Borderline-Persönlichkeitsstörung
Borderline ist das Paradebeispiel einer PS des Schnittfelds: Selbstwert-Verletzung (3. GM) trifft auf Beziehungstrauma (2. GM).
Die 9 DSM-IV-Kriterien
Verzweifeltes Bemühen, Alleinsein zu vermeiden
Reales oder phantasiertes Verlassenwerden löst extreme Anstrengungen aus, die Beziehung zu halten.
Instabile intensive Beziehungen
Wechsel zwischen Idealisierung („Sie sind der Einzige, der mich versteht") und Abwertung („Sie sind genau wie alle anderen") — oft innerhalb einer Sitzung.
Identitätsstörung
Anhaltend instabiles Selbstbild oder Selbstwahrnehmung. „Ich weiß nicht, wer ich bin."
Impulsivität
In mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (Sex, Substanzen, Geld, Essen, rücksichtsloses Fahren).
Suizidalität / Selbstverletzung
Wiederholte Suiziddrohungen, Suizidversuche oder selbstverletzendes Verhalten (Schneiden, Brennen).
Affektive Instabilität
Starke Stimmungsschwankungen (Stunden bis wenige Tage), reaktive Dysphorie, Reizbarkeit, Angst.
Chronisches Gefühl der Leere
Innere Leere als Dauerzustand. „In mir ist nichts."
Unangemessene heftige Wut
Wut-Kontrollprobleme, häufige Wutausbrüche, andauernder Ärger, körperliche Auseinandersetzungen.
Stressabhängige paranoide / dissoziative Symptome
Vorübergehend, oft in Belastungssituationen — Depersonalisation, Derealisation, paranoide Verarbeitung.
Therapie-Phasen
Strukturierung · 6 Monate bis 2 Jahre
Aufbau der vier GM-Basen. Affektregulation, Setting-Stabilität, klare Beziehungsregeln, Selbst-Wahrnehmung üben. Kein Trauma-Aufdecken in dieser Phase.
Tiefenarbeit · 3. und 2. GM
Bearbeitung der Selbstwert-Verletzung (3. GM) und der Beziehungstraumata (2. GM). PEA, Bergen des Berührtseins, Wertberührung. Erst jetzt wird das primäre Trauma bearbeitbar.
Abschluss
Integration, autonome Lebensführung, Ablösung. Oft erlebbar als „erstes wirkliches Sich-Sein". Längle: Vom „ich+er" zum „ich+ich".
Vier therapeutische Grundgesten entlang der GMs
„Es darf alles mal sein"
1. GM · Raum geben
Halt durch nicht-bewertende Annahme. Auch Wut, Selbsthass, Schneiden zuerst Raum geben — nicht verurteilen, nicht panisch reagieren. Erst Raum, dann Bearbeitung.
„Innerlich bei sich bleiben"
2. GM · Beziehung halten
Der Therapeut bleibt bei sich, lässt sich nicht in Idealisierung oder Abwertung mitreißen. Konstanz schafft jenen Beziehungsboden, den die Patient*in nie hatte.
„Konfrontierendes Begegnen"
3. GM · Selbstwert würdigen
Bergen des Inhalts, aber Zurückweisung des Affekts. „Ich sehe, dass Sie das beschäftigt — aber braucht's diesen Affekt oder können wir's in Ruhe besprechen?" Schmerz darf da sein — Auflösung nicht.
Einüben von Stellungnahmen
PEA-2 · personale Position
Die Patient*in lernt, sich zu ihrem Erleben in Beziehung zu setzen — nicht nur zu reagieren. Anfangs winzige Schritte, später eigene Wert-Entscheidungen.
Borderline-Notfall-Koffer
Ein praktisches Werkzeug für Krisensituationen — gemeinsam mit der Patient*in erarbeitet. Inhalt: Liste eigener Affektregulations-Strategien (kalt duschen, Eiswürfel, intensives Riechen), Telefonnummern (Bezugsperson, Krisendienst, Therapeut), Erinnerungsobjekte (Foto, Brief an sich selbst), Notfallplan in Schritten. Der Koffer ist nicht primär Symptomkontrolle — er ist materialisierter Selbstwert: „Ich bin es wert, mir geholfen zu werden."
Fall-Beispiel
„Sie würden mir unendlich fehlen"
Patientin: „Ich brauche Halt und Wärme — habe niemanden." Therapeut: „Bin ich das für Sie?" — Schweigen. Therapeut: „Als was sehen Sie mich?" Patientin weiß es nicht. Ambivalente Folge in der nächsten Stunde: Sie wolle nicht mehr kommen, der Therapeut würde aber „unendlich fehlen". In dieser Phase entstehen oft depressive Einbrüche — sie sind Teil des Heilungswegs, nicht Komplikation. Der Therapeut hält die Konstanz, begrenzt nicht die Beziehung, aber begrenzt die Geste — und übersteht mit der Patientin diese Phase.
Verbindungen
Längle, A. (1998/2009) · Borderline — existenzanalytische TherapieMasterson, J. · Phasen-Modell der Borderline-TherapieAPA · DSM-IV · 9 Kriterien BPS