Störungen · Sucht-Therapie

Therapie der Sucht

Längles 11-stufiges Therapiegerüst — von der Anamnese über den Rückfallvertrag, die existentielle Schienung bis zur Angehörigenarbeit.

Meta · 60-Sekunden-Take

Sucht-Therapie ist Therapie der Unfreiheit. Therapeutische Haltung: kritisch, prüfend, sachbezogen, nicht zu empathisch — zu viel Gutmütigkeit verführt zur Ausnützung. Phasenlogik: erst Stabilisierung und Abstinenz, dann Bearbeitung der zugrunde liegenden Motivation, schließlich Sinn-Aufbau. Der Rückfallvertrag bindet die Person ein und verhindert, dass Rückfälle als Versagen abgespalten werden. AA (12 Schritte) als Komplement: Demut, Übergabe, Lebensbilanz korrespondieren mit existentiellen Akten.

Längles 11 Therapieschritte

1

Anamnese

Detaillierte Erhebung: Konsumform, Frequenz, Dosis, Beginn, Verlauf, Auslöser, Funktion des Konsums. Wichtig: nicht nur das Was, sondern das Wozu — was wird durch den Konsum erreicht, gemieden, ersetzt? Komorbiditäten und biographische Kontexte mit erfassen.

2

Therapieziel und Rückfallvertrag

Gemeinsame Klärung des Ziels (Abstinenz / kontrollierter Konsum / Schadensminderung) und expliziter Rückfallvertrag in Anlehnung an das Suizidversprechen — siehe unten. Verlässlichkeitstraining und Vorbau gegen Therapieabbruch.

3

Problemverständnis und Krankheitseinsicht

Aufbau eines geteilten Modells: Was ist Sucht, warum kann der Patient nicht „einfach aufhören", warum ist das nicht moralisches Versagen, sondern Erkrankung des Willens? Krankheitseinsicht ist Voraussetzung für jede tiefere Arbeit.

4

Entschiedenheit · Selbsteinschätzung

Realistische Selbstbeurteilung: Wo stehe ich, was kann ich, was nicht? Klärung der Entschiedenheit zur Therapie — nicht „möchte ich", sondern „will ich". Längles Frage: „Sind Sie mit Ihrem Verhalten einverstanden?"

5

Alternativen zum Suchtverhalten

Konkrete Verhaltensalternativen für die typischen Auslösesituationen. Was tue ich am Abend statt zu trinken? Welche Personen, Orte, Aktivitäten tragen? Aufbau eines neuen Verhaltensrepertoires — sehr praktisch.

6

Sinnfrage und Willensstärkung

Wofür lohnt es sich, abstinent zu bleiben? Sinnerfassung (SEM), Willensstärkungsmethode (WSM). Hier wird der Wille, der in der Sucht entkoppelt war, neu mit der Person verbunden. Frankls existentielle Trias kommt zum Einsatz.

7

Existentielle Schienung · PEA-Muster

PEA wird zum täglichen Werkzeug: Eindruck → Stellungnahme → Ausdruck. Vor jedem Trink-Impuls die Schienung üben. Was nehme ich gerade wahr? Wie stehe ich dazu? Was will ich tun? Die personale Schaltstelle wird wieder eingebaut.

8

Ich-Verluste durch GM-Defizite

Längere Bearbeitung der Mangelsyndrome: unsicherer Grundwert (2. GM), Inauthentizität (3. GM), Halt-Defizite (1. GM), Sinnvakuum (4. GM). Was wurde durch den Konsum nicht gelebt? Die Wiederherstellung dieser GM-Räume ist die eigentliche tiefenpsychologische Arbeit.

9

Problemtherapie und biographische Arbeit

Die biographischen Wurzeln des 2.-GM-Defizits werden bearbeitet — frühe Beziehungserfahrungen, Verlusterlebnisse, Traumata. Biographische EA, ggf. Trauma-Arbeit, Bearbeitung der spezifischen Komorbidität.

10

Medikamente

Wo indiziert: Anti-Craving-Medikation (z.B. Naltrexon, Acamprosat), Substitution (Opiatabhängigkeit), Behandlung der Komorbidität (Antidepressiva, Stimmungsstabilisierer). Kein Ersatz für Psychotherapie, aber wichtige Stütze.

11

Angehörigenarbeit

Co-Abhängigkeit, dysfunktionale Familiendynamik, Kinder von Suchtkranken — Einbezug des sozialen Systems. Oft ohne Angehörigenarbeit kein dauerhafter Erfolg. Schulung der Angehörigen über die Krankheit, Rollenklärung, Schutz.

PEA bei Sucht — drei Phasen

1

PEA-1 · Erleben wahrnehmen

Was nehme ich vor dem Konsum wahr? Welche Stimmung, welcher körperliche Zustand, welche Gedanken? Die phänomenologische Öffnung gegenüber dem Vor-Zustand — der oft im Konsum sofort übersprungen wird — wird zum therapeutischen Boden.

2

PEA-2 · Stellungnahme „Will ich im Grunde?"

Die personale Verstehen-Stellungnahme. Was würde ich wirklich wollen? Was sagt mein Gewissen? Was bedeutet der Konsum in meinem Leben? Hier kippt der Wille — wenn ehrlich gefragt, antwortet die Person, nicht die Sucht.

3

PEA-3 · Umsetzung

Konkrete Handlung. Was tue ich jetzt, statt zu trinken? Wer kann mich begleiten? Welche Schritte sind realistisch in der nächsten Stunde, am nächsten Tag? Vom Wollen ins Tun.

