Hoffnung
Hoffnung ist nach Längle ein existenzieller Akt — die Aufrechterhaltung der Beziehung zum Wertvollen, gerade dort, wo man selbst nichts mehr tun kann.
Was ist Hoffnung? — Vier Wesensmerkmale
Beziehung zum Wertvollen
Hoffnung ist kein Wunsch — sie ist eine Beziehung zu etwas, das mir wertvoll ist. Man hält an der Ausrichtung auf den Wert fest, hält ihm die „Treue" — vielleicht auch gegen alle Vernunft und obwohl der Ausgang völlig offen ist. So schlägt sich der Hoffende auf die Seite des Lebens.
Realistisch — Künftiges nie festgelegt
Hoffnung verneint die Realität nicht. „Sicher" ist nur, was der Fall ist (Wittgenstein) — was noch nicht eingetreten ist, ist nicht ausgeschlossen. Das ist die ontologische Basis der Hoffnung: Sie ist keine Selbsttäuschung, kein Abwehrmechanismus und keine Illusion, weil sie auf diese Wahrheit Bezug nimmt.
Paradox — tun, wo nichts mehr zu tun ist
Das Paradox: Hoffnung ist ein Tun, das gelebt wird, obwohl man selbst nichts (mehr) zur Verbesserung beitragen kann. Sie hat dort ihren Platz, wo man zur Untätigkeit gezwungen, der Situation ausgeliefert ist — als inneres „Tun", das sich mit dem Wert in Verbindung hält.
Sinnhaltig
Wo Hoffnung ist, ist Sinn — Hoffnungslosigkeit ist Sinnlosigkeit. Hoffnung ist auf Zukunft ausgerichtet, lebt für ein Morgen, weil man fühlt, dass das eigene Dasein in einem größeren Ganzen aufgehoben ist.
Abgrenzungen — was Hoffnung nicht ist
Hoffnung vs. Erwartung
Gibt es eine festgelegte Form, wie es kommen muss?
Lässt von allen Erwartungen ab, lässt alles offen, lässt sein — ist bereits ein Sich-Lösen im Bewusstsein, es vielleicht abgeben zu müssen.
Enthält schon die Berechnung — damit wäre absehbar, wie es ausgehen wird. Erwartung wäre „schon zu viel"; sie klammert sich an ein Ergebnis.
Hoffnung vs. tröstendes Gefühl
Ist es nur ein Gefühl, das beruhigt?
Mehr als ein Gefühl: ein existenzieller Akt — eine von einem tiefen Lebensgefühl getragene Entscheidung.
Hoffnung wird oft missverstanden als kalmierendes Gefühl, das Leid besänftigt — wie eine „gute Mutter", die streichelt. Das verfehlt ihren Aktcharakter.
Hoffnung vs. Illusion
Wie ist der Realitätsbezug?
Echte Hoffnung bedeutet eine Anerkennung der Realität — und hält trotzdem die Beziehung zum Wertvollen offen.
Steht gegen die Wahrheit, verkennt die Wirklichkeit — im eigentlichen Sinn keine Hoffnung mehr, sondern Erwartung oder Wunsch. Ihr Schaden: man setzt sich nicht mehr mit der Realität auseinander.
Hoffnung vs. Resignation
Wird die Beziehung aufrechterhalten?
Hält die Beziehung zum Wertvollen, auch im Unvermögen.
Der Gegenpol der Hoffnung: das Aufgeben des Wertes, das Fahren-Lassen der Verbundenheit. In der Resignation ist die Liebe zum Leben erstorben — man vertraut nicht mehr, wendet sich ab, ist überwältigt, hat keine personalen Ressourcen mehr.
Drei Akte in der Hoffnung
Treue
Aufrechterhalten der Beziehung
Mit dem Sein-Lassen geht ein Aufrechterhalten der Verbundenheit mit dem Wert einher — ein Akt der Treue. Wer so mit seinen Werten verbunden bleibt, hält die Treue zu sich selbst: Wer hofft, lässt sich nicht im Stich.
Sein-Lassen
Loslassen der Kontrolle
Auch dies ist ein Akt: lassen, sein lassen, es dem Sein überlassen, was geschehen wird. Man überlässt sich dem Fluss des Geschehens und akzeptiert, dass man nicht alles machen kann — selbst das Wichtigste hat man nicht in der Hand.
Verbundenheit / Transzendenz
Einbettung in größeren Zusammenhang
Wer hofft, stellt sich in den Horizont eines größeren Ganzen und nimmt — vielleicht nur spürend — Bezug auf den Seinsgrund, dem man sich anvertraut. Was immer geschieht, geschieht im Rahmen einer Ordnung, es ist „in Ordnung". Spätestens hier wird Hoffnung transzendent.
Hoffnung im Vollzug — fraktal in allen vier GMs
Hoffnung durchzieht alle vier Grundmotivationen. In der 1. GM ist sie die Zuversicht, dass die Welt trägt — auch dann, wenn das Aktuelle dagegen spricht. In der 2. GM ist sie die Treue zum Wert des Lebens, auch in Trauer und Verlust. In der 3. GM ist sie die Treue zum Eigenen, auch wenn dieses gerade nicht gespiegelt wird. In der 4. GM ist sie die Treue zum Sinn, auch wenn der Kontext sich verdunkelt. Hoffnung ist nicht eine Funktion einer GM, sondern eine Grundbewegung, die alle vier durchzieht — fraktal durchdrungen.
Fall-Beispiel
„Bis eine Woche vor dem Tod" — Hoffnung als Treue zum Wert
Patientin, 47, mit metastasierendem Pankreaskarzinom. Sie kämpft um ihr Leben und gibt die Hoffnung nicht auf — der Lebenswille beflügelt sie, sie gibt ihrer Hoffnung Nahrung: Homöopathie, Religion, Chemotherapie, Stent. Sie überlebt fast drei Jahre — ungewöhnlich lange für diese Diagnose. Noch eine Woche vor ihrem Tod macht sie sich und den Angehörigen Hoffnung; am Tag vor dem Tod meint sie, es werde schon gut. Objektiv gesehen hat sie zumindest in den letzten Wochen die Realität verkannt und Befunde übergangen. Pragmatisch aber ist zu fragen: War diese Hoffnung nicht gut für die Lebensqualität — und hilfreich für ein vielleicht längeres Leben? Therapeutisch wird sie nicht „korrigiert", denn Hoffnung ist Ausdruck einer persönlichen Beziehung zum Leben, kein objektiver Befund.
Verbindungen
- Längle 2013 · Hoffnung – die Beziehung zum Leben halten (Jatros Neurologie & Psychiatrie 3/13, 12–15)