Methoden · Tiefenarbeit

Biographische Existenzanalyse

Wenn die Gegenwart nicht aus sich heraus verständlich ist, hilft die Biographie. Die Biographische EA arbeitet mit der Lebensgeschichte — nicht nur als Anamnese, sondern als das Muster auf dem sich abrollenden Teppich (Frankl), an dem die Person sichtbar wird. Eine spezielle Anwendungsform der PEA.

Meta · 60-Sekunden-Take

In der EA umfasst die Biographie die Erlebensgeschichte (Eindrucksebene), die Lebensgeschichte (Aktivität, Bewältigung) und den Lebensentwurf (wofür ich leben will) — also den ganzen Lebensbogen einschließlich Sterben und Tod. Die Biographische Methode ist eine Anwendungsform der PEA mit zwei Abschnitten: aktuelle Lebensthemen verdichten und biographisch fokussierenmit PEA durcharbeiten. Indikation: tieferer struktureller Arbeit, wo aktuelles Leid alten Wurzeln entspringt.

Was die Biographische EA tut

Frankl: anhand der Lebensgeschichte wird das Wesen der Person erkennbar — „wie ein Muster auf einem sich abrollenden Teppich“ (für die Person selbst und für andere). Biographik ist also nicht nur Datensammlung — sie ist Sichtbarwerden des Eigentlichen.

In der psychotherapeutischen Anwendung verbindet die Biographische EA dieses Sichtbarwerden mit der konkreten Arbeit:

  1. Erster Abschnitt — Verdichten und Fokussieren. Die derzeit aktuellen Lebensthemen werden zusammengetragen, phänomenologisch verdichtet und auf biographische Inhalte bezogen. Was im Jetzt schmerzt, hat oft eine Spur — die wird aufgenommen, ohne zu deuten.
  2. Zweiter Abschnitt — PEA-Durcharbeitung. Der gefundene biographische Inhalt wird mithilfe der PEA durchgearbeitet — Eindruck heben, Stellung nehmen, Ausdruck gestalten. Aber bezogen auf das damals: was bedeutet das für mich heute?
  3. Transparenz herstellen. Schließlich wird das durchgearbeitete Material in seiner Transparenz bezüglich Selbstverständnis, Fremdverständnis und Aktualitätsbezug durchleuchtet.

Die drei biographischen Ebenen

Erlebensgeschichte
Eindrucksebene. Was hat mich getroffen? Welche Eindrücke prägen mich, auch wenn ich sie nicht „weiß"?
Lebensgeschichte
Aktivität, Bewältigung. Was habe ich getan? Wie bin ich mit dem Erlebten umgegangen — Coping oder personale Antwort?
Lebensentwurf
Zukunftsdimension. Wofür will ich leben? Wo führt es hin? Auch der Tod gehört zum Lebensbogen.

Wichtige Pointe (nach Blankenburg): erst der heutige Verstehenshorizont macht die Biographie zur Biographie. Was damals war, wird heute interpretiert — und kann immer neu interpretiert werden. Biographie ist nicht statisch.

Psychohistorie und Psychogenese

Die Biographische Methode unterscheidet zwei Aspekte:

Die Psychohistorie bildet den Hintergrund, vor dem die Psychogenese verständlich wird. Beide gehören zusammen.

Therapie· biographische Spur

„Es ist nicht das erste Mal, dass ich so klein werde.“

Eine Klientin schildert eine aktuelle Demütigung im Beruf. Im Gespräch fällt ihr Satz: „Es ist nicht das erste Mal, dass ich so klein werde.“ Der Therapeut greift auf: „Wann war das schon mal so?“ — Lange Stille. „Bei meinem Vater. Wenn er enttäuscht war. Ich wurde innen winzig.“ Daraus entfaltet sich biographische Arbeit: die alte Erfahrung, die heutige Reaktion, der Eigenanteil, das, was die Klientin heute tun kann, was sie damals nicht konnte.

