Störungen · Hysterie

Hysterie · Übersicht

Hysterie ist in der EA keine bunte Symptomsammlung, sondern eine Störung der Personwerdung — das nicht gefundene Personsein im Wechselspiel mit den anderen.

Meta · 60-Sekunden-Take

Längle setzt die Hysterie als die zentrale Störung der 3. Grundmotivation an — als Leiden am nicht gefundenen Personsein. Die Erscheinungen wirken vielfältig — Konversion, Dissoziation, histrionische Persönlichkeit —, das tragende Thema bleibt aber dasselbe: das Ich konnte sich am Du nicht weiten, hat keine innere Mitte ausgebildet, lebt darum „auf der Grenze", veräußerlicht und im Wirbel. Längles Bild: „Hysterie ist wie ein Wirbel oder Tornado: in der Mitte still und leer, außen viel Wirbel — viel Lärm um nichts." Der zentrale ätiologische Faktor ist der Schmerz des Nicht-Person-sein-Könnens, abgewehrt durch Anästhesie und zentrifugale Veräußerlichung.

Hysterie-Block — sechs vertiefende Seiten

Der rote Faden — Längles EA-Tafel (1994/2001)

Vertiefung · „Wirbel oder Tornado" — Längles Kernbild

Längle beschreibt die Hysterie phänomenologisch mit dem Bild des Wirbels: außen viel Bewegung, Lärm, Drama, Farbe; in der Mitte aber ist es still und leer. Der hysterische Mensch lebt seine Existenz am Rand seines Wirbels — dort ist Reibung, dort sind die anderen, dort spürt man sich. Wer in die Mitte greift, greift ins Leere. Therapeutisch heißt das: die Mitte muss erst entstehen, sie ist nicht abrufbar. Sie entsteht durch Schmerz-Aushalten, nicht durch Konfrontation.

Vertiefung · Geschlechterverhältnis und Stigma

Hysterie wird bei Frauen zwei- bis dreimal häufiger diagnostiziert als bei Männern. Der Begriff ist historisch belastet — die Diagnosemanuale haben ihn darum aufgelöst und in F44 (dissoziativ), F48.1 (Depersonalisation) und F60.4 (histrionische PS) zerteilt. Längle hält am Einheitsverständnis fest: hinter den klinischen Ausprägungen wirkt dieselbe existentielle Dynamik.

Fall-Beispiel

Fall· Erstgespräch

„Habe ich das gut erzählt?"

Die Patientin sprudelt 50 Minuten durch ihre Themen — Mann, Mutter, Chef, Urlaub, Kindheit, Diät — wechselt Ton und Tempo, lacht, weint, lacht wieder. Am Ende fragt sie: „Habe ich das gut erzählt?" und schenkt dem Therapeuten eine Tafel Schokolade. Der Therapeut spürt zuerst Belebung, dann Müdigkeit, dann Ärger. Diagnostisch eindrücklich: alle drei Längle-Achsen (Mittelpunktstreben · Übertreibung · Selbstunzufriedenheit) plus „Spinnenweben-Dynamik" — innerhalb einer einzigen Stunde.

Quellen
  • Längle, A. (Hrsg.) (2002) · Hysterie · Fakultas, Wien
  • Mentzos, S. · Hysterische Konfliktverarbeitung
  • Längle, A. (1994/2001) · EA-Tafel Hysterie