Borderline-Persönlichkeitsstörung
Borderline ist das Paradebeispiel einer PS des Schnittfelds: Selbstwert-Verletzung (3. GM) trifft auf Beziehungstrauma (2. GM).
Die 9 DSM-IV-Kriterien
Für die Diagnose sind mindestens 5 der 9 Kriterien erforderlich; die Reihung ist hierarchisch. Kriterium 9 wurde im DSM-IV neu ergänzt.
Verzweifeltes Bemühen, Alleinsein zu verhindern
Ein reales oder imaginäres Alleinsein löst extreme Anstrengungen aus, es abzuwenden und die Beziehung zu halten.
Instabile intensive Beziehungen
Wechsel zwischen Idealisierung („Sie sind der Einzige, der mich versteht") und Abwertung („Sie sind genau wie alle anderen") — oft innerhalb einer Sitzung.
Identitätsstörung
Anhaltend instabiles Selbstbild oder Selbstwahrnehmung. „Ich weiß nicht, wer ich bin."
Impulsivität
In mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (Sex, Substanzen, Geld, Essen, rücksichtsloses Fahren).
Suizidalität / Selbstverletzung
Wiederholte Suiziddrohungen, Suizidversuche oder selbstverletzendes Verhalten (Schneiden, Brennen).
Affektive Instabilität
Starke Stimmungsschwankungen (Stunden bis wenige Tage), reaktive Dysphorie, Reizbarkeit, Angst.
Chronisches Gefühl der Leere
Innere Leere als Dauerzustand. „In mir ist nichts."
Unangemessene heftige Wut
Wut-Kontrollprobleme, häufige Wutausbrüche, andauernder Ärger, körperliche Auseinandersetzungen.
Stressabhängige paranoide / dissoziative Symptome
Vorübergehend, oft in Belastungssituationen — Depersonalisation, Derealisation, paranoide Verarbeitung.
Therapie-Phasen
Strukturierung · 6 Monate bis 2 Jahre
Aufbau der vier GM-Basen. Affektregulation, Setting-Stabilität, klare Beziehungsregeln, Selbst-Wahrnehmung üben. Kein Trauma-Aufdecken in dieser Phase.
Tiefenarbeit · 3. und 2. GM
Bearbeitung der Selbstwert-Verletzung (3. GM) und der Beziehungstraumata (2. GM). PEA, Bergen des Berührtseins, Wertberührung. Erst jetzt wird das primäre Trauma bearbeitbar.
Abschluss
Integration, autonome Lebensführung, Ablösung — Festigung der in Phase 2 begonnenen Bewegung vom „ich+er" (Außenbeziehung) zum „ich+ich" (Innenbeziehung, Längle).
Vier Grundmotivationen × Borderline-Niederschlag
Schindl (2014) arbeitet detailliert heraus, wie die Borderline-PS in jeder der vier GMs eine spezifische Spur hinterlässt — und dass die existenzanalytische Therapie auf allen vier Ebenen ansetzen muss, auch wenn die Eintrittsstelle die 3. GM ist:
| GM | Hauptthema | Coping-Reaktion | BPS-Niederschlag |
|---|---|---|---|
| 1. GM | Sein-Können · Halt · Schutz | Flucht · Kontrolle | Angst vor Verlassenwerden, dissoziative/paranoide Phasen unter Belastung, Verlust des inneren Halts. |
| 2. GM | Leben-Mögen · Beziehung · Wert | Aktivismus · Rückzug | Suchtartiges Beziehungsverlangen, instabile intensive Bindungen (Idealisierung ↔ Abwertung), Beziehungssuizide. |
| 3. GM Eintrittsstelle |
Selbstsein-Dürfen · Wertschätzung · Beachtung | Spaltung („Splitting") als Dissoziation von Kognition und Emotion | Identitätsdiffusion, „falsches Selbst" (Winnicott), Selbstverletzung, Scham nach Übergriff oder Exzess. |
| 4. GM | Sinn-Wollen · Zukunft · Tätigkeit | Aggression · Resignation | Suizid und Leere, häufige Therapieabbrüche, ich-syntone Suizidalität als „Lösung", Fehlen einer tragenden Zukunft. |
Eintrittsstelle 3. GM, sekundäre Erschütterung der 2. GM (Längle 1999) — diese Doppelachse ist die existenzanalytische Diagnosestruktur. Schindl ergänzt zur Spaltung:
„Bei der Spaltung ‚Splitting' bei Borderline-Patienten handelt es sich um eine ‚Dissoziation' von Kognition und Emotion. Mit anderen Worten, der psychische Zusammenhang im Erleben wird aufgelöst: Fühlen und Denken sind durch die Dissoziation der Psyche nicht mehr miteinander verbunden."
