Die personale Antwort auf das Mögen-Können. Wo Coping kurzfristig schützt, eröffnet die Zuwendung einen Zugang zum Leben – auch dort, wo es schmerzt. Trauer ist Zuwendung zum Verlorenen.
Meta · 60-Sekunden-Take
Zuwendung ist die personale Aktivität der 2. GM – sich einem Wert, einem Menschen, dem eigenen Leben aktiv zuwenden, sich berühren lassen. Sie braucht einen geschützten Rahmen (erfüllte 1. GM) und die drei spezifischen Voraussetzungen (Beziehung, Zeit, Nähe) – und Mut, weil Berührtsein auch Schmerz bedeutet.
Trauer ist die reifste Form der Zuwendung – die Zuwendung zum Verlorenen. Sie ist kein Symptom, sondern ein Können: das, was die Person leistet, wenn sie einen Verlust nicht verdrängt, sondern integriert.
Was ist Zuwendung?
Längle beschreibt Zuwendung als die fundamentale personale Bewegung der 2. GM: sich einem Wert, einem Menschen, einer Situation hin-wenden. Sie ist nicht passives Erleiden – sie ist aktive Geste der Person. Drei Schritte sind enthalten:
Hinwenden: die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand richten. Nicht überfliegen, sondern verweilen.
Sich-berühren-lassen: innere Öffnung. Zulassen, dass das, was ich anschaue, in mich hineinwirkt. Dazu braucht es Mut – denn Berührtsein ist offen für Schmerz.
Resonanz: das, was in mir entsteht, wahrnehmen. Das Lebensgefühl, das aufkommt – Freude, Wehmut, Lust, Trauer. Erst diese Resonanz ist gelungene Zuwendung.
Definition (Vorgang)
Zuwenden = emotionale Aufmerksamkeitsfokussierung, wodurch Leben in Schwingung kommt – bei sich selbst und vielleicht auch beim anderen. Es entsteht eine „Exklusivität“: Konzentration macht den Raum zum Weg.
Definition (Haltung)
Zuwendung ist die aktive Bereitschaft, Wirkung zu empfangen: aktives Eingehen von Nähe mit der Bereitschaft, sich dabei berühren zu lassen. Sie schafft Resonanzbereitschaft für das Bewegt-Sein und ist daher ein „Gefühls-Verstärker“.
Kurzformel
Zuwendung bedeutet: Beziehungsaufnahme, sich Zeit nehmen, in die Nähe gehen – und dabei Fühlung zu sich halten. Sie ist damit ein Prüfen der inneren Ressourcen der 2. GM.
Voraussetzungen, um Zuwendung geben zu können
Geschützter Rahmen
Erfüllung der Bedingungen der 1. GM – innere und äußere Sicherheit, Sein-Können.
Beziehung
Sich in Beziehung setzen zum anderen – und zugleich zu sich selbst.
Zeit
Zeit haben für den anderen und sich die Zeit auch geben. Wer nicht verweilen mag, kann nicht zuwenden.
Nähe
Nähe, die man zulässt: zum anderen und zu sich. Zuwendung berührt – wer Nähe abwehrt, schließt die Zuwendung ab.
Selbstzuwendung (innere Aktivität)
Grundlegend für die Zuwendung: Was man für den anderen tut, muss man zugleich mit sich selber tun. Ohne inneren Bezug zu sich wird „Zuwendung“ zur Ablenkung von sich oder zur Aufopferung – man verwendet sich, wendet sich aber nicht wirklich zu (Scheinzuwendung).
VertiefungZuwendung bekommen – der äußere Quellpunkt des Fühlens
Im Zuwendung-Bekommen liegt der „äußere Quellpunkt“ des inneren Fühlens von Leben: In der Zuwendung wird das Leben fühlbar. Durch die äußere Zuwendung entwickelt sich die innere – die erhaltene Zuwendung ist „ein Kapital für die eigene Beziehungsfähigkeit“. Es gilt die Reziprozitätsregel: Dank erhaltener Zuwendung kann Zuwendung leichter gegeben werden.
