Störungen · Sucht-Mechanismus

Circulus vitiosus der Sucht

Längles Mechanismus-Modell: ein selbstverstärkender Kreislauf aus Lebensgefühl-Mangel, Scheinlösung und Ersatz-Wert-Fixierung — mit jeder Runde tiefer.

Meta · 60-Sekunden-Take

Der Suchtkreislauf läuft auf zwei Schienen: positiv (Lustgewinn, „reines Leben") und negativ (Erleichterung von Spannungen). Beide werden kurzfristig bedient, langfristig verstärkt. Potenzierung des Suchtcharakters: Defizit wächst, Bewältigungsfähigkeit schwindet. Dritter Verstärker: Frustration nach der gelebten Sucht ruft nach neuer Spannungsreduktion. Längles Pointe vom Willen: Kipp-Phänomen — vor dem Trinken will man trinken, nach dem Trinken nicht.

Die Stationen des Circulus — nach Längles Schema („Warum die Fixierung?")

1

Mittel → Erfahrung von „reinem Leben"

Ausgangspunkt des Schemas: Das Mittel wird erlebt — es vermittelt die Erfahrung von „reinem Leben" und/oder ein Verblassen der Probleme. Beide Wirkungen können gleichzeitig auftreten; oft setzt der Kreislauf auf dem Boden eines Mangels an Lebensgefühl (2. GM) ein.

2

Positive Schiene · Lebensgefühl ankurbeln

Physiologisches „Einklinken" (unmittelbare Stoff- oder Reizwirkung) plus psychische Wirkung: Kompensation des psychischen Defizits (alle GM) → Ankurbelung von Lebensgefühl ⇒ Überbewertung des Mittels.

3

Negative Schiene · Erleichterung

Erleichterung von „lebenshindernden" Spannungen ⇒ Ausweg durch Scheinlösung. Dazu Lernen von Vermeidungsverhalten ⇒ Übung, Bahnung — mit jeder Wiederholung sinkt die Hemmschwelle.

4

Haltungen verfestigen sich

Aus der positiven Schiene erwächst die Wunschhaltung, aus der negativen die Leidvermeidung — die beiden suchtmachenden Haltungen, die das Verhalten nun tragen.

5

Überdimensionalität der „Werte" · Entfremdung

Die Reize werden überdimensional („Werte" in Anführungszeichen) — zugleich Entfremdung vom realen Leben. Folge auf der einen Seite: „Ersatz-Wert"-Fixierung (Stoff-Fixierung, man „klebt" daran; eher die Defizite der 2. + 4. GM). Auf der anderen: der Weg zurück wird schwerer — die Probleme werden mehr, ihre Bearbeitung ungewohnter, der Weg in die Realität verbaut (eher die Defizite der 1. + 3. GM).

6

Potenzierung · „Mächtigkeit" der Sucht

Die Kombination von Defizit an erfülltem Leben und Problemzuwachs potenziert den Suchtkreislauf — das gibt der Sucht ihre Mächtigkeit. Dritter Verstärker: die Zunahme der Spannung durch die Frustration nach der gelebten Sucht → Intensivierung. Der Wille verfügt über immer weniger Können, um an der realen Situation etwas zu verändern.

Zwei Schienen — positiver Lustgewinn und negative Leidvermeidung

Positive Schiene · Lustgewinn

Vorwärts in das Suchtmittel. Das „reine Leben" wird angestrebt — gesteigerte Empfindung, Hochgefühl, intensive Wertberührung. Der Stoff wird zum Ersatz-Wert, an den sich der Wille bindet. Mit der Zeit Fixierung: nur noch dieser eine Weg bringt das ersehnte Gefühl. Alle anderen Werte verlieren ihren Reiz.

Negative Schiene · Leidvermeidung

Weg von der Spannung. Erleichterung von Schmerz, Angst, Leere, Scham. Der Stoff betäubt, was nicht ausgehalten werden kann. Mit der Zeit wird der Weg zurück — in die unbetäubte Realität — immer schwerer. Der Entzug wird selbst zur Bedrohung, vor der geflohen werden muss.

Das Kipp-Phänomen — Willensspaltung vor und nach dem Konsum

Längle macht eine phänomenologisch entscheidende Beobachtung: Der Wille des Süchtigen kippt. Vor dem Trinken will er trinken — mit voller Energie, gegen alle Vernunft, gegen alle Vorsätze. Nach dem Trinken will er es nicht — mit Scham, Selbstvorwurf, Reue. Es ist nicht ein schwacher, sondern ein gespaltener Wille. Genau das macht die Sucht so tragisch: der Mensch erlebt sich als von einer fremden Macht dominiert, die doch sein eigener Wille ist.

