Die Coping-Reaktionen der 3. GM
Wenn das Eigene nicht gesehen, nicht gewertschätzt, nicht gerecht behandelt wird, springen Schutzreaktionen an. Vier Reaktionen, kaskadenförmig — mit einem gemeinsamen Muster: Distanznahme, um das Innere vor weiterer Verletzung zu schützen.
Die vier Coping-Reaktionen der 3. GM · Muster: Distanznahme
Das gemeinsame Muster: Distanznahme
Anders als in der 1. GM (wo es ums Überleben geht) oder in der 2. GM (wo es um Lebenswert geht), operieren alle Coping-Reaktionen der 3. GM mit einer Form von Abgrenzung: das Innere wird geschützt, indem etwas zwischen mich und das Bedrängende geschoben wird — Distanz, eine Rolle, ein Zornesausbruch, oder im Extremfall die Spaltung des Erlebens selbst.
Längle: die Person bleibt mit dem Äußerlichen, das Innere wird vor weiterer Verletzung geschützt. Das ist die Pointe: Im 3.-GM-Coping zeigt man sich, aber man ist nicht da.
Die vier Reaktionen
1Distanz / Rückzug
„Dann eben nicht.“ Die erste Reaktion: abrücken. Sich raus nehmen aus der Situation, dem Gespräch, der Beziehung. Längle nennt mehrere Varianten:
- Von anderen weggehen: „Ich kann ohne dich.“ Stolz mischt sich dazu.
- Schweigen, witzeln, schnippisch werden: ironisch oder spitz reagieren, die Sache nicht ernst nehmen.
- Formalismus, Sachlichkeit: die Beziehungsebene ausblenden, nur noch über die Sache reden. Perfektionismus als Distanz-Strategie.
- Distanz von sich: bei Selbstkonflikt aus sich herausgehen — z.B. sich in andere hineinversetzen, „Schein-Selbsttranszendenz“.
Positives Ziel: das Selbst retten, indem ich mich raus nehme. Negative Folge: Vereinzelung, Einsamkeit, Beziehungsbruch. Bei Fixierung: schizoide Tendenzen, chronischer Beziehungsabbruch.
„Wenn's ernst wird, mache ich Witze.“
Ein Klient berichtet: „Sobald ein Gespräch persönlich wird, kommt aus mir ein Spruch. Ich kann nicht anders. Mein Partner sagt, ich kapsele mich ab. Es stimmt — aber ich merke es erst, wenn der Spruch schon draußen ist.“
2Schauspielerei / Flucht-nach-vorn
„Theater machen.“ Statt zurückzutreten — nach vorn. Sich wichtig machen, im Mittelpunkt stehen wollen, ständig etwas tun. Längle nennt das die Übersprungbewegung der 3. GM.
Vier Unterformen (nach dem GM-Aspekt, an dem sie ansetzen):
- Numerisch-quantitativ (1. GM-Akzent): Putzfimmel, Vereinsmeierei, Hans-Dampf-in-allen-Gassen. „Ich muss dauernd etwas tun, damit ich nicht untergeh.“
- Beziehungssuchend / strafend (2. GM-Akzent): Sühneversuch für erlittenes Unrecht. Bestrafen.
- Ich-Repräsentanzen (3. GM-Akzent): Identifikation mit dem Angreifer, Heuchelei, Speichelleckerei, „Identifikation mit dem Aggressor“ (sich auf seine Seite schlagen).
- Konstruktive Bedeutungen (4. GM-Akzent): sich rechtfertigen, umdeuten, Verschiebung der Bedeutung.
Wichtig: Im Vordergrund stehen, sich interessant machen, auffällig kleiden — das ist klassisch hysterische / histrionische Dynamik. Bei Fixierung: histrionische Persönlichkeitsstörung.