Damit die erhaltene Zuwendung wirksam werden kann, muss sie 1. angenommen, 2. gemocht und 3. übernommen werden – ins eigene Verhalten „hineinkopiert“, sodass sie in aktive, emotionale Selbstzuwendung mündet (Selbstannahme auf der Ebene der 2. GM). Wird sie nur konsumiert, bleibt die konstruktive Wirkung aus.
Abgrenzung: Bloße Aufmerksamkeit ist noch keine Zuwendung – sie bezieht sich nur auf das Bewusstsein; man kann aufmerksam und dabei innerlich ganz auf sich selbst bezogen sein. Wirkliche Zuwendung ist offen für den anderen und schwingt im Gemeinsamen.
Trauer als Zuwendung zum Verlorenen
Trauer ist die reifste Umgangsform mit Verlust. Längle definiert sie als personaler Umgang mit Lebensverlust – sie ist keine Schwäche, kein Symptom, sondern ein Können. Wer trauern kann, kann verlieren, ohne kaputtzugehen. Wer nicht trauern kann, muss verdrängen, abspalten, abkapseln.
Inhalt der Trauer
Trauer entsteht dort, wo eine Beziehung zu etwas Wichtigem verloren geht. Dieser Verlust verursacht einen Schmerz, der nicht weggemacht werden kann. Trauer ist die Bewegung, diesen Schmerz zu sich heranzulassen, statt ihn abzuwehren – und in dieser Bewegung das Verlorene zu integrieren. Der Verlust stellt vor die existentielle Frage: „Kann und mag ich unter diesen Umständen weiterleben?“ – Trauer ist Zuwendung zu dieser Wunde, „wo das Leben blutet“.
Der Trauerprozess: fünf Schwerpunkte
Das Lehrbuch beschreibt den inneren Trauerprozess in fünf Schwerpunkten („nicht eigentlich Phasen“) – jeder mit einer eigenen Wirkung:
1. Sein-Lassen
→ Ruhe. Trauer beginnt mit dem Aufgeben des Sich-Wehrens, mit einem Loslassen (Annehmen der Realität, entspricht der 1. GM). Solange man sich wehrt, ist es noch nicht Trauer, sondern Schock, Kämpfen, Leugnen, Verhandeln (vgl. Kübler-Ross) – und es gibt keine Tränen.
2. Sich-berühren-lassen & Selbst-Zuwendung
→ Wärme, inneres Leben. Das Geschehene an sich herankommen lassen, den Schmerz fühlen – ein Weinen kommt auf. Dazu gehört das Selbstmitleid (Mitgefühl für sich selbst: „Ich Armer“) – es schafft Nähe zu sich. Die Ablehnung von Selbstmitleid ist eine häufige Ursache für die Blockade des Trauerns.
3. Zuspruch zu sich – das innere Sprechen
→ Trost. Man redet „wie eine gute Mutter“ zu sich: „Das muss jetzt weh tun. Lass dir Zeit.“ Trost von anderen kann den inneren Prozess anbahnen, aber den eigenen inneren Schritt nicht ersetzen.
4. Sorgen für sich
→ Selbst-Verantwortung. Selbstfürsorge: schauen, was man braucht, um weiterhin sein zu können – Ruhe, Gespräche, damit die Wunde zuwachsen kann.
5. Neu-Orientierung
→ Zukunft. a) Zustimmung zum Leben wiederfinden („Bin ich bereit, es wieder anzugehen?“); b) neue, verinnerlichte Beziehung zum verlorenen Wert – die Beziehung bleibt erhalten, nur ihre Form ändert sich (Frankl); c) Aufnahme neuer Wertbeziehungen.
Die Trauerbegleitung: fünf Schritte
Trauerbegleitung ist eine Sonderform der Krisenintervention – in der EA weder Therapie noch Beratung, sondern Begleiten von Mensch zu Mensch, von Person zu Person. Die Schritte sind oft ineinander verschoben, können aber auch gespreizt sein. Längle verknüpft sie mit den Schritten der PEA:
1. Wortloses Da-Sein
Präsenz ohne Eingriff. Wahrnehmen, schützen, Ruhe ermöglichen. Phänomenologisches Schauen. Entspricht PEA 0.