— A. Längle 1990, zit. in Schindl 2014, S. 29
Borderline auf der Trauma-Achse · Nijenhuis-Drei-Ebenen-Modell
Tutsch & Bukovski (2016) verorten die Borderline-PS theoretisch auf der zweiten Ebene der strukturellen Dissoziation nach Ellert Nijenhuis:
- Primäre strukturelle Dissoziation — einfache PTBS: ein „normaler" Ich-Anteil + ein abgespaltener traumatischer Anteil.
- Sekundäre strukturelle Dissoziation — komplexe Traumafolgestörungen, Borderline-Niveau: mehrere abgespaltene traumatische „ego states" neben dem Alltags-Ich.
- Tertiäre strukturelle Dissoziation — DIS/Multiple, mit mehreren funktional getrennten Alltags-Ichs.
Längle (2002) formuliert die existenzanalytische Lesart dieser Schwelle scharf:
„Die Totstellreflexe der Person sind Spaltung und Dissoziation. Sie bezwecken den Schutz des Ichs, das in äußerste Not geraten ist. […] Reicht auch das Abschieben vom Ich-Kern in die Peripherie nicht mehr, um den Schmerz aushaltbar zu machen, so kommt es zur Spaltung der psychischen Integrität und damit zur Ausbildung einer Borderlinestörung."
— A. Längle 2002, S. 163 / 168, zit. in Tutsch & Bukovski 2016, S. 8
Therapeutische Konsequenz — Borderline-Therapie ist immer auch Trauma-Therapie: Ich-Stabilisierung vor Konfrontation, Versorgung verletzter Anteile (Reddemann PITT), und die Methode der „Wandlung verletzender Anteile" für introjizierte Täterbotschaften.
GrenzgängerInnen · Dinhobls phänomenologische Lesart
Dinhobl (2016) übersetzt „Borderline" mit GrenzgängerInnen und schreibt poetisch-klinisch über das Erleben:
„Borderliner sind Borderliner, weil sie an die Grenze dessen getrieben worden sind, was wir als menschliche Wesen verkraften konnten. Wir hatten alle ein Umfeld, das uns lehrte, uns zu verachten. Es lehrte uns, dass wir es nicht wert sind, geliebt zu werden."
— Patientinnen-Statement, übermittelt durch „Erik", zit. in Dinhobl 2016, S. 97
Drei seiner zentralen Bilder:
- „Eis-Decke des Freeze" — Anästhesie-Metapher für die dissoziative Leere. Das Schneiden (cut in die cutis) liest Dinhobl als „frustranen Versuch, den unterbrochenen Selbstbezug wieder herzustellen" (S. 97) — den Lebensfluss (panta rhei) wieder spürbar zu machen.
- Hecht-an-der-Angel — Bild für den therapeutischen Wechsel zwischen „Grenzen dicht" (auf Zug, klar führend) und „Grenzen auf" (lange Leine, Selbstwirksamkeit ermöglichen).
- Vier-faches „Ja" als Eingangsritual — Ja zum Leben (Behandlungsvertrag) · Ja zur Therapie (Diary-Card) · Ja zum neuen Weg (Skillsliste) · Ja zur stationären Behandlung.
Dinhobls zentrale These zur therapeutischen Haltung:
„Der Kontroll- und Steuerungsraum bei der Behandlung einer Borderlinestörung ist das Innere des Behandlers."
