Themen · Beziehung zum Wertvollen

Hoffnung

Hoffnung ist nach Längle ein existenzieller Akt — die Aufrechterhaltung der Beziehung zum Wertvollen, gerade dort, wo man selbst nichts mehr tun kann.

Meta · 60-Sekunden-Take

Hoffnung ist mehr als ein Gefühl und keine Erwartungshaltung: sie ist ein existenzieller Akt — „die geistige Kunst, angesichts des eigenen Unvermögens etwas zu tun und nicht in Ohnmacht und Lethargie zu verfallen". Vier Wesensmerkmale: Aufrechterhaltung der Beziehung zum Wertvollen · realistisch (das Eintreten von Künftigem ist nie ganz festgelegt) · paradox (etwas tun, wo man nichts mehr tun kann) · sinnhaltig (wo Hoffnung ist, ist Sinn — Hoffnungslosigkeit ist Sinnlosigkeit). Gegenpol: Resignation. Drei Akte: Treue · Sein-Lassen · Verbundenheit/Transzendenz. Empirisch (Breitbart, Brydon, Spiegel): Hoffnung wirkt wie ein „psychosomatisches Medikament" — aktivierend, motivierend, eine Grundlage für Resilienz.

Was ist Hoffnung? — Vier Wesensmerkmale

1

Beziehung zum Wertvollen

Hoffnung ist kein Wunsch — sie ist eine Beziehung zu etwas, das mir wertvoll ist. Man hält an der Ausrichtung auf den Wert fest, hält ihm die „Treue" — vielleicht auch gegen alle Vernunft und obwohl der Ausgang völlig offen ist. So schlägt sich der Hoffende auf die Seite des Lebens.

2

Realistisch — Künftiges nie festgelegt

Hoffnung verneint die Realität nicht. „Sicher" ist nur, was der Fall ist (Wittgenstein) — was noch nicht eingetreten ist, ist nicht ausgeschlossen. Das ist die ontologische Basis der Hoffnung: Sie ist keine Selbsttäuschung, kein Abwehrmechanismus und keine Illusion, weil sie auf diese Wahrheit Bezug nimmt.

3

Paradox — tun, wo nichts mehr zu tun ist

Das Paradox: Hoffnung ist ein Tun, das gelebt wird, obwohl man selbst nichts (mehr) zur Verbesserung beitragen kann. Sie hat dort ihren Platz, wo man zur Untätigkeit gezwungen, der Situation ausgeliefert ist — als inneres „Tun", das sich mit dem Wert in Verbindung hält.

4

Sinnhaltig

Wo Hoffnung ist, ist Sinn — Hoffnungslosigkeit ist Sinnlosigkeit. Hoffnung ist auf Zukunft ausgerichtet, lebt für ein Morgen, weil man fühlt, dass das eigene Dasein in einem größeren Ganzen aufgehoben ist.

Abgrenzungen — was Hoffnung nicht ist

1

Hoffnung vs. Erwartung

Gibt es eine festgelegte Form, wie es kommen muss?

Hoffnung

Lässt von allen Erwartungen ab, lässt alles offen, lässt sein — ist bereits ein Sich-Lösen im Bewusstsein, es vielleicht abgeben zu müssen.

Erwartung

Enthält schon die Berechnung — damit wäre absehbar, wie es ausgehen wird. Erwartung wäre „schon zu viel"; sie klammert sich an ein Ergebnis.

2

Hoffnung vs. tröstendes Gefühl

Ist es nur ein Gefühl, das beruhigt?

Hoffnung

Mehr als ein Gefühl: ein existenzieller Akt — eine von einem tiefen Lebensgefühl getragene Entscheidung.

Tröstendes Gefühl

Hoffnung wird oft missverstanden als kalmierendes Gefühl, das Leid besänftigt — wie eine „gute Mutter", die streichelt. Das verfehlt ihren Aktcharakter.

3

Hoffnung vs. Illusion

Wie ist der Realitätsbezug?

Hoffnung

Echte Hoffnung bedeutet eine Anerkennung der Realität — und hält trotzdem die Beziehung zum Wertvollen offen.

Illusion („falsche Hoffnung")

Steht gegen die Wahrheit, verkennt die Wirklichkeit — im eigentlichen Sinn keine Hoffnung mehr, sondern Erwartung oder Wunsch. Ihr Schaden: man setzt sich nicht mehr mit der Realität auseinander.

4

Hoffnung vs. Resignation

Wird die Beziehung aufrechterhalten?

Hoffnung

Hält die Beziehung zum Wertvollen, auch im Unvermögen.

Resignation

Der Gegenpol der Hoffnung: das Aufgeben des Wertes, das Fahren-Lassen der Verbundenheit. In der Resignation ist die Liebe zum Leben erstorben — man vertraut nicht mehr, wendet sich ab, ist überwältigt, hat keine personalen Ressourcen mehr.