„Auf der Bühne bin ich, im Leben weiß ich nicht.“
Eine Klientin, die beruflich präsentiert, charismatisch wirkt, gut performt. „Wenn ich auf der Bühne stehe, weiß ich, wer ich bin. Aber wenn ich abends nach Hause komme, fühle ich mich leer. Als hätte ich den ganzen Tag jemanden gespielt — und ich weiß nicht mehr, wer ich daneben bin.“
3Trotz · Zorn · Ärger
„Was nimmt der sich heraus?“ Der Aggressionstypus der 3. GM ist anders als Hass (1. GM, destruktiv) oder Wut (2. GM, beziehungssuchend). Hier geht es um Grenzwiederherstellung und das Vertreten des Eigenen.
Längle: Der Zornige will gesehen werden, um nicht weiter verletzt zu werden. Er ist laut, vorwurfsvoll, „überfahrend“. Die Aggression enthält eine Zurechtweisung.
- Trotz: innerliches Sich-dagegenstellen. „Ich nicht!“ Die Person beharrt auf der Grenze.
- Zorn: Aufbrausen, sich Luft machen. „Das laß ich mir nicht bieten!“
- Ärger: chronische, gerinnende Form des Zorns. Bitterkeit-Vorform.
- Rache / Strafe: wenn Gerechtigkeitsgefühl dazu kommt. „Du sollst spüren, was du mir angetan hast.“ Sühneversuch.
Bei Fixierung: narzisstische und paranoide Strukturen. Auch Verbitterung (PTED, posttraumatic embitterment disorder).
„Ich habe seit zehn Jahren nicht mehr mit meiner Mutter gesprochen.“
Ein Klient, kühl und entschieden: „Sie hat mich auf der Hochzeit übergangen. Vor allen Leuten. Ich habe ihr damals geschrieben, sie soll sich entschuldigen. Hat sie nicht. Dann ist Schluss.“ Er erzählt das ohne sichtbare Emotion. „Das ist mein Recht.“
4Spaltung / Dissoziation
„Ich war wie neben mir.“ Der letzte Schutz: Trennung von Kognition und Emotion. Was zu unaushaltbar wäre, wird abgespalten — bleibt zugänglich, aber gefühllos. Oder umgekehrt: das Gefühl ist da, aber abgekoppelt vom Wissen.
Längle differenziert mehrere Formen:
- Leichte Spaltung: Beleidigung („be-leidigt“ — wird verletzt, aber bleibt erlebbar) und Kränkung (tiefer, betrifft die Beziehung, kann krank machen).
- Verbitterung: chronifizierte, verhärtete Abgrenzung — PTED.
- Echte Spaltung (psychisch): Splitting — etwas gehört zu mir, aber ich kann es nicht mit mir verbinden. Emotionsloses Erzählen, Leugnung, Vergessen.
- Depersonalisation: Gefühl, nicht mehr sich selbst zu sein. „Wie ein Körper ohne Ich.“
- Psychosomatische Dissoziation: das Problem wandert in den Körper — funktionelle Störungen, Konversionssymptome.
Bei Fixierung: Borderline (Splitting als Kernmechanismus), dissoziative Störungen, Konversion. Bei psychosomatischer Spaltung: Psychosomatosen.
„Ich habe es erzählt, als wäre es einer anderen passiert.“
Eine Patientin schildert ein traumatisches Ereignis aus der Jugend. Während sie erzählt, lacht sie zweimal kurz. Die Therapeutin merkt, dass die Klientin gar nicht spürt, dass sie lacht. Erst beim vorsichtigen Hinweis: „Ich glaube, das war gerade weit weg von Ihnen.“ Stille. Dann: „Ja. Ich kann es nicht nah haben.“
Verbindungen
LB-4.-GM-3-AUSB-015-12-Aufl.Druck-2025-9.pdf· Kapitel 3.2 Coping-Reaktionen (S. 12 ff.), Kapitel 3.3 verlorenes Selbst (S. 20 ff.)