— R. Dinhobl 2016, S. 101
Das Erik-Zitat zur therapeutischen Authentizität
Das vermutlich eindringlichste publizierte Patientinnen-Wort zur Frage „Was hilft im Verhalten der TherapeutInnen wirklich?":
„Wissen Sie, ich glaube, in der Therapie mit uns Borders … ist es total wichtig … dass ihr uns sagt's … es ansprecht … wenn's euch nicht so gut geht … wenn die Belastungsgrenze erreicht ist … verschweigt ihr das … dann wird unsere Phantasie zur katastrophalen Falle … dann donnern wir, ohne dass wir es wollen, drüber … und dann kracht's unnötig zwischen uns … Borderthera ist gestützt auf authentisch sein … es haut uns nicht gleich um … aber wir müssen es wissen … erfahren … sonst sind Fehlinterpretationen von eurem Verhalten vorprogrammiert."
— „Erik", zit. in Dinhobl 2016, S. 101
Aus diesem Zitat folgt Dinhobls Grundaxiom: „Radikal in meinem Selbstbezug bleiben!" (S. 101). Vgl. dazu Authentizität.
Vier therapeutische Grundgesten entlang der GMs
„Es darf alles mal sein"
1. GM · Raum geben
Halt durch nicht-bewertende Annahme. Auch Wut, Selbsthass, Schneiden zuerst Raum geben — nicht verurteilen, nicht panisch reagieren. Erst Raum, dann Bearbeitung.
„Innerlich bei sich bleiben"
2. GM · Beziehung halten
Der Therapeut bleibt bei sich, lässt sich nicht in Idealisierung oder Abwertung mitreißen. Konstanz schafft jenen Beziehungsboden, den die Patient*in nie hatte.
„Konfrontierendes Begegnen"
3. GM · Selbstwert würdigen
Bergen des Inhalts, aber Zurückweisung des Affekts. „Ich sehe, dass Sie das beschäftigt — aber braucht's diesen Affekt oder können wir's in Ruhe besprechen?" Schmerz darf da sein — Auflösung nicht.
Einüben von Stellungnahmen
PEA-2 · personale Position
Die Patient*in lernt, sich zu ihrem Erleben in Beziehung zu setzen — nicht nur zu reagieren. Anfangs winzige Schritte, später eigene Wert-Entscheidungen.
Borderline-Notfall-Koffer · Umgang mit dem Schneiden
Längle (1998/2009) versteht das Schneiden als Drang und Entscheidung zugleich: Ausgangslage ist Spannung oder Leere, das Erleben ist immer Erleichterung (→ Wiederholungstendenz, aber nicht Sucht), meist begleitet von Scham und Schuld. Schneiden = sich spüren + Leben fühlen + Ausagieren von Selbsthass; im Schnitt erfährt der Patient eine Konkretion des psychischen Schmerzes — es würde ihn sonst zerreißen. Therapeutisch: zuerst gemeinsam verstehen (Wann kommt es dazu? Wie erleben Sie es?), dann praktische Entlastungsschritte — der „Borderline-Notfall-Koffer": Ummünzen der Energie in Sport, Ersatzmittel wie Gummiringe auf dem Unterarm schnalzen lassen, Cool-Bag auf der Stirn, Noppenball (vgl. VT). Damit wird eine Bewertung akzeptiert (Schneiden soll möglichst nicht vorkommen), eine Wahl etabliert („schneide ich oder schnalze ich nur?") und geübt, die Spannung früher wahrzunehmen. Wichtig: das Notmittel in der Not zugestehen (Zustimmung!), damit die Selbsthass-Spirale nicht durch erneute Ablehnung des Schneidens genährt wird. Dazu Stellungnahme zu sich anregen („Wie finden Sie das, was Sie da machen?") und als Therapeut die Beziehung halten.
Fall-Beispiel
„Sie würden mir unendlich fehlen"
Patientin: „Ich brauche Halt und Wärme — habe niemanden." Therapeut: „Bin ich das für Sie?" — Schweigen. Therapeut: „Als was sehen Sie mich?" Patientin weiß es nicht. Ambivalente Folge in der nächsten Stunde: Sie wolle nicht mehr kommen, der Therapeut würde aber „unendlich fehlen". In dieser Phase entstehen oft depressive Einbrüche — sie sind Teil des Heilungswegs, nicht Komplikation. Der Therapeut hält die Konstanz, begrenzt nicht die Beziehung, aber begrenzt die Geste — und übersteht mit der Patientin diese Phase.
