3. Grundmotivation · vertieft

Die Coping-Reaktionen der 3. GM

Wenn das Eigene nicht gesehen, nicht gewertschätzt, nicht gerecht behandelt wird, springen Schutzreaktionen an. Vier Reaktionen, kaskadenförmig — mit einem gemeinsamen Muster: Distanznahme, um das Innere vor weiterer Verletzung zu schützen.

Meta · 60-Sekunden-Take

Reaktion bei Übersehen-Werden oder Bedrängt-Sein („Copingreaktionen des Übersehen-Werdens“): Distanz / Rückzug („dann eben nicht“) → Aktivismus / Flucht nach vorne („Theater machen“, sich wichtig machen, funktionieren) → Trotz · Zorn · Ärger („Was nimmt der sich heraus?“) → Totstellreflex: Spaltung / Dissoziation (Trennung von Kognition und Emotion). Bei Fixierung: hysterischer Formenkreis und die meisten Persönlichkeitsstörungen — histrionische, narzisstische, Borderline-, paranoide PS.

Die vier Coping-Reaktionen der 3. GM · Muster: Distanznahme

Das gemeinsame Muster: Distanznahme

Anders als in der 1. GM (wo es ums Überleben geht) oder in der 2. GM (wo es um Lebenswert geht), operieren alle Coping-Reaktionen der 3. GM mit einer Form von Abgrenzung: das Innere wird geschützt, indem etwas zwischen mich und das Bedrängende geschoben wird — Distanz, eine Rolle, ein Zornesausbruch, oder im Extremfall die Spaltung des Erlebens selbst.

Längle: die Person bleibt mit dem Äußerlichen, das Innere wird vor weiterer Verletzung geschützt. Das ist die Pointe: Im 3.-GM-Coping zeigt man sich, aber man ist nicht da. Ziel der Copingreaktionen ist, Erträglichkeit im Verletztsein oder Bedrängtsein zu schaffen bzw. Schutz vor Verletztsein zu erhalten — damit man wieder man selbst sein kann und vielleicht auch gesehen wird.

Wie in jeder GM folgen die vier Reaktionen dabei den vier Grundmustern: die Distanznahme operiert mit dem Raum (≈ CR-Muster der 1. GM), der Aktivismus geht in die Nähe (≈ 2. GM), die Aggression agiert über Grenzziehung und Gesehen-Werden-Wollen (≈ 3. GM), der Totstellreflex zerbricht Zusammenhänge (≈ 4. GM).

Die vier Reaktionen

1Distanz / Rückzug

„Dann eben nicht.“ Die erste Reaktion: abrücken. Sich raus nehmen aus der Situation, dem Gespräch, der Beziehung. Längle nennt mehrere Varianten:

  • Von anderen weggehen: „Ich kann ohne dich.“ Stolz mischt sich dazu.
  • Schweigen, witzeln, schnippisch werden: ironisch oder spitz reagieren, die Sache nicht ernst nehmen.
  • Formalismus, Sachlichkeit: die Beziehungsebene ausblenden, nur noch über die Sache reden. Perfektionismus als Distanz-Strategie.
  • Distanz von sich: bei Selbstkonflikt aus sich herausgehen — z.B. sich in andere hineinversetzen, „Schein-Selbsttranszendenz“.

Positives Ziel: das Selbst und den Selbstwert retten, indem ich mich heraus nehme („nicht mit mir!“) — ich besinne mich auf den Wert, den ich mit mir habe. Negative Folge: Vereinzelung, Einsamkeit, Beziehungsbruch.

Phänomen· Distanz

„Wenn's ernst wird, mache ich Witze.“

Ein Klient berichtet: „Sobald ein Gespräch persönlich wird, kommt aus mir ein Spruch. Ich kann nicht anders. Mein Partner sagt, ich kapsele mich ab. Es stimmt — aber ich merke es erst, wenn der Spruch schon draußen ist.“

Sichtbar: Witzeln als automatisierte Distanz-Reaktion. Das ist nicht „Humor“, das ist Coping. Therapeutisch wichtig: nicht die Witze bekämpfen, sondern den Schmerz erkennen, der ihnen vorausgeht.

2Aktivismus · Flucht nach vorne

„Theater machen.“ Statt zurückzutreten — nach vorn. Sich wichtig machen, im Mittelpunkt stehen wollen, ständig etwas tun. Längle nennt das die paradoxe Bewegung (Aktivismus): die „Flucht nach vorne“ oder Übersprungbewegung der 3. GM. Kennzeichen: Unruhe, Ruhelosigkeit, „Theater“ machen.

