Störungen · Suchtmachende Haltungen

Vier suchtmachende Haltungen

Längle (1997) benennt vier existentielle Elemente: zwei Haltungen (Prozessebene) und zwei Mangelsyndrome (Strukturebene). Sucht ist Pseudo-Sinn — der Stoff ersetzt einen Wert.

Meta · 60-Sekunden-Take

Der Süchtige lebt in einer „virtuellen Welt mit vorgespieltem Weltbild" und einem „virtuellen, inauthentischen Selbstbezug". Zwei Haltungen — Wunschhaltung und Leidvermeidung — verschalten sich mit zwei Mangelsyndromen — unsicherer Grundwert und Inauthentizität. Die Nutzwert-Fixierung tritt an die Stelle der Eigenwert-Erfahrung. Der Eigenwert der Dinge wird zum Nutzwert reduziert — alles wird Stoff und ersetzbar.

Die vier Elemente — zwei Haltungen, zwei Mangelsyndrome

a) Wunschhaltung · Prozessebene

„Ich will mehr als das, was ist." Das Leben in seiner Faktizität reicht nicht. Statt der phänomenologischen Hinwendung zum Gegebenen herrscht der Sog ins Mehr, ins Andere, ins Intensivere. Die Wunschhaltung schiebt die Wertberührung mit dem Vorhandenen beiseite — und sucht im Suchtmittel das „echte" Leben.

b) Leidvermeidung · Prozessebene

„Was weh tut, darf nicht sein." Schmerz, Mangel, Spannung, Scham werden nicht ausgehalten, sondern weggeschoben. Der Stoff betäubt. Mit der Zeit schrumpft die Toleranz für jede Form von Unangenehmem — schon kleine Spannungen werden unerträglich, weil das Aushalten verlernt wurde.

c) Unsicherer Grundwert · 2. GM

Strukturelles Mangelsyndrom: Das Leben selbst wird nicht als wertvoll erlebt. Wärme, Beziehung, Nähe, Wertberührung fehlen oder werden nicht gespürt. Wertarmut. Das ist Längles Suchtkeim: wo der Grundwert nicht trägt, sucht der Mensch außerhalb seiner selbst nach Lebensgefühl — und das Suchtmittel bietet sich an.

d) Inauthentizität · 3. GM

Strukturelles Mangelsyndrom: Der Mensch lebt nicht aus sich, sondern aus Übernommenem, Funktionalem, Erwartetem. Der negative Selbstwert wird durch Fassaden überspielt. Im Suchtmittel entsteht ein virtueller Selbstbezug: man fühlt sich für einen Moment wieder ganz, lebendig, „wie sich selbst" — aber es ist eine Inszenierung, kein Eigenes.

GM-Anbindung — detailliert

1

1. GM · Halt fehlt

Wo der Boden nicht trägt, wird das Suchtmittel als Pseudo-Halt benutzt: es gibt zumindest in der Wirkung eine spürbare Konstante, einen Anker. Bei Typ-I-Alkoholkranken (Lesch) dominiert dieses Element — Trinken zur Angstreduktion.

2

2. GM · zentral · Wertarmut

Die entscheidende GM. Hier liegt der Suchtkeim: zu wenig Lebensgefühl, zu wenig Wertberührung, zu wenig pulsierende Beziehung zum Leben. Das Suchtmittel ersetzt die fehlende Wertbeziehung — kurzfristig, immer kürzer, immer teurer.

3

3. GM · Inauthentizität · negativer Selbstwert

Wer sich selbst nicht aushält, betäubt sich. Der Stoff schenkt für Stunden den Eindruck, „endlich man selbst" zu sein — eine paradoxe Pseudo-Authentizität. Bei Typ-II/III dominiert dieses Element.

4

4. GM · Sinnleere · existentielles Vakuum

Wer kein „Wofür" mehr hat, füllt die Leere mit Konsum. Frankls existentielles Vakuum ist ein klassischer Suchtboden. Bei Typ-IV (Stich 2015) dominiert dieses Element — Trinken aus existentieller Leere.