Sichtbar: die aktuelle Situation öffnet die biographische Tür. Therapeut zwingt nicht in die Vergangenheit, sondern folgt der Spur, die der Klient selbst legt. PEA auf das Damals angewandt, mit Bezug zum Heute.

Die sechs Einstiegstüren in die Biographie

Tutsch & Luss (2000, S. 32) zeigen, dass es nicht einen Einstieg in die BEA gibt, sondern sechs Türen — je nachdem, was in der Gegenwart zugänglich ist. Der unmittelbarste Einstieg ist die primäre Emotion: „Sie ist der Schlüssel zum Tor der Kernszenen in der Biographie und damit der ‚Einstiegsschacht in die tieferen Stollen des menschlichen Bergwerkes'."

Einstiegstür Originalfragen (Tutsch & Luss 2000, S. 32)
Deskription„Woran erinnert Sie diese Situation, Szene? Woher kennen Sie so eine Konstellation?" (unterstützend: Szenen aufzeichnen, Aufstellungen, Visualisationen)
Emotion„Kennen Sie dieses Gefühl von früher / aus anderen Situationen? Wohin führt Sie dieses Gefühl? In welche Situation führt Sie dieses Gefühl?"
Impuls„Woher kennen Sie diesen Impuls, diese Reaktion?"
Verstehen„Erinnert Sie diese Person an jemanden, der Ihnen auch so unverständlich war, so nahe war? Erinnern Sie sich an ähnliche Situationen?"
Stellungnahme„Was hätten Ihre Eltern dazu gesagt?" (hinlenkend auf die Urmodelle der heutigen Stellungnahme)
Handlung„Was haben Sie früher in solchen Situationen getan? Erinnern Sie sich an eine Situation?"

Jede Tür führt zurück zur Deskription der ursächlichen Szene und damit zum ersten Schritt der BEA.

„Der unmittelbarste Einstieg in die biographischen Themen ist die primäre Emotion. Sie ist der Schlüssel zum Tor der Kernszenen in der Biographie."
— L. Tutsch & K. Luss 2000, S. 32

Der Ablauf · BEA 0 — BEA 1 — BEA 2 — BEA 3

Tutsch & Luss strukturieren die Durchführung in vier Stufen, die parallel zu den vier PEA-Schritten verlaufen — aber auf die biographische Szene angewandt.

BEA 0 · Erinnern — „Ins Bild gehen"

Leitfrage: „Was war damals?" Die Patientin geht in die konkrete Szene zurück — Ort, Personen, äußerer Verlauf.

BEA 1 · Wiedererleben — Heben der ursprünglichen Emotion

BEA 2 · Erste Befreiung — neue Sichtweisen heben

BEA 3 · Noch Mögliches oder Notwendiges nachholen

Der Ausstieg · zurück in die aktuelle PEA

„Der biographische Tauchgang findet seinen jeweiligen Abschluß, indem der Bezug zum Jetzt angefragt, hergestellt, festgestellt und benannt wird" (S. 34). Schlüsselfragen:

„Damit der Mensch aufgeschlossen wird für seine Gegenwart und das Kommende, braucht er das Erschließen des Verhindernden und das Abschließen des Vergangenen. Dann geschieht Los-lösung, der Mensch wird unabhängig (autonom), Person authentisch und existentiell."
— L. Tutsch & K. Luss 2000, S. 34

Warum BEA selten allein löst · Der Löschvorgang

Tutsch & Luss machen einen klinisch wichtigen Vorbehalt: „Nicht immer (eher selten) werden durch das Verstehen die Probleme auch schon gelöst, sondern biographische Arbeit ist in der Therapie meist Spurensicherung und ‚Rekonstruktion', ein erster exemplarischer Rundgang, der oftmals beschritten werden muß."