Vier Unterformen (nach dem GM-Aspekt, an dem sie ansetzen):

  • Numerisch-quantitativ (1. GM-Akzent): Putzfimmel, Vereinsmeierei, Hans-Dampf-in-allen-Gassen. „Ich muss dauernd etwas tun, damit ich nicht untergeh.“
  • Beziehungssuchend / strafend (2. GM-Akzent): Sühneversuch für erlittenes Unrecht. Bestrafen.
  • Ich-Repräsentanzen, Identifikation mit äußeren Objekten (3. GM-Akzent): Mitspielen und Recht-Geben, „Identifikation mit dem Angreifer“ (sich auf seine Seite schlagen, die Verletzung überspielen und mitlachen), Heuchelei, Speichelleckerei; auch Projektion, Besserwisserei, Sich-in-Szene-Setzen.
  • Konstruktion von Bedeutungszusammenhängen (4. GM-Akzent): sich rechtfertigen (sich mit Argumenten behaupten, das Persönliche fällt heraus), Verschiebung — inhaltliche Umdeutung, „Umwertung“.

Wichtig: Im Vordergrund stehen, sich interessant machen, auffällig kleiden, sich in Szene setzen — das ist klassisch hysterische / histrionische Dynamik; Längle nennt es typisch für die hysterische Persönlichkeit(sstörung). Positives Ziel: Mobilisieren von Kraft, Steigerung der Effizienz (aber nicht der Effektivität). Negative Folge: Entleerung, Leerwerden, Burnout.

Phänomen· Aktivismus

„Auf der Bühne bin ich, im Leben weiß ich nicht.“

Eine Klientin, die beruflich präsentiert, charismatisch wirkt, gut performt. „Wenn ich auf der Bühne stehe, weiß ich, wer ich bin. Aber wenn ich abends nach Hause komme, fühle ich mich leer. Als hätte ich den ganzen Tag jemanden gespielt — und ich weiß nicht mehr, wer ich daneben bin.“

Sichtbar: Performance als Selbstwert-Ersatz. Die Anerkennung kommt von außen — und sie funktioniert, solange die Bühne da ist. Nur: sobald sie weg ist, bleibt Leere. Therapeutisch: das innere Sich-Selbst-Begegnen aufbauen, das die Bühne nicht braucht.

3Trotz · Zorn · Ärger

„Was nimmt der sich heraus?“ Der Aggressionstypus der 3. GM ist anders als Hass (1. GM, destruktiv) oder Wut (2. GM, beziehungssuchend). Hier geht es um Grenzwiederherstellung und das Vertreten des Eigenen.

Längle: Der Zornige will gesehen werden, um nicht weiter verletzt zu werden. Er ist laut, vorwurfsvoll, „überfahrend“. Die Aggression enthält eine Zurechtweisung.

  • Trotz: Widerwille — innerliches Sich-dagegenstellen. „Ich nicht!“ Die Person beharrt auf der Grenze.
  • Zorn: Aufbrausen, sich Luft machen, laut werden. „Das laß ich mir nicht bieten!“ Zorn will gesehen werden — die Reaktion geht nach außen.
  • Ärger: eine frustrierte, auf sich selbst zurückgeworfene Absicht — das Eigene kann nicht gelebt werden, der Zorn richtet sich oft gegen einen selbst. Chronischer Ärger („Seeleneiter“) führt zur Bitterkeit.
  • Rache / Strafe: wenn sich der aggressive Impuls mit Gerechtigkeitsgefühl verbindet. „Du sollst spüren, was du mir angetan hast — und zum Ausgleich ebenso leiden.“ Enthält das Element der „gerechten Strafe“.

Ziel dieses Aggressionstypus: gesehen werden, um nicht weiter verletzt zu werden — das Eigene sich herausnehmen und die Grenze wiederherstellen. Erstarrt der Ärger in chronisch empfundener Grenzverletzung, entsteht Verbitterung (PTED, posttraumatic embitterment disorder) — der Übergang zum Totstellreflex. Und: Wird die Verletztheit weder zum Zorn (nach außen) noch zum Ärger (auf sich selbst), wird es leer und gefühllos im Menschen — das ist nach Längle der psychodynamische Hintergrund des existentiellen Vakuums.

Phänomen· Trotz

„Ich habe seit zehn Jahren nicht mehr mit meiner Mutter gesprochen.“

Ein Klient, kühl und entschieden: „Sie hat mich auf der Hochzeit übergangen. Vor allen Leuten. Ich habe ihr damals geschrieben, sie soll sich entschuldigen. Hat sie nicht. Dann ist Schluss.“ Er erzählt das ohne sichtbare Emotion. „Das ist mein Recht.“

Sichtbar: chronifizierter Trotz. Was als Abgrenzungs-Akt gerechtfertigt war, ist zur erstarrten Position geworden. Therapeutisch wichtig: nicht das Recht infrage stellen — sondern den Schmerz hinter dem Recht ansehen.