Drei Akte in der Hoffnung

1

Treue

Aufrechterhalten der Beziehung

Mit dem Sein-Lassen geht ein Aufrechterhalten der Verbundenheit mit dem Wert einher — ein Akt der Treue. Wer so mit seinen Werten verbunden bleibt, hält die Treue zu sich selbst: Wer hofft, lässt sich nicht im Stich.

2

Sein-Lassen

Loslassen der Kontrolle

Auch dies ist ein Akt: lassen, sein lassen, es dem Sein überlassen, was geschehen wird. Man überlässt sich dem Fluss des Geschehens und akzeptiert, dass man nicht alles machen kann — selbst das Wichtigste hat man nicht in der Hand.

3

Verbundenheit / Transzendenz

Einbettung in größeren Zusammenhang

Wer hofft, stellt sich in den Horizont eines größeren Ganzen und nimmt — vielleicht nur spürend — Bezug auf den Seinsgrund, dem man sich anvertraut. Was immer geschieht, geschieht im Rahmen einer Ordnung, es ist „in Ordnung". Spätestens hier wird Hoffnung transzendent.

Hoffnung im Vollzug — fraktal in allen vier GMs

Hoffnung durchzieht alle vier Grundmotivationen. In der 1. GM ist sie die Zuversicht, dass die Welt trägt — auch dann, wenn das Aktuelle dagegen spricht. In der 2. GM ist sie die Treue zum Wert des Lebens, auch in Trauer und Verlust. In der 3. GM ist sie die Treue zum Eigenen, auch wenn dieses gerade nicht gespiegelt wird. In der 4. GM ist sie die Treue zum Sinn, auch wenn der Kontext sich verdunkelt. Hoffnung ist nicht eine Funktion einer GM, sondern eine Grundbewegung, die alle vier durchzieht — fraktal durchdrungen.

Vertiefung · Falsche Hoffnung — wie umgehen?

Falsche Hoffnung ist zumeist als Abwehrmechanismus zum Schutz der Psyche zu verstehen — sie wird gebraucht, und es würde etwas zerstört, wenn man sie nähme. Grundsatz: Solange eine „falsche Hoffnung" keine Aktivitäten unterbindet, die bei richtiger Einschätzung hilfreiche Schritte ermöglichten, soll sie nicht angesprochen oder gar zerstört werden — denn Hoffnung ist Ausdruck einer persönlichen Beziehung zum Leben, kein objektiver Befund. Stattdessen anfragend vorgehen: den Konjunktiv einführen („Ja, das wäre schön, das täte ich Ihnen auch wünschen …"), Realität einführen, ohne wegzunehmen („Man kann sich halt nicht sicher sein … Was gibt Ihnen die Sicherheit?"), und mit mehr Zeit die ausgeblendete Möglichkeit öffnen („Haben Sie schon mal daran gedacht, wie das für Sie wäre, wenn es nicht so käme?"). Analog bei falscher Hoffnungslosigkeit/Resignation: „Wissen Sie sicher, dass es ausgeschlossen ist? Woher wissen Sie das?"

Vertiefung · Hoffnung als psychosomatisches Medikament

Empirische Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit Hoffnung und Sinn resilienter sind, sich besser von Krankheit und Schicksalsschlägen erholen und einen besseren Schutz gegenüber schädigenden Einflüssen aufweisen. Längle verweist u.a. auf: Breitbart et al. (2011) zur Wirkung von Sinnfindung bei Karzinomen (sinnzentrierte Gruppenpsychotherapie), Brydon et al. (2009) zum Einfluss von Optimismus auf das Immunsystem, Pössel et al. (2012) zum negativen Einfluss von Depression auf Brustkrebs und Spiegel (1989/2012) zur positiven Auswirkung von Stressreduktion auf die Überlebensrate bei Krebs. Hoffnung ist aktivierend, motivierend, belebend — könnte man sie erzeugen, wäre sie geradezu als „psychosomatisches Medikament" zu bezeichnen.

Fall-Beispiel

Fall· Palliative Begleitung

„Bis eine Woche vor dem Tod" — Hoffnung als Treue zum Wert

Patientin, 47, mit metastasierendem Pankreaskarzinom. Sie kämpft um ihr Leben und gibt die Hoffnung nicht auf — der Lebenswille beflügelt sie, sie gibt ihrer Hoffnung Nahrung: Homöopathie, Religion, Chemotherapie, Stent. Sie überlebt fast drei Jahre — ungewöhnlich lange für diese Diagnose. Noch eine Woche vor ihrem Tod macht sie sich und den Angehörigen Hoffnung; am Tag vor dem Tod meint sie, es werde schon gut. Objektiv gesehen hat sie zumindest in den letzten Wochen die Realität verkannt und Befunde übergangen. Pragmatisch aber ist zu fragen: War diese Hoffnung nicht gut für die Lebensqualität — und hilfreich für ein vielleicht längeres Leben? Therapeutisch wird sie nicht „korrigiert", denn Hoffnung ist Ausdruck einer persönlichen Beziehung zum Leben, kein objektiver Befund.

Quellen
  • Längle 2013 · Hoffnung – die Beziehung zum Leben halten (Jatros Neurologie & Psychiatrie 3/13, 12–15)