Die Lösung von Blockaden und Fehlverhalten bedarf eines mehrmaligen „Löschvorganges". Er besteht aus drei Komponenten:

Die Interpretation von Zusammenhängen (Spiegeln der Wiederholung: „Sie verhalten sich in dieser Beziehung so wie damals dem Vater gegenüber") und das Ansprechen von Widerstand dienen fallweise der Erleichterung des Zuganges. Erklärungen des therapeutischen Vorgehens können angstreduzierend sein.

Fallbeispiel · Panik in der Hotelhalle

BEA· primäre Emotion als Einstiegsschacht

„Hier gehöre ich nicht hin."

Eine Patientin schildert eine aktuelle Panik im Urlaub: In einer eleganten Hotelhalle überfällt sie der Impuls — „Ich muß hier weg, hier gehöre ich nicht hin unter lauter so feine, gewandte Menschen, hier falle ich peinlich auf."

Einstieg über die primäre Emotion:
Th: „Wenn Sie noch einmal in Ihrer Vorstellung in diese Hotelhalle gehen … wie sehen die Menschen Sie an?"
Pat: „Die anderen sehen mich nicht wirklich an, aber ich habe dieses Gefühl."
Th: „Welches Gefühl?"
Pat: „Panik, ich fühle mich unbeholfen, tolpatschig, ich gehöre nicht in so eine Umgebung … Ich fühle mich minder, denke nur noch daran, was die anderen über mich denken könnten."
Th: „Kennen Sie dieses Gefühl auch aus anderen Situationen?"
Pat: „Ja, in fast allen, in denen ich mit anderen Menschen zusammentreffe."

Übergang zur biographischen Wurzel (BEA 0):
Th: „Wenn Sie es so zurückverfolgen, gab es diese Gefühle auch früher schon?"
Pat: „Ja, … schon als Kind … mein Vater sagte immer, benimm dich doch ordentlich, alle schauen schon auf dich. Sonntags beim Essen im Gasthaus: Patz nicht, trink ordentlich, du kannst das nicht … einmal ist mir der Apfelsaft umgefallen, mein Kleid war naß … mein Vater schimpfte und machte mich runter …"

BEA 1 — primäre Emotion + Impuls + Botschaft:
Pat: „Ich habe mich sehr klein und unfähig gefühlt, Angst, alles falsch zu machen … Am liebsten wäre ich aufgestanden und weggerannt … ich habe mich so geschämt, aber auch total unverstanden gefühlt."
Pat (eigenständige Verbindung zur Gegenwart): „Kein Wunder, daß ich in öffentlichen Situationen so verkrampft bin?"

BEA 2 — Fremdverständnis und neue Stellungnahme:
Th: „Verstehen Sie das Verhalten Ihres Vaters?"
Pat: „Nein, aber er war zu allen Menschen so, er kann nicht anders … Er ist immer darauf bedacht, nicht aufzufallen."
Th: „Wie finden Sie das Verhalten Ihres Vaters?"
Pat: „Es ist unmöglich von ihm, so einem kleinen Kind so viele Komplexe zu schaffen!"
Th: „Was würden Sie ihm jetzt sagen?"
Pat: „Du bist verletzend, es ist nicht wahr, daß ich tolpatschig bin. Wahr ist, daß Du unsensibel und uneinfühlsam bist und ängstlich …"

Notiz der Autorinnen: „Die Person bringt sich stellungnehmend ein und befreit sich damit von der Fremdeinschätzung."

Ausstieg — zurück in die Gegenwart:
Th: „Was davon ist in Ihnen lebendig geblieben?"
Pat: „Meine Meinung von mir, daß ich tolpatschig und unfähig bin, mich nicht in Gesellschaft bewegen kann …"
Th: „Wenn Sie noch einmal in die Hotelhalle zurückgehen und sich von außen ansehen, wie haben Sie sich tatsächlich verhalten?"
Pat: „Ich falle eigentlich gar nicht auf, ich kann nur nicht gut Konversation betreiben, wenn mich jemand anspricht."
Th: „Schlimm?"
Pat: „Nicht in der Hotelhalle …"