Therapeutisch ist das Kipp-Phänomen aufschlussreich — aber Längle warnt: Im nüchternen Zustand will der Süchtige die Sucht nicht, doch dieser Wille hat keinen Bestand, weil ihm die Nähe zum eigentlichen Ich (zur Person) fehlt. Die guten Vorsätze können nicht durchgehalten werden, weil ihre Wirkung weniger gefühlt wird und sie in ihrem Wert verblassen. Darum braucht es erlebnisnahe andere Werte und gezielte Willensarbeit (z. B. Willensstärkungsmethode) — Willensarbeit ist zentral für Suchtprävention und Suchtbehandlung.

Längle/Claudius — der Maßstab des Willens

Längle zitiert wiederholt Matthias Claudius: „Frei ist, wer wollen kann, was er soll." Diese Formel beschreibt die Freiheit als Übereinstimmung zwischen Wollen und innerem Maßstab (Gewissen, Werte, Person). Der Süchtige will — aber nicht, was er soll. Sein Wille ist von der Person entkoppelt. Die Sucht ist damit nicht Willensschwäche, sondern Willensentfremdung. Und das ist auch die Richtung der Therapie: nicht den Willen zu brechen, sondern ihn wieder mit der Person zu verbinden.

Vertiefung · Craving — das aktive Verlangen

Craving ist nicht passives Sehnen, sondern starkes, hemmungsloses, gieriges, aktives Verlangen — letztlich ein Verlangen nach mehr Leben: „Ich brauche das, sonst kommt das Leben zu kurz." Es ist eine „Abstraktion": Es muss nicht unmittelbar aus dem Kontakt mit dem Mittel entstehen (wie die Gier), sondern kann auch durch die Phantasie ausgelöst werden; es ist Ausdruck eines subjektiv als lebensbelastend empfundenen Mangelgefühls und beruht auf Erfahrungslernen (Konditionierung). Längle hält fest: Ohne Craving keine Sucht. Das unterscheidet den Süchtigen vom Gewohnheitstrinker — dieser hat weniger Craving, mehr Gewohnheit (wie das gewohnte Zähneputzen). In der Therapie ist das Cravingerleben ein wichtiger Gegenstand: Was geht ihm voraus? Welche Stimmung trägt es? Wann gelingt es, ihm zu widerstehen, wann nicht?

Vertiefung · „Mächtigkeit der Sucht"

Längle erklärt die wachsende „Mächtigkeit der Sucht" als Kombination zweier Bewegungen: Auf der einen Seite wächst der Lebenshunger — der ursprüngliche 2.-GM-Mangel wird nicht behoben, sondern verstärkt durch alle Werte, die durch den Konsum nicht erlebt werden. Auf der anderen Seite wächst der Problemzuwachs — Scham, gesundheitliche Folgen, finanzielle Belastungen, soziale Isolation. Beide Seiten potenzieren sich. Aus einem moderaten Verhalten wird über Jahre eine übermächtige Dynamik. Die Therapie kommt oft erst dann, wenn die Mächtigkeit subjektiv unaushaltbar ist.

Fall-Beispiel

Fall· typischer Verlauf

„Wie ein warmer Mantel"

34-jährige Patientin, alleinerziehend, beschreibt ihren Abendablauf: „Wenn ich abends heimkomme, ist da nur Leere. Das erste Glas ist wie ein warmer Mantel." Nach drei Gläsern verblassen die Probleme; sie schläft schwer ein. Um vier Uhr morgens wacht sie auf mit Herzklopfen — die Probleme sind wieder da, jetzt verstärkt durch Scham über den Konsum und die Sorge um das Kind. Am nächsten Abend ist die Schwelle niedriger, die Menge höher; der Mantel muss dicker werden. Klassischer Längle-Circulus: Mangel → Scheinlösung → Erleichterung → Wirkungsabfall → vertiefter Mangel (jetzt plus Scham) → höhere Dosis. Sichtbar wird der Hebel: nicht der Wein ist das Problem, sondern die Leere, die ihn ruft.

Quellen
  • Längle, A. · Warum die Fixierung? (Skriptum Sucht · Circulus vitiosus)
  • Längle, A. (1997/2007) · Allgemeine Elemente der Therapie von Abhängigkeit
  • Längle, A. (2015) · Die Zustimmung in der Süchtigkeit · Existenzanalyse 32/2
  • Längle, A. (2013) · Fragenkatalog zur Sucht · Prüfungskatalog 10