2. Zuwendung und Nähe
Mitfühlen, Emotionen aussprechen. „Es ist unbeschreiblich…“ Drehscheibe des Trauerns. Hier kommen oft die Tränen. Entspricht PEA 1.
3. Trost und Zuspruch
Inhaltlicher Halt, „Haltung einer guten Mutter“. Sparsam mit Worten! Aufgreifen, was der Trauernde selbst sagt. Entspricht PEA 2.
4. Besorgen
Konkrete Sorge ums Wohlergehen: Arbeit, Schlaf, Bezugspersonen. Entspricht PEA 3.
5. Beziehungsarbeit
Neuorientierung. Was wird aus der Beziehung zum Verlorenen – Verinnerlichung oder Lösung? Zukunftsperspektive: Wie weiter, welche Wertbezüge? Entspricht der 4. GM.
Wichtig in der Begleitung
Niemanden in die Trauer drängen. Es besteht die Gefahr, von Gefühlen überschwemmt zu werden (Depression) oder Halt zu verlieren bei schweren Verlusten (Tod eines Kindes, Trauma).
Keine Angst vor der Trauer. Wer Angst hat, macht zu viel. Trauer ist ein intimer Prozess, in dem sich Person und Verlust auseinandersetzen – der Begleiter ist Zeuge, nicht Akteur.
Frankl: „Wo alle Worte zu wenig wären, ist jedes Wort zu viel.“
Trost nicht am Anfang. Falscher Trost ist Hilfe für den Therapeuten selbst, nicht für den Trauernden.
VertiefungTrauer ↔ Depression: was unterscheidet sie?
Klinisch zentral. Trauer und Depression überlappen sich phänomenologisch (Niedergeschlagenheit, Antriebsverlust, Rückzug, Schlafstörungen), unterscheiden sich aber existentiell:
Trauer
bezogen auf ein konkretes Verlustobjekt. Selbstwert intakt. Personaler Vollzug möglich. Bewegt sich: hat Anfang, Mitte, Ende. Resonanz mit anderen möglich.
Depression
oft objektlos oder ins Allgemeine ausgeweitet. Selbstwertverlust prominent. Personaler Vollzug blockiert. Bewegt sich nicht: bleibt stehen. Beziehungsabbruch.
Trauer ist gesund – sie ist ein Können. Depression ist eine Fixierung der Coping-Reaktionen. Die Aufgabe ist oft: Trauer ermöglichen, damit Depression sich auflösen kann.
Zuwendung zu Negativem – die existentielle Mutprobe
Zuwendung ist leicht, wo das Objekt schön ist. Sie wird existentiell anspruchsvoll, wenn das Objekt schmerzt – wenn ich mich einem Verlust, einem Konflikt, einer Krankheit zuwenden soll. Hier braucht Zuwendung Mut. Ohne Trauer bleibt das „Abgeschnitten-Sein“ vom Leben bestehen – das Leid, die Lebens-Schwere, der Energieverlust; es kann „wie tot“ werden in einem.
Wo der Verlust nicht verhindert werden kann, aber noch im Tun steht, nennt das Lehrbuch die Wertearbeit als „Eigen-Therapie“: Achtsamkeit auf Werte (sich auf die Werte besinnen, die im ungeliebten Tun enthalten sind) und Wertekompensation (sich die Tätigkeit mit anderen Werten „versüßen“) – um sich im Gefühl zu halten, offen für den Schmerz wie für die Werte.
