erste Lockerung, nach 20 echtes Anvertrauen. „Ich merke, dass ich Ihnen vertrauen kann." — Beziehung war nicht von Anfang an, sie ist geworden. Das ist normal und gehört zur Arbeit.

Quellen
  • Längle, A. (1993). Beziehungsformen (Curriculum-Handout): Kontakt · Beziehung · Begegnung · Rapport · Verhältnis · Bindung · Liebe · Symbiose; Unterschiede Therapeut–Freund.
  • Buber, M. (1961). Das Problem des Menschen. Heidelberg: Lambert Schneider, S. 106 (zit. nach Längle 1993).