Therapie der Sucht
Längles 11-stufiges Therapiegerüst — von der Anamnese über den Rückfallvertrag, die existentielle Schienung bis zur Angehörigenarbeit.
Längles 11 Therapieschritte
Anamnese
Detaillierte Erhebung: Konsumform, Frequenz, Dosis, Beginn, Verlauf, Auslöser, Funktion des Konsums. Wichtig: nicht nur das Was, sondern das Wozu — was wird durch den Konsum erreicht, gemieden, ersetzt? Komorbiditäten und biographische Kontexte mit erfassen.
Therapieziel und Rückfallvertrag
Gemeinsame Klärung des Ziels (Abstinenz / kontrollierter Konsum / Schadensminderung) und expliziter Rückfallvertrag in Anlehnung an das Suizidversprechen — siehe unten. Verlässlichkeitstraining und Vorbau gegen Therapieabbruch.
Problemverständnis und Krankheitseinsicht
Aufbau eines geteilten Modells: Was ist Sucht, warum kann der Patient nicht „einfach aufhören", warum ist das nicht moralisches Versagen, sondern Erkrankung des Willens? Krankheitseinsicht ist Voraussetzung für jede tiefere Arbeit.
Entschiedenheit · Selbsteinschätzung
Realistische Selbstbeurteilung: Wo stehe ich, was kann ich, was nicht? Klärung der Entschiedenheit zur Therapie — nicht „möchte ich", sondern „will ich". Längles Frage: „Sind Sie mit Ihrem Verhalten einverstanden?"
Alternativen zum Suchtverhalten
Konkrete Verhaltensalternativen für die typischen Auslösesituationen. Was tue ich am Abend statt zu trinken? Welche Personen, Orte, Aktivitäten tragen? Aufbau eines neuen Verhaltensrepertoires — sehr praktisch.
Sinnfrage und Willensstärkung
Wofür lohnt es sich, abstinent zu bleiben? Sinnerfassung (SEM), Willensstärkungsmethode (WSM). Hier wird der Wille, der in der Sucht entkoppelt war, neu mit der Person verbunden. Frankls existentielle Trias kommt zum Einsatz.
Existentielle Schienung · PEA-Muster
PEA wird zum täglichen Werkzeug: Eindruck → Stellungnahme → Ausdruck. Vor jedem Trink-Impuls die Schienung üben. Was nehme ich gerade wahr? Wie stehe ich dazu? Was will ich tun? Die personale Schaltstelle wird wieder eingebaut.
Ich-Verluste durch GM-Defizite
Längere Bearbeitung der Mangelsyndrome: unsicherer Grundwert (2. GM), Inauthentizität (3. GM), Halt-Defizite (1. GM), Sinnvakuum (4. GM). Was wurde durch den Konsum nicht gelebt? Die Wiederherstellung dieser GM-Räume ist die eigentliche tiefenpsychologische Arbeit.
Problemtherapie und biographische Arbeit
Die biographischen Wurzeln des 2.-GM-Defizits werden bearbeitet — frühe Beziehungserfahrungen, Verlusterlebnisse, Traumata. Biographische EA, ggf. Trauma-Arbeit, Bearbeitung der spezifischen Komorbidität.
Medikamente
Wo indiziert: Anti-Craving-Medikation (z.B. Naltrexon, Acamprosat), Substitution (Opiatabhängigkeit), Behandlung der Komorbidität (Antidepressiva, Stimmungsstabilisierer). Kein Ersatz für Psychotherapie, aber wichtige Stütze.
Angehörigenarbeit
Co-Abhängigkeit, dysfunktionale Familiendynamik, Kinder von Suchtkranken — Einbezug des sozialen Systems. Oft ohne Angehörigenarbeit kein dauerhafter Erfolg. Schulung der Angehörigen über die Krankheit, Rollenklärung, Schutz.
PEA bei Sucht — drei Phasen
PEA-1 · Erleben wahrnehmen
Was nehme ich vor dem Konsum wahr? Welche Stimmung, welcher körperliche Zustand, welche Gedanken? Die phänomenologische Öffnung gegenüber dem Vor-Zustand — der oft im Konsum sofort übersprungen wird — wird zum therapeutischen Boden.
PEA-2 · Stellungnahme „Will ich im Grunde?"