Sucht als Pseudo-Sinn

Der Wille des Süchtigen wird vom Suchtobjekt absorbiert. Was sich wie ein „Wollen" anfühlt, ist in Wahrheit ein subjektives Müssen, ohne dass Wesen und Gewissen dabei sind (Längle). Der Wille bewegt sich, aber er trägt die Person nicht mehr — er trägt den Stoff. Das ist die Pseudo-Sinn-Struktur der Sucht: alles wirkt motiviert, gerichtet, gewollt — aber ohne personalen Ankerpunkt.

Die zweite Pointe der Pseudo-Sinn-Struktur: Der Eigenwert der Dinge wird zum Nutzwert reduziert. Ein Glas Wein ist nicht mehr Wein (Herkunft, Geschichte, Geschmack, Geselligkeit), sondern Lieferant einer Wirkung. Eine Beziehung ist nicht mehr Begegnung, sondern Mittel zur Stoffbeschaffung oder zur Affektregulation. Die Welt wird durch eine Funktionsbrille gelesen — und dabei verarmt sie.

Vertiefung · Längle 1997 — die vier suchtmachenden Haltungen im Original

Längle (1997, „Allgemeine Elemente der Therapie von Abhängigkeit") arbeitet vier existentielle Elemente heraus, die das Suchtverhalten konstituieren: zwei prozessual-aktive (Wunschhaltung, Leidvermeidung) und zwei strukturell-passive (unsicherer Grundwert, Inauthentizität). Die ersten beiden beschreiben, wie der Süchtige sich zum Leben verhält; die letzten beiden, woraus dieses Verhalten erwächst. Längle: „Es genügt nicht, das Suchtverhalten zu beobachten — man muss die existentielle Struktur sehen, die es trägt." Die Therapie greift nicht primär am Verhalten, sondern an dieser Struktur an.

Vertiefung · Stich 2015 — die 4 GMs am Typ-IV-Alkoholkranken nach Lesch

Stich (2015) zeigt am Lesch-Typ IV (Trinken aus existentieller Leere) die volle Durchdeklination: 1. GM — kein tragender Halt, oft chaotische Biographie. 2. GM — keine pulsierende Lebensbeziehung, das Trinken ist die einzige stabile „Beziehung". 3. GM — defizitärer Selbstwert, der nur durch Konsum erträglich wird. 4. GM — existentielles Vakuum, Frankls klassische Sucht-Disposition. Therapeutisch besonders schwer, weil alle GMs ansetzen müssen — Stich empfiehlt das WG-Modell (Wohngemeinschaft) als strukturelle Antwort, weil ambulante Therapie für diese Patienten oft nicht trägt.

Fall-Beispiel

Fall· Wunschhaltung pur

„Ich will einfach kein normales Leben"

29-jähriger Patient mit Kokain-Konsum, erfolgreich im Sales, Wochenenden in Clubs: „Ich will einfach kein normales Leben. Das ist mir zu fad." Paradigmatische Wunschhaltung plus Leidvermeidung (jede Form von Stille, Langeweile, Alltag wird unerträglich). Grundwert flach — was er macht, fühlt sich nicht von innen heraus wertvoll an. Der Selbstwert wird von der Erfolgsfassade gehalten. Sinn ungeklärt. In der PEA-2 die entscheidende Frage: „Sind Sie mit Ihrem Konsum einverstanden?" — die ehrliche Antwort („eigentlich nicht, aber ich kann nicht anders") öffnet die Tür zur Therapie. Die Wunschhaltung selbst wird zum therapeutischen Gegenstand: woraus speist sie sich, was im Alltag ist tatsächlich „zu fad" — und warum?

Quellen
  • Längle, A. (1997) · Die suchtmachenden Haltungen — Allgemeine Elemente der Therapie von Abhängigkeit
  • Stich, J. (2015) · Die 4 GM am Beispiel des Typ-IV-Alkoholkranken