4Spaltung / Dissoziation

„Ich war wie neben mir.“ Der letzte Schutz: Trennung von Kognition und Emotion. Was zu unaushaltbar wäre, wird abgespalten — bleibt zugänglich, aber gefühllos. Oder umgekehrt: das Gefühl ist da, aber abgekoppelt vom Wissen.

Längle differenziert mehrere Formen — vom Leichten zum Schweren:

  • Leichte Formen — Beleidigung und Kränkung: Beleidigung („be-leidigt“ — Zufügung von Leid, das nicht allzu tief geht; der Selbstwert ist verletzt, oft mit Appellcharakter und schmollender Passivierung). Kränkung — tieferes, persönliches Getroffensein, das die Beziehungsebene involviert, länger andauert und „krank machen“ kann (bis zu psychosomatischen Reaktionen).
  • Lähmung in Scham / Selbstverlust: nichts sagen können, verstummen, die Not schamvoll verbergen, nichts von sich zeigen können.
  • Verbitterung: chronifizierte, verhärtete Abgrenzung, Erstarrung im Ärger, verbunden mit Hoffnungslosigkeit — PTED.
  • Spaltung (psychisch): „Splitting“ — Trennung von Kognition (Bewusstsein, Stellungnahme) und Emotion (Erleben); etwas gehört real zu mir, aber ich will/kann es nicht als zu mir gehörig erleben. Emotionsloser Bericht, Übergehen, Leugnen, Vergessen.
  • Dissoziation / Depersonalisation: Desintegration des Ichs, die Ganzheit zerbricht; Depersonalisation = Gefühl, nicht mehr sich selbst zu sein. „Wie ein Körper ohne Ich.“
  • Psychosomatische Dissoziation: Abspaltung des Gefühls vom Körper — das Problem wird in den Körper verschoben und dort „totgestellt“: funktionelle Störungen und psychosomatische Krankheiten als Schutzreaktionen.

Ergebnis: die äußerste Form der Daseinssicherung — die Bedrohung geht hier am tiefsten und erschüttert den Grund. Klinisch prägen Spaltung und Dissoziation v.a. Borderline- und dissoziative Störungsbilder.

Phänomen· Dissoziation

„Ich habe es erzählt, als wäre es einer anderen passiert.“

Eine Patientin schildert ein traumatisches Ereignis aus der Jugend. Während sie erzählt, lacht sie zweimal kurz. Die Therapeutin merkt, dass die Klientin gar nicht spürt, dass sie lacht. Erst beim vorsichtigen Hinweis: „Ich glaube, das war gerade weit weg von Ihnen.“ Stille. Dann: „Ja. Ich kann es nicht nah haben.“

Sichtbar: Dissoziation in vivo. Die Klientin ist nicht „kalt“. Sie ist weg. Therapeutisch heißt das: nicht zur Emotion drängen — sondern Behutsamkeit, dass die Person sich wieder bei sich erleben kann, in winzigen Schritten.
Vertiefung
Die personale Antwort: An-sehen und Verzeihen

Statt in der Coping-Kaskade zu verharren, kann die Person antworten:

  • An-sehen — sich selbst und den anderen wahrnehmen, statt sich abzukapseln.
  • Wertschätzung — den eigenen Wert benennen, statt ihn zu überspielen.
  • Authentizität — zu sich stehen, statt Rollen zu spielen.
  • Abgrenzen — entschieden Nein sagen, aus dem inneren Ja heraus, statt trotzig zu reagieren.
  • Verzeihen — der personale Umgang mit erlittener Verletzung. Nicht „vergessen“ oder „kleinreden“, sondern: die Verletzung anerkennen, ihre Wirkung sehen, und sie nicht mehr regieren lassen.

→ Vertieft in Selbstwert & Authentizität.

Persönlichkeitsstörungen als chronische 3.-GM-Coping-Fixierungen

Längle: Störungen des Selbstwerts führen zu Problemen in der Abgrenzung, zu Vereinsamung (innere Leere), Sozialängsten, zum hysterischen Formenkreis und zu den meisten Persönlichkeitsstörungen — histrionische, narzisstische, Borderline-, paranoide:

Hysterisch / histrionisch
Außenorientierung und Sich-in-Szene-Setzen fixiert · ohne den inneren Pol der Selbsteinschätzung geht die Person sich verloren
Narzisstisch
Es fehlt die Stellungnahme zu sich (das Sich-selbst-Gegenübertreten) · der Selbstwert wird durch Außenobjekte repräsentiert — „Fass ohne Boden“, unersättlich im Anerkennung-Erhalten · ein falsches, distantes, nicht gefühltes Selbstbild
Borderline
Spaltung fixiert · hat kein Bild von sich (kein Selbstbild)
Paranoid
Im Lehrbuch als Störbild der 3. GM neben der Hysterie genannt (paranoide psychogene Entwicklungen)

Das heißt nicht: jede PS ist „nur Coping“. Aber die existenzanalytische Lesart erkennt im Kern dieser PS ein chronisch verletztes Selbstsein-Dürfen — man erlebt sich als „leere Hülle“, abgetrennt vom inneren Ich. Das macht das therapeutische Ansetzen klar: an der 3. GM arbeiten.