Was die Vignette zeigt: Die primäre Emotion in der Hotelhalle ist nicht „zu interpretieren", sondern öffnet eine konkrete biographische Szene. Die BEA 2 vollzieht im Erwachsenen-Verstehen das, was als Kind nicht möglich war: eine personale Antwort auf die väterliche Beschämung. Der Ausstieg differenziert sauber zwischen damaliger Verletzung und aktueller Realität — eine zentrale Operation des „Löschvorgangs".
Vertiefung · Frühe Beziehungen und der reaktive Anteil

Tutsch & Luss (S. 34): „Frühe Eindrücke sind prägender, da das Kind sich Einschränkungen und Verletzungen meist noch nicht stellungnehmend widersetzen kann. Das Kind ist anvertraut und daher ausgeliefert. In seiner Stellungnahme dominiert der reaktive Anteil. Es reift erst zur Stellungnahme heran und ist vorerst mehr auf seine Schutzmechanismen angewiesen."

Klinisch heißt das: BEA muss damit rechnen, dass die kindliche Stellungnahme nicht „falsch", sondern reaktiv-überlebensorientiert war. Sie wird gewürdigt, bevor sie ergänzt wird. Die Schutzmechanismen werden gehoben — nicht beseitigt — und ihre Funktion anerkannt, bevor neue Bewegungsräume entstehen.

Indikation und Grenzen

Tutsch & Luss (2000, S. 32) halten den Grundsatz fest: Biographische Arbeit steht in der EA „nur zur Diskussion, wenn der personal-existentielle Vollzug eingeschränkt ist“ — und sie ist unumgänglich, wenn die Einschränkung nicht überwunden werden kann und/oder der personale Akt nicht in der Tiefe der Person gründet. Hinweise auf die Notwendigkeit biographischer Arbeit im therapeutischen Prozess:

Indiziert
Wenn aktuelle Themen mit alten Wunden verschränkt sind, Persönlichkeitsstörungen, chronische Schwierigkeitsmuster, Suche nach existentieller Selbstklärung.
Voraussetzung
Stabile Therapeut-Klient-Beziehung. Selbstdistanzierungs-Fähigkeit beim Klienten. Genügend Zeit (kurze Beratung ist nicht der Ort).
Vorsicht
Frisches Trauma — biographische Vertiefung kann retraumatisieren. Akute Krise — zuerst Stabilisierung. Persönlichkeitsstörungen mit fragilem Selbstwert — vorsichtig dosieren.
Kontraindiziert
Wenn die psychische Struktur so wenig stabil ist, dass sie die Aufhebung der Abwehr (Blockade des personalen Dialogs) und die Verdichtung der Emotionalität durch größere Nähe zum Erfahrenen nicht aushält. Dann zuerst strukturbildende Neuerfahrungen in den Grundmotivationen — bzw. die biographische Arbeit mehr kognitiv-erklärend führen (Tutsch & Luss 2000, S. 32).

Verhältnis zu anderen Methoden

Die Biographische EA ist spezielle Anwendung der PEA. Sie nutzt die vier PEA-Schritte (Beschreiben, Eindruck, Stellungnahme, Ausdruck), bezieht sie aber auf einen biographischen Inhalt. Im Verhältnis zur klassischen Psychoanalyse: ähnliches Material, andere Haltung — phänomenologisch, weniger deutend, mehr auf die Person des Klienten heute zentriert.

Quellen
  • Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichworte: Biographische Methode.
  • Kolbe Ch. (Hrsg.) (1994): Biographie. Verständnis und Methodik biographischer Arbeit in der Existenzanalyse. GLE-Verlag, Wien.
  • Längle, A. (1994). Die biographische Vorgangsweise in der Personalen Existenzanalyse. In: Kolbe (Hrsg.), s.o., 9–33.
  • Tutsch L., Luss K. (2000). Anleitung für die biographische Arbeit in der EA. Existenzanalyse 17, 1, 31–35.
  • Blankenburg W. (Hrsg.) (1989): Biographie und Krankheit. Thieme, Stuttgart.