AA-12-Schritte ↔ EA-Anbindung

1

Demut → 1. GM

„Wir gaben zu, dass wir machtlos waren." Anerkennung der Grenze des eigenen Könnens — Kernakt der 1. GM. Halt entsteht erst, wenn die Illusion der vollen Kontrolle aufgegeben ist.

2

Übergabe → 1./4. GM

„Eine Macht, die größer ist als wir selbst, kann uns wiederherstellen." Existentielles Vertrauen (1. GM) plus Sinn-Horizont (4. GM). Das eigene Leben wird in einen größeren Rahmen gestellt.

3

Lebensbilanz → 3. GM

„Wir machten eine gründliche, furchtlose Inventur unserer selbst." Selbstbegegnung als Akt der 3. GM. Der Mensch sieht sich, wie er ist — Voraussetzung für Authentizität.

4

Wiedergutmachung → 3. GM

„Wir machten Verletzte wieder gut, soweit möglich." Verantwortung übernehmen, Gewissen anerkennen — 3.-GM-Aktivität. Die Beziehung zu sich selbst wird durch die Beziehung zu anderen wiederhergestellt.

5

Spiritualität → 4. GM

„Wir versuchten durch Gebet und Besinnung." Sinn-Praxis als Lebensform. Der Sinn-Bezug wird täglich gepflegt — strukturell deckt sich das mit Frankls 4. GM und der Sinnerfassung.

Der Rückfallvertrag

Längle entwickelt den Rückfallvertrag analog zum Suizidversprechen in der Suizidprävention. Funktion: einbinden statt ausgliedern. Ein Rückfall darf nicht als Versagen abgespalten und mit Scham verschüttet werden — er gehört zum Krankheitsbild und muss therapeutisch greifbar bleiben. Der Vertrag regelt vor allem die Frage: „Was tun wir, wenn es passiert?"

Aufbau: (1) Anerkennung, dass Rückfälle möglich sind. (2) Verpflichtung, sich nach einem Rückfall zu melden (idealerweise vor dem Konsum, mindestens unmittelbar danach). (3) Vereinbarung über das gemeinsame Vorgehen: Reflexion statt Verurteilung, Verstehen der Auslöser, Anpassung des Therapieplans. (4) Schutz vor Therapieabbruch — der Rückfall ist Anlass zur Vertiefung, nicht zum Ende. (5) Bestärkung der Krankheitseinsicht: der Rückfall bestätigt die Diagnose, nicht das Versagen des Patienten.

Vertiefung · Motivierende Gesprächsführung statt Konfrontation

Längle bevorzugt offene, prüfende Fragen vor frontaler Konfrontation. „Sind Sie mit Ihrem Konsum einverstanden?" — „Was ist Ihnen am Trinken wichtig?" — „Was würden Sie verlieren, wenn Sie aufhörten? Was gewinnen?" Diese Form der Gesprächsführung respektiert die personale Freiheit und vermeidet Reaktanz. Die ambivalente Haltung des Süchtigen wird sichtbar und bearbeitbar gemacht — nicht weggedrückt. Methodisch konvergent mit Miller & Rollnicks Motivational Interviewing, aber existenzanalytisch fundiert in der personalen Stellungnahme.

Vertiefung · Lesch-Typologie und das WG-Modell für Typ IV (Stich)

Lesch unterscheidet vier Typen von Alkoholkranken nach dominanter Motivation. Typ I (Angstreduktion), Typ II (Konflikt), Typ III (Komorbidität depressiv), Typ IV (zerebrale Disposition, existentielle Leere). Stich (2015) zeigt: Typ IV ist therapeutisch besonders schwer, weil alle vier GMs gleichzeitig defizitär sind. Sein Modellvorschlag: Wohngemeinschaft als strukturelle Antwort. Ambulant trägt die Therapie nicht, weil der Alltag selbst der Auslöser ist. In einer therapeutisch begleiteten WG werden 1. GM (Halt durch Struktur), 2. GM (geteiltes Leben), 3. GM (Mit-Gesehen-Werden) und 4. GM (gemeinsame Tagesgestaltung) gleichzeitig adressiert.

Fall-Beispiel

Fall· schwierige Indikation

Borderline-Patient mit Trink-Phasen

Borderline-Patient, 38, hochfunktional, mit episodischem Alkoholmissbrauch in instabilen Phasen. Im Lauf der Therapie droht Resignation auf beiden Seiten — der Patient bricht ab und kommt wieder, die Trinkphasen folgen Beziehungskonflikten. Längle: Therapiebereitschaft für die Grundstörung (Borderline) noch nicht gegeben — primär muss erst die Affektregulation greifen, sonst läuft die Suchttherapie ins Leere. Vorgehen: Rückfallvertrag, klare Tagesstruktur, PEA-Schienung als tägliche Übung. Im Erstgespräch die zentrale Frage: „Was erleben Sie unmittelbar vor dem ersten Glas?" Antwort: „Eine Stille, die unaushaltbar ist." Damit ist der therapeutische Ansatzpunkt gefunden — die Stille (3. GM, Sich-Sein-Dürfen) wird zum Gegenstand der Arbeit, nicht das Trinken. Das Trinken war die Antwort; die Frage war die Stille.

Quellen
  • Längle, A. (1997/2007) · Allgemeine Elemente der Therapie von Abhängigkeit
  • Stich, J. (2015) · Die 4 GM am Beispiel des Typ-IV-Alkoholkranken
  • AA · Die 12 Schritte (Anonyme Alkoholiker)