Die Gefühlskette des Selbstverlusts in der Praxis

Wenn das Eigene beim anderen nicht ankommt: „Ich gehe mir verloren.“ Lehrbuch-Gesetz: Personale Offenheit, die von anderen abgewiesen wird, führt zu Ich-Verlust und erzeugt das Gefühl des Verlorenseins. Die Gefühlskette des Selbstverlusts bzw. Verletztseins:

  1. Verlorensein — keine Beziehung mehr zum Eigenen haben.
  2. Ungutes Gefühl, Unzufriedenheit — im Nicht-Ankommen beim anderen.
  3. Vor den Kopf gestoßen, Selbstzweifel — „Liegt es an mir? Bin ich anders als die anderen?“ — unsicher, hilflos.
  4. Getrenntsein von den anderen — Einsamkeit, Leere, Gewichtslosigkeit.
  5. Be-leidigung, Kränkung, Neid — dieser Schmerz „fährt ein“; von hier starten die Copingreaktionen.
  6. Schmerz, Verletztheit — im Grunde fühlt man sich elend (körperlich: Übelkeit im Magen bis zum Ekel).

Diagnostisch wertvoll: auf welcher Stufe befindet sich der Klient? Wo der Klient steht, bestimmt Tempo und Tiefe der Intervention. Wer beleidigt ist, kann es noch aussprechen. Wer dissoziiert ist, braucht zuerst Wieder-Anbindung, bevor man arbeiten kann.

Schutzreaktionen im Vorfeld: der lieb-nette und der schleimige Typus

Gegen die Angst vor Verletzung — zu verletzen oder verletzt zu werden — gibt es spontane Schutzversuche im Vorfeld, die die Persönlichkeit verändern können:

  • Der lieb-nette Typus: sanft, vorsichtig, zeigt das Eigene nicht, bringt alles „in Watte verpackt“, angepasst, besonders nett, pflegeleicht, bis süßlich. Motto: Nur ja nicht verletzen, um selbst nicht verletzt zu werden.
  • Der schleimige Typus: in stärkerer Intensität wird diese scheinbare Nettigkeit konturlos, vage, glitschig, nicht zu fassen — nach dem Mund redend, dienstfertig, unehrlich. Erzeugt beim Gegenüber Aggression, weil das Eigentliche nicht mehr zu sehen ist.
Typische reaktive Begleitgefühle der verletzten 3. GM

Bei Ungerechtigkeiten und Verletzungen der dritten Ebene treten charakteristische Begleitgefühle auf:

  • Peinlichkeit — Angst vor Selbstwert-Verlust aus fehlender Stellungnahme zu sich (ein Schamproblem).
  • Ekel — Grundgefühl angesichts von Nicht-Stimmigem, Verdorbenem („es graust mir“); Impuls: auf Distanz kommen. Repräsentationsorgan der 3. GM ist der Magen.
  • Neid — die anderen haben, was ich nicht habe, aber so gerne hätte. Dahinter: Angst vor Selbstwertverlust, ein Gefühl von Minderwertigkeit. Ein starkes Selbstwertgefühl steht gegen Neid.
  • Rivalität — ein Aktivismus; „Neid ist die Mutter der Rivalität“. Konkurrenz wird zur Rivalität, wenn Neid dahinter steht.
  • Geiz — „prophylaktischer Neid“: dieselbe Dynamik bei umgekehrten Besitzverhältnissen.
  • Eifersucht — „Beziehungs-Neid“ mit narzisstischem Zug: Angst um den Verlust eines „Besitzes“, mit dem man sich identifiziert. Empirisch korreliert niedriger Selbstwert mit erhöhter Eifersucht.
  • Schadenfreude — Genugtuung als Vergeltung für ein empfundenes Unrecht („Recht geschieht dir!“).
  • Ärger — die frustrierte, auf sich zurückgeworfene Absicht (s.o.).
  • Ironie — bewusstes, spielerisches Distanzieren, das das Eigene zu schützen versucht.
Quellen
  • Längle, A. (2025). Lehrbuch 4: Die 3. Grundmotivation (12. Aufl.). Wien: GLE. — bes. Kap. 3.2 (Copingreaktionen des Selbst-Verlusts) und Kap. 3.3 (Das verlorene Selbst und seine Auswirkungen).
  • Längle, A. (2023). Prüfungsfragen 3. GM. GLE.