Zweiter Fall · Frau A. (Schindl 2014)
Frau A., 22 J. · Bulimie · Borderline · Beziehungssuizide
Frau A., 22 Jahre, hat einen 5-jährigen Sohn. In der Vorgeschichte mehrere Suizidversuche nach Beziehungsabbrüchen, schwere Bulimie, dichte Selbstverletzungen. Diagnose: emotional-instabile PS, Borderline-Typus (ICD-10 F60.31).
Innere Leere als Dauerzustand, mit Schindls Worten der Patientin:
„Es ist nur ein Beigeschmack von Gefühlen da. Zum Beispiel Depression würde passen, Angst, Einsamkeit, nur diese Gefühle sind intensive Gefühle, und das ist in diesem Zustand nicht, weil man einfach leer ist. Das dazu passende Bild für mich ist ein leeres gebrauchtes Bierglas, das übel riecht und Gebrauchsspuren kleben am Glas."
— Frau A. in Schindl 2014, S. 45
Therapie-Abschnitt 1 · Strukturierung (Skills + Beziehung). Längle (2013): „Ernstnehmen des Patienten ist so wichtig wie ein Bissen Brot" (zit. S. 40). Aufbau einer tragenden Beziehung. Skills-Training: persönliche Liste (Chilischoten, Wasabi-Paste, Kieselsteine im Schuh) für die Spannungsregulation. Diary-Card mit Spannungskurve 1–10 — der „Point of no Return" liegt bei 7 (Bohus/Sendera). Notfallkoffer mit Telefonliste-Hierarchie: Freunde → Verwandte → TherapeutIn → 144 → geschlossene Station.
Therapie-Abschnitt 2 · Personale Vertiefung mit PEA. Die Patientin lernt, ihren Affekt und ihren Inhalt zu trennen: das Geschehen wird gehört, der Schrei begrenzt — die Längle'sche Grundgeste „Bergen des Inhalts, Zurückweisung des Affekts". Die Therapeutin hält die Grundhaltung der Stunde:
„Es darf alles mal sein, und jetzt schauen wir drauf."
— A. Längle 2013, zit. in Schindl 2014, S. 38 / 52
Frau A. beginnt, sich selbst zu erleben — ohne den Sog der Beziehungs-Abhängigkeit. In dieser Phase wird auch die ich-syntone Suizidalität bearbeitbar; Längles Interventions-Topos „Schmerz tötet nicht" wird zum gemeinsamen Anker.
Therapie-Abschnitt 3 · Trennung / Autonomie. Übergang von „Ich brauche dich, um zu fühlen" zu „Ich kann mich fühlen, du kannst mich begleiten" — von „ich+er" zu „ich+ich". Erste eigene Wertentscheidungen, schrittweise Ablösung.
Spezielle Themen der Borderline-Therapie
Aus Schindls Detailliste — Themen, die in der Therapie immer wieder explizit bearbeitet werden müssen:
Verbindungen
- Längle, A. (1998/2009): „Borderline — existenzanalytische Therapie."
- Längle, A. (2002): Spaltung und Dissoziation. Existenzanalyse.
- Masterson, J.: Phasen-Modell der Borderline-Therapie.
- APA: DSM-IV · 9 Kriterien BPS.
- Schindl, T. (2014): „Die Borderline-Persönlichkeitsstörung aus existenzanalytischer Sicht." Abschlussarbeit GLE Wien, 60 S.
- Dinhobl, R. (2016): „Borderline — Therapie an GrenzgängerInnen." Existenzanalyse 33/2, 96–101.
- Tutsch, L. & Bukovski, R. (2016): „Trauma — Dissoziation und Integration." Existenzanalyse 33/2, 4–15.
- Dinhobl R., Aistleitner U., Plöderl M., Fartacek C. (2010). Dialektische Verhaltenstherapieelemente in der existenzanalytisch geprägten stationären Krisenintervention." Suizidprophylaxe 37/4, 155–160.
- Nijenhuis, E.: Drei-Ebenen-Modell struktureller Dissoziation.
- Reddemann, L. (2011): PITT — Wandlung verletzender Anteile.
- Linehan, M.: Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) · Skills-Hierarchie.
- Bohus & Sendera: Spannungskurve 1–10 mit „Point of no Return" bei 7.
- Kreisman & Straus (2004): „Ich hasse dich — verlass mich nicht."