Depression · Trauer
Trauer ist die gesunde Aktivität der 2. GM und damit das Gegenstück, nicht eine Variante der Depression. Längle: „Trauer ist das zentrale Thema der Depressionstherapie."
Sinn der Trauer
Durch das Halten der Beziehung zum Dasein auch unter widrigen Umständen bleibt die Verbindung erhalten, durch die das Leben fließen kann — leidvoll zwar, aber Leben ist zu fühlen. Längle (2004): „Dies ist der Sinn von Trauer: die Erhaltung der Beziehung zum Leben." Deshalb ist Trauer nicht pathologisch, sondern ein Können, eine aktive Verarbeitung. Prozessorientiert lässt sich Depression entsprechend definieren als blockierte, ausstehende Trauer — darin sind die tiefenpsychologischen (gehemmte Aggression) und behavioralen (erlernte Hilflosigkeit) Konzepte integriert und auf einer neuen Ebene zusammengeführt.
Der Trauerprozess — fünf Schwerpunkte (LB GM2)
Sein-Lassen → Ruhe
Trauer beginnt mit dem Aufgeben des Sich-Wehrens, mit einem Loslassen — dem Annehmen der Realität (entspricht der 1. GM). Solange man sich wehrt, ist es noch nicht Trauer, sondern Schock, Kämpfen, Leugnen.
Sich-berühren-lassen → Wärme, inneres Leben
Das Geschehene an sich herankommen lassen, den Schmerz fühlen — ein Weinen kommt auf. Dazu gehört das Selbstmitleid als Mitgefühl für sich selbst; seine Ablehnung ist eine häufige Ursache der Trauerblockade.
Zuspruch zu sich → Trost
Wie eine gute Mutter zu sich sprechen: „Das muss jetzt weh tun. Lass dir Zeit." Trost von anderen kann den inneren Schritt anbahnen, aber nicht ersetzen.
Sorgen für sich → Selbst-Verantwortung
Selbstfürsorge: schauen, was man braucht, um weiterhin sein zu können — Ruhe, Gespräche —, damit die Wunde zuwachsen kann.
Neu-Orientierung → Zukunft
Zustimmung zum Leben wiederfinden, verinnerlichte Beziehung zum verlorenen Wert (die Beziehung bleibt, ihre Form ändert sich), neue Wertbeziehungen aufnehmen. Tröstliches kommt zum Vorschein und wird angenommen — der Grundwert der 2. GM trägt wieder.
Trauerbegleitung — fünf Schritte (mit PEA-Bezug)
Wortloses Da-Sein
Präsenz ohne Eingriff — wahrnehmen, schützen, Ruhe ermöglichen (entspricht PEA 0).
Zuwendung und Nähe
Mitfühlen, Emotionen aussprechen — die „Drehscheibe des Trauerns", hier kommen oft die Tränen (entspricht PEA 1).
Trost und Zuspruch
Inhaltlicher Halt in der „Haltung einer guten Mutter" — sparsam mit Worten, aufgreifen, was der Trauernde selbst sagt (entspricht PEA 2).
Besorgen
Konkrete Sorge ums Wohlergehen: Arbeit, Schlaf, Bezugspersonen (entspricht PEA 3).
Beziehungsarbeit
Neuorientierung: was wird aus der Beziehung zum Verlorenen — Verinnerlichung oder Lösung? Zukunftsperspektive und neue Wertbezüge (entspricht der 4. GM).
Trauerblockade als Wurzel
Trauerblockade — das Nicht-Zulassen-Können der vier Schritte — ist eine der häufigsten Wurzeln neurotischer Depression und Dysthymie. Häufige Gründe: das soziale Umfeld toleriert das Trauern nicht („funktionieren müssen"), die Person hat keinen Halt für die Mitschwingung, das Verlorene ist ambivalent besetzt (Streit, Schuld), oder es fehlt der Rahmen zum Innehalten. Längle: „Über die Depression hält sich die Seele das, was der Verstand verweigert hat." Therapieziel: nachholendes Trauern ermöglichen, was sich biographisch nicht ereignen durfte.
Fall-Beispiel
„Ich muss funktionieren"
Patient nach Tod der Mutter, der nicht trauern konnte: „Ich muss funktionieren, ich habe zwei Kinder, Beruf, alles." Sechs Monate später depressive Episode. Therapie: zugehen lassen, was nicht zugelassen wurde — die Trauer um die Mutter und um den Verlust der eigenen Kindheit, die mit ihr ging. Wertbeziehung zur verstorbenen Mutter verinnerlichen statt abschneiden. In der Beziehungsarbeit (5. Schritt der Begleitung) ein Ritual finden, das sie würdigt.
Verbindungen
4_Depression3-Trauer.pdf · Längle 1993Längle A. (2004) Existenzanalyse der Depression (Bern) — Sinn der TrauerLehrbuch Existenzanalyse · 2. GM (Trauerprozess, Trauerbegleitung)Kübler-Ross E. (1969) On Death and DyingBowlby J. (1980) Loss