Weinen – der Quellpunkt des Lebens · die zwei Keimpunkte
Was geschieht im Weinen? Nach der Starre des Schocks beginnt das Leben sich wieder zu rühren und zu fließen. Die Tränen sind die „Nachricht“, dass es in einem trotzdem lebendig bleibt, obwohl man glaubte, das Leben verloren zu haben: „Da ist noch Leben in dir, nach allem und trotz allem!“ – Weinen = Quellpunkt des Lebens. Das Weinen „reinigt“ gleichsam die Wunde, die durch den Verlust entstanden ist. (Faust: „Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder.“)
Die zwei Keimpunkte des Leben-Mögens: Der innere Keimpunkt ist die Nähe zu sich – die Beziehungsaufnahme zu sich selbst, der Ort, wo die Grundbeziehung zum Leben entsteht: das Berührtsein vom Leben selbst. Der äußere Keimpunkt ist die Zuwendung durch andere.
Folge des Trauerns · der Begriff „Trauerarbeit“ · Bedauern
Folge des Trauerns: Im Trauern geschieht ein Beziehungsschub – zum anderen und zu einem selbst; Beziehungen werden verinnerlicht und vertieft. Das Leben wird durch die Trauer reicher, weil die Werte „in der Scheune des Lebens“ innerlich verwahrt sind. Der Trauernde kann am Ende sagen: „Ich habe verloren – aber ich habe dadurch ein Leben wieder gewonnen.“ Trauer ist daher auch ein Schutz gegen Depression (gegen das Erdrückt-Werden von der Schwere des Lebens) und gegen Hysterie (gegen das Abschwirren in die Unverbindlichkeit, weil die Beziehung zu sich inniger wird).
„Trauerarbeit“: Der Begriff ist insofern irreführend, als er Machbarkeit und Technik suggeriert – Trauer ist ein intimes Ereignis, das von selbst aufkommt; man kann Trauern nicht „machen“. Richtig ist die Konnotation von Mühe und Aktivität im Aushalten der Gefühle.
Bedauern ist nicht Trauer: Bedauern ist eine Wehmut, eine enttäuschte Sehnsucht („Wie schön hätte es sein können!“) – definiert als das Zeit-Aufwenden, um sich aus der Beziehung zu einem erwarteten, aber noch nicht erhaltenen Wert lösen zu können (z. B. bei Absagen, enttäuschten Erwartungen, verlorenen Träumen).
Praxis: wie Trauer im Gespräch eingeladen wird
Nicht „Sie sollten trauern.“ Sondern: Raum schaffen, Präsenz, Ausdruck einladen.
Erzählen lassen: „Wie ist es passiert? Was war das für ein Mensch / ein Ding / ein Ort?“
Werte heben: „Er hat sich immer Zeit für Sie genommen.“
Mitfühlend aussprechen: „Ja, jetzt geht es Ihnen wirklich nicht gut. Lassen Sie es einfach mal so sein.“
Offen-Halten: „Es ist alles offen, sodass es auch gut werden kann.“
Nicht-Tabuisieren: auch existentielle Fragen zulassen („Wo ist er jetzt?“) – jede Antwort des Klienten ist okay, er ist nicht allein damit.
Therapie· Trauerbegleitung
Eine Sitzung, in der nicht viel gesagt wird
Eine Patientin sechs Wochen nach dem Tod ihrer Mutter. Sie hat die Beerdigung organisiert, die Verwandten beruhigt, die Wohnung aufgelöst. Jetzt sitzt sie da, leer. Die Therapeutin sagt fast nichts, hält den Raum offen, fragt einmal: „Wie war Ihre Mutter eigentlich?“ Lange Stille. Dann beginnt die Patientin zu erzählen – und zu weinen. Nach zwanzig Minuten sagt sie: „Ich habe das in den letzten Wochen kein einziges Mal jemandem so erzählt.“
Sichtbar: die zweite Phase der Trauer – Zuwendung und Nähe – braucht Raum, nicht Intervention. Die Therapeutin macht fast nichts, und genau das ist hier die Tat: Anwesenheit ohne Druck. Erst in diesem Raum kann das Berührtsein aufkommen, das die Trauer trägt.
Längle, A. (2025). Lehrbuch zur Existenzanalyse: Zweite Grundmotivation – Der Lebensbezug (Arbeitsmanuskript, 3. Aufl.). Wien: GLE-International. [Kap. 2.4 Die personale Aktivität der 2. GM: Zuwenden, S. 27 ff.]