Die personale Verstehen-Stellungnahme. Was würde ich wirklich wollen? Was sagt mein Gewissen? Was bedeutet der Konsum in meinem Leben? Hier kippt der Wille — wenn ehrlich gefragt, antwortet die Person, nicht die Sucht.
PEA-3 · Umsetzung
Konkrete Handlung. Was tue ich jetzt, statt zu trinken? Wer kann mich begleiten? Welche Schritte sind realistisch in der nächsten Stunde, am nächsten Tag? Vom Wollen ins Tun.
AA-12-Schritte ↔ EA-Anbindung
Demut → 1. GM
„Wir gaben zu, dass wir machtlos waren." Anerkennung der Grenze des eigenen Könnens — Kernakt der 1. GM. Halt entsteht erst, wenn die Illusion der vollen Kontrolle aufgegeben ist.
Übergabe → 1./4. GM
„Eine Macht, die größer ist als wir selbst, kann uns wiederherstellen." Existentielles Vertrauen (1. GM) plus Sinn-Horizont (4. GM). Das eigene Leben wird in einen größeren Rahmen gestellt.
Lebensbilanz → 3. GM
„Wir machten eine gründliche, furchtlose Inventur unserer selbst." Selbstbegegnung als Akt der 3. GM. Der Mensch sieht sich, wie er ist — Voraussetzung für Authentizität.
Wiedergutmachung → 3. GM
„Wir machten Verletzte wieder gut, soweit möglich." Verantwortung übernehmen, Gewissen anerkennen — 3.-GM-Aktivität. Die Beziehung zu sich selbst wird durch die Beziehung zu anderen wiederhergestellt.
Spiritualität → 4. GM
„Wir versuchten durch Gebet und Besinnung." Sinn-Praxis als Lebensform. Der Sinn-Bezug wird täglich gepflegt — strukturell deckt sich das mit Frankls 4. GM und der Sinnerfassung.
Der Rückfallvertrag
Längle entwickelt den Rückfallvertrag analog zum Suizidversprechen in der Suizidprävention. Funktion: einbinden statt ausgliedern. Ein Rückfall darf nicht als Versagen abgespalten und mit Scham verschüttet werden — er gehört zum Krankheitsbild und muss therapeutisch greifbar bleiben. Der Vertrag regelt vor allem die Frage: „Was tun wir, wenn es passiert?"
Aufbau: (1) Anerkennung, dass Rückfälle möglich sind. (2) Verpflichtung, sich nach einem Rückfall zu melden (idealerweise vor dem Konsum, mindestens unmittelbar danach). (3) Vereinbarung über das gemeinsame Vorgehen: Reflexion statt Verurteilung, Verstehen der Auslöser, Anpassung des Therapieplans. (4) Schutz vor Therapieabbruch — der Rückfall ist Anlass zur Vertiefung, nicht zum Ende. (5) Bestärkung der Krankheitseinsicht: der Rückfall bestätigt die Diagnose, nicht das Versagen des Patienten.
Fall-Beispiel
Borderline-Patient mit Trink-Phasen
Borderline-Patient, 38, hochfunktional, mit episodischem Alkoholmissbrauch in instabilen Phasen. Im Lauf der Therapie droht Resignation auf beiden Seiten — der Patient bricht ab und kommt wieder, die Trinkphasen folgen Beziehungskonflikten. Längle: Therapiebereitschaft für die Grundstörung (Borderline) noch nicht gegeben — primär muss erst die Affektregulation greifen, sonst läuft die Suchttherapie ins Leere. Vorgehen: Rückfallvertrag, klare Tagesstruktur, PEA-Schienung als tägliche Übung. Im Erstgespräch die zentrale Frage: „Was erleben Sie unmittelbar vor dem ersten Glas?" Antwort: „Eine Stille, die unaushaltbar ist." Damit ist der therapeutische Ansatzpunkt gefunden — die Stille (3. GM, Sich-Sein-Dürfen) wird zum Gegenstand der Arbeit, nicht das Trinken. Das Trinken war die Antwort; die Frage war die Stille.
Verbindungen
Längle, A. (1997/2007) · Allgemeine Elemente der Therapie von AbhängigkeitStich, J. (2015) · Die 4 GM am Beispiel des Typ-IV-AlkoholkrankenAA · Die 12 Schritte (Anonyme Alkoholiker)