Die suchtmachenden Haltungen
Längle (1997) benennt vier existentielle Elemente: zwei existentielle Haltungen (Prozessebene) und zwei existentielle Mangelsyndrome (Strukturebene). Der Stoff wird zum „Ersatz-Wert", auf den sich der Wille fixiert.
Die vier Elemente — zwei Haltungen, zwei Mangelsyndrome
a) Passivierung durch die Wunschhaltung · Prozessebene
Abhängige leben in einer unreifen, unrealistischen Wunschhaltung nach Glück — sie wünschen es sich, ohne den gelegentlich erforderlichen mühsamen eigenen Beitrag leisten zu müssen. Ziel von Beratung und Therapie: die Wunschhaltung bewusst machen, die Realität klären (was ist realistisch, was nicht?) und eine Strategie erarbeiten, wie das Realistische durch persönlichen Einsatz erreicht werden kann.
b) Leidvermeidung · Prozessebene
Hinter jeder Sucht steht Leidvermeidung. Leid gilt als nur wertlos — nicht als Durchgangspassage zu neuem Leben. Im Bemühen, sich Leid zu ersparen, sind Süchtige in gewissem Sinn Symptomträger unserer Gesellschaft: sie stellen sich nicht entgegen, sondern geben nach, fügen sich. Die Beratung macht erfahrbar, dass Leid aushaltbar und seine Überwindung hilfreich ist; die Therapie fragt, woher diese Einstellung kommt.
c) Haltung der Aussichtslosigkeit · unsicherer Grundwert (2. GM)
Existentielles Mangelsyndrom: Grundlage ist der unsichere Grundwert — der Süchtige ist sich nicht sicher, ob er (so) leben mag, oder verneint es sogar. Er leidet unter Wertemangel, spürt Werte nicht oder zu flach, und entwickelt eine Erlebnissucht, einen „Hunger nach Leben". Blockiert sein kann das Werterleben auch durch große psychodynamische Spannungen (z. B. Borderline, starke Ängste) oder durch wertarme Biographien.
d) Unwahrhaftigkeit · Inauthentizität (3. GM)
Existentielles Mangelsyndrom: Der Süchtige lebt in einer Haltung des Nicht-Wahrhaben-Wollens und der Leugnung seiner Realität oder von Teilen davon — inklusive seiner Abhängigkeit. Er hält die Ehrlichkeit vor sich selbst nicht durch; zusätzliche innere Spannung (Dissonanz) entsteht, weil er nicht zu seinem Suchtverhalten steht. Dahinter findet sich in der Regel ein negativer Selbstwert — ein virtueller, inauthentischer Selbstbezug, ein unechtes Selbst.
GM-Anbindung — detailliert
1. GM · Mangel an Halt und Angenommensein
Wo der Boden nicht trägt, wird das Suchtmittel als Pseudo-Halt benutzt: es gibt zumindest in der Wirkung eine spürbare Konstante, einen Anker. Im Therapie-Skriptum zählt der „Mangel an Halt und Angenommensein" zu den möglichen Suchtkeimen.
2. GM · zentral · Wertemangel
Die entscheidende GM. Hier liegt der Suchtkeim: zu wenig Lebensgefühl, zu wenig Wertberührung, zu wenig pulsierende Beziehung zum Leben. Das Suchtmittel ersetzt die fehlende Wertbeziehung — kurzfristig, immer kürzer, immer teurer.
3. GM · Inauthentizität · mangelnder Selbstwert
Wer sich selbst nicht aushält, betäubt sich. Längle (Therapie-Skriptum): Beim Selbstwert-Problem der 3. GM hat man „zu wenig vom Leben" — wenn man keine Anerkennung bekommt, tut alles gut, was nur vom Problem befreit. Hierher gehört auch das apersonale Verhalten: der Einsatz distanzierender Objekte und Verhaltensweisen.
4. GM · anhaltender Sinnmangel
Wer kein „Wofür" mehr hat, füllt die Leere mit Konsum. Der „anhaltende Sinnmangel" ist im Therapie-Skriptum ausdrücklich als möglicher Suchtkeim genannt; in der Therapie wird die Sinnfrage explizit gestellt: „Wozu abstinent werden?"
Sucht als Ersatzwert — der entfremdete Wille
Der Wille des Süchtigen wird vom Suchtobjekt absorbiert. Was sich wie ein „Wollen" anfühlt, ist in Wahrheit ein Gefühl des Müssens in der Objektbeziehung, ohne dass das ganz Eigene, das Wesen, das Gewissen dabei ist (Längle) — genau das ist „Abhängigkeit", „Sucht". Der Wille bewegt sich, aber er trägt die Person nicht mehr — er trägt den Stoff: alles wirkt motiviert, gerichtet, gewollt — aber ohne personalen Ankerpunkt.
Die zweite Pointe: Der Eigenwert der Dinge wird zum Nutzwert reduziert. Ein Glas Wein ist nicht mehr Wein (Herkunft, Geschichte, Geschmack, Geselligkeit), sondern Lieferant einer Wirkung. Eine Beziehung ist nicht mehr Begegnung, sondern Mittel zur Stoffbeschaffung oder zur Affektregulation. Die Welt wird durch eine Funktionsbrille gelesen — und dabei verarmt sie.
Fall-Beispiel
„Ich will einfach kein normales Leben"
29-jähriger Patient mit Kokain-Konsum, erfolgreich im Sales, Wochenenden in Clubs: „Ich will einfach kein normales Leben. Das ist mir zu fad." Paradigmatische Wunschhaltung plus Leidvermeidung (jede Form von Stille, Langeweile, Alltag wird unerträglich). Grundwert flach — was er macht, fühlt sich nicht von innen heraus wertvoll an. Der Selbstwert wird von der Erfolgsfassade gehalten. Sinn ungeklärt. In der PEA-2 die entscheidende Frage: „Sind Sie mit Ihrem Konsum einverstanden?" — die ehrliche Antwort („eigentlich nicht, aber ich kann nicht anders") öffnet die Tür zur Therapie. Die Wunschhaltung selbst wird zum therapeutischen Gegenstand: woraus speist sie sich, was im Alltag ist tatsächlich „zu fad" — und warum?
Verbindungen
Längle, A. (1997) · Die suchtmachenden HaltungenLängle, A. (1997/2007) · Allgemeine Elemente der Therapie von AbhängigkeitStich, M. (2015) · Existenzanalytische Aspekte der Sucht · Abschlussarbeit GLE