Störungen · Borderline

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Borderline ist das Paradebeispiel einer PS des Schnittfelds: Selbstwert-Verletzung (3. GM) trifft auf Beziehungstrauma (2. GM).

Meta · 60-Sekunden-Take

DSM-IV zeichnet Borderline als verzweifeltes Bemühen gegen Alleinsein, instabile intensive Beziehungen mit Idealisierung/Abwertung, Identitätsstörung, Impulsivität, Suizidalität/Selbstverletzung, affektive Instabilität, chronisches Leere-Gefühl, Wut, stressabhängige paranoide/dissoziative Symptome. ICD-10: emotional instabile PS, Impulsiver Typ + Borderline-Typus. EA: Verletzung der 3. GM, Grundgefühl „ich bin falsch, weil verletzt", Gegenreaktion „will gefühlt werden". Längle: „Schmerz tötet nicht!"

Die 9 DSM-IV-Kriterien

1

Verzweifeltes Bemühen, Alleinsein zu vermeiden

Reales oder phantasiertes Verlassenwerden löst extreme Anstrengungen aus, die Beziehung zu halten.

2

Instabile intensive Beziehungen

Wechsel zwischen Idealisierung („Sie sind der Einzige, der mich versteht") und Abwertung („Sie sind genau wie alle anderen") — oft innerhalb einer Sitzung.

3

Identitätsstörung

Anhaltend instabiles Selbstbild oder Selbstwahrnehmung. „Ich weiß nicht, wer ich bin."

4

Impulsivität

In mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (Sex, Substanzen, Geld, Essen, rücksichtsloses Fahren).

5

Suizidalität / Selbstverletzung

Wiederholte Suiziddrohungen, Suizidversuche oder selbstverletzendes Verhalten (Schneiden, Brennen).

6

Affektive Instabilität

Starke Stimmungsschwankungen (Stunden bis wenige Tage), reaktive Dysphorie, Reizbarkeit, Angst.

7

Chronisches Gefühl der Leere

Innere Leere als Dauerzustand. „In mir ist nichts."

8

Unangemessene heftige Wut

Wut-Kontrollprobleme, häufige Wutausbrüche, andauernder Ärger, körperliche Auseinandersetzungen.

9

Stressabhängige paranoide / dissoziative Symptome

Vorübergehend, oft in Belastungssituationen — Depersonalisation, Derealisation, paranoide Verarbeitung.

Therapie-Phasen

1

Strukturierung · 6 Monate bis 2 Jahre

Aufbau der vier GM-Basen. Affektregulation, Setting-Stabilität, klare Beziehungsregeln, Selbst-Wahrnehmung üben. Kein Trauma-Aufdecken in dieser Phase.

2

Tiefenarbeit · 3. und 2. GM

Bearbeitung der Selbstwert-Verletzung (3. GM) und der Beziehungstraumata (2. GM). PEA, Bergen des Berührtseins, Wertberührung. Erst jetzt wird das primäre Trauma bearbeitbar.

3

Abschluss

Integration, autonome Lebensführung, Ablösung. Oft erlebbar als „erstes wirkliches Sich-Sein". Längle: Vom „ich+er" zum „ich+ich".

Vier therapeutische Grundgesten entlang der GMs

1

„Es darf alles mal sein"

1. GM · Raum geben

Halt durch nicht-bewertende Annahme. Auch Wut, Selbsthass, Schneiden zuerst Raum geben — nicht verurteilen, nicht panisch reagieren. Erst Raum, dann Bearbeitung.

2

„Innerlich bei sich bleiben"

2. GM · Beziehung halten

Der Therapeut bleibt bei sich, lässt sich nicht in Idealisierung oder Abwertung mitreißen. Konstanz schafft jenen Beziehungsboden, den die Patient*in nie hatte.

3

„Konfrontierendes Begegnen"

3. GM · Selbstwert würdigen

Bergen des Inhalts, aber Zurückweisung des Affekts. „Ich sehe, dass Sie das beschäftigt — aber braucht's diesen Affekt oder können wir's in Ruhe besprechen?" Schmerz darf da sein — Auflösung nicht.

4

Einüben von Stellungnahmen

PEA-2 · personale Position

Die Patient*in lernt, sich zu ihrem Erleben in Beziehung zu setzen — nicht nur zu reagieren. Anfangs winzige Schritte, später eigene Wert-Entscheidungen.

Borderline-Notfall-Koffer

Ein praktisches Werkzeug für Krisensituationen — gemeinsam mit der Patient*in erarbeitet. Inhalt: Liste eigener Affektregulations-Strategien (kalt duschen, Eiswürfel, intensives Riechen), Telefonnummern (Bezugsperson, Krisendienst, Therapeut), Erinnerungsobjekte (Foto, Brief an sich selbst), Notfallplan in Schritten. Der Koffer ist nicht primär Symptomkontrolle — er ist materialisierter Selbstwert: „Ich bin es wert, mir geholfen zu werden."

Vertiefung · „Bergen des Inhalts, aber Zurückweisung des Affekts"

Diese Kern-Bewegung der Borderline-Therapie ist die Doppelhaltung des Therapeuten: Inhalt — die Verletzung, das Anliegen, der Schmerz wird ernst genommen, validiert, gespiegelt. Affekt — die überflutende Form, das Drama, der Selbstzerstörungs-Sog wird sanft, aber klar begrenzt. „Was Sie da erlebt haben, ist schrecklich. Und genau weil es schrecklich ist, brauchen wir's nicht im Schrei zu wiederholen — wir können hinschauen." So entsteht Distanz ohne Entwertung.

Vertiefung · Spaltungsdynamik — vom „ich+er" zum „ich+ich"

Borderline lebt strukturell in der Aufspaltung: das eigene Erleben wird auf ein Gegenüber projiziert (der Therapeut „ist" der gute oder der böse Vater), das eigene Innere bleibt leer. Therapieziel ist die Rücknahme der Spaltung — vom „ich brauche dich, um zu fühlen" zum „ich kann mich fühlen, du kannst mich begleiten". Längle: Vom „ich+er" zum „ich+ich". Das ist kein Abschied von Beziehung — sondern die Voraussetzung für sie.

Fall-Beispiel

Fall· Sitzung in Phase 1

„Sie würden mir unendlich fehlen"

Patientin: „Ich brauche Halt und Wärme — habe niemanden." Therapeut: „Bin ich das für Sie?" — Schweigen. Therapeut: „Als was sehen Sie mich?" Patientin weiß es nicht. Ambivalente Folge in der nächsten Stunde: Sie wolle nicht mehr kommen, der Therapeut würde aber „unendlich fehlen". In dieser Phase entstehen oft depressive Einbrüche — sie sind Teil des Heilungswegs, nicht Komplikation. Der Therapeut hält die Konstanz, begrenzt nicht die Beziehung, aber begrenzt die Geste — und übersteht mit der Patientin diese Phase.

Quellen
  • Längle, A. (1998/2009) · Borderline — existenzanalytische Therapie
  • Masterson, J. · Phasen-Modell der Borderline-Therapie
  • APA · DSM-IV · 9 Kriterien BPS