Methoden

Methoden der Existenzanalyse

Wo die Grundmotivationen das Was der EA bilden, beschreiben die Methoden ihr Wie. Sie machen die anthropologischen und motivationalen Einsichten praktisch zugänglich — als Wege, mit der Person zu arbeiten.

Meta · 60-Sekunden-Take

Die EA hat vier zentrale Methoden: die PEA als Hauptmethode (Personale Existenzanalyse — vier Schritte vom Eindruck zum Ausdruck); die Phänomenologie als Haltung, die jede EA-Begegnung trägt; die Diagnostik als dreischichtiger Pfad (phänomenologisch, klassifikatorisch, existenzanalytisch); und die PP (Personale Positionsfindung) als stabilisierendes Verfahren bei Angst, Depression, Passivierung. Dazu zwei klassische franklsche Techniken: Paradoxe Intention und Dereflexion.

Was macht eine Methode existenzanalytisch?

Christine Wicki-Distelkamp (2001) markiert das Spannungsfeld scharf: Methode und Anthropologie sind nicht selbstverständlich verträglich. Methoden suggerieren, daß sie etwas „machen" oder „bewirken" — die existenzanalytische Anthropologie wahrt aber die Einmaligkeit und Nicht-Faßbarkeit der Person. Damit eine Methode existenzanalytisch sein darf, sind drei Kriterien zu erfüllen:

„Wesentlich ist es, der Wegbegleiter zu ‚sein' mit dem Patienten unterwegs zu ‚sein', d.h. mein Sein mit einzubringen in den therapeutischen Prozeß."
— C. Wicki-Distelkamp 2001, S. 6

Methode oder Technik? Längles Begriffsklärung

Alfried Längle (2001) zieht eine wichtige terminologische Grenzlinie:

Begriff Definition EA-Beispiele
Methode Geplante Anwendung einer Theorie in definierten Schritten — ohne konkrete Handlungsanweisung. Lässt der Person des Therapeuten und der Person des Patienten viel Spielraum. PEA · SEM · PP · WSM · BEA · Dereflexion
Technik Ausgearbeitete Interventions-Schritte mit Werkzeugcharakter — ein „know-how" mit konkreten Anwendungsregeln. Paradoxe Intention · Phänomenologische Dialogübung
„Medicus curat, natura sanat." — Der Arzt pflegt, die Natur heilt.
— altlat. Maxime, A. Längle 2001, S. 8

Die Phänomenologie hat in diesem Spannungsfeld eine Sonderstellung: sie ist weniger Methode oder Technik als Haltung — und gerade dadurch das Mittel der Wahl, um die Person zu erreichen.

„Gerade wegen dieser respektvollen Offenheit ist die Phänomenologie das Mittel der Wahl, um in existenzanalytischen Gesprächen die Person zu erreichen."
— A. Längle 2001, S. 16

Längles Bild dafür — der Wechselschritt: Therapeutisches Gespräch oszilliert zwischen phänomenologischer Offenheit (die Person erreichen) und strukturierter Methode/Technik (die Person aktivieren). Beide gehören zusammen.

Anekdote · Wie die GMs entstanden — A. Längle 2001

„In diesem meditativ versunkenen Gang durch den erwachenden Park sah ich ganz unvermutet, wie diese einzelnen Elemente zusammenhängen könnten. […] Ich nannte sie von da an ‚Grundmotivationen' — weil alle anderen Motivationen von ihnen getragen werden.“ (Längle 2001, S. 10)

Der Park lag in Hannover, vor dem Kirchröder Turm — an einem Frühlingsmorgen. Aus diesem stillen Gang entstand das Strukturmodell, das heute das Wissenswerk durchzieht.

Die drei Tiefenebenen der EA-Methoden (S. Längle 2001)

Silvia Längle (2001) hat das gesamte Methoden-Inventar in einer Drei-Ebenen-Architektur systematisiert. Sie geht von der Beobachtung aus, dass jede Methode unterschiedlich tief in die personale Struktur eingreift:

1

Ressourcen-provozierend · Durchbrechen von Zirkelprozessen

Paradoxe Intention · Dereflexion · Einstellungsänderung. Sie zielen sehr punktuell „an der Störung vorbei" auf Ressourcen und durchbrechen sekundäre Zirkelmechanismen — jede über eine andere Grundfähigkeit: die Paradoxe Intention den Erwartungsangstzirkel (SD), die Dereflexion den Hyperreflexionszirkel (ST), die Einstellungsänderung den Vorurteilszirkel (SA).

2

Ressourcen-mobilisierend · Stützend

PP · WSM · SEM. Sie gehen breiter auf das Erleben des Patienten ein und arbeiten stützend — wieder je eine Methode pro Grundfähigkeit: die PP vertieft die Selbstdistanzierung (SD), die WSM stärkt die Selbsttranszendenz (ST), die SEM greift auf die Selbstannahme (SA) zurück. „Die personale Positionsfindung bedarf somit mehr an ‚gesunden Ich-Funktionen‘ als es bei der PEA erforderlich ist" (A. Längle 1994, zit. n. S. Längle 2001, 26). Die Phänomenologische Dialogübung (Sesselmethode) nimmt eine Sonderstellung ein: sie bildet die Übergangsschicht zwischen ressourcen-mobilisierendem und prozeßhaftem Arbeiten.

3

Prozeßhaft therapeutisch · persönlichkeitsbildend

PEA als „Herzstück existenzanalytischer Therapie" — mit drei Einstiegsvarianten in den Prozess: Perspektiven-Shifting (SD), Imagination / Existentielles Bilderleben (ST), Biographische EA (SA). Auf dieser Ebene aktiviert der therapeutische Weg immer alle drei personalen Fähigkeiten. Anwendung: prozeßhaftes Aufarbeiten von Traumen und Defiziten.

Pointe der Architektur: Die drei Tiefenebenen bilden die eine Achse — die andere sind die drei personalen Grundfähigkeiten: SD (Selbstdistanzierung) und ST (Selbsttranszendenz) stammen von Frankl; die SA (Selbstannahme) kommt erst mit der PEA als dritte hinzu. In jeder Tiefenebene wird jede der drei Fähigkeiten angesprochen — daraus ergibt sich eine 3×3-Matrix, in der jede Methode ihren strukturellen Ort hat (einzig die Sesselmethode steht als Übergangsschicht außerhalb des Rasters). Therapeutisch zeigt die Matrix, welche Methode an welcher Stelle einer Behandlung zur Verfügung steht.

Die vier Methoden

Wie die Methoden zueinander stehen

Sie überlappen sich, ergänzen sich, bauen aufeinander auf:

Phänomenologie
Die Grundhaltung. Sie ist in jeder anderen Methode enthalten — die PEA ohne phänomenologische Haltung wäre eine kalte Technik.
PEA
Die zentrale Methode. Macht den Personprozess (Eindruck → Stellungnahme → Ausdruck) explizit übbar. Längle nennt das die personale Wende der EA (um 1990).
PP
Vorläuferin der PEA. Inhaltlich eine Ausgestaltung des PEA-Schritts 2 (Stellungnahme). Stabilisierend und stützend, gut zugänglich auch für labile Klienten.
Diagnostik
Steht vor der Wahl der Methode. Sie sagt, welche Methode angezeigt ist — und welche Grundmotivation im Vordergrund steht.

Weitere Methoden — eigene Seiten

Über die vier zentralen Methoden hinaus hat die EA eine reiche methodische Werkzeugkiste. Jede dieser Methoden hat eine eigene Seite:

Längle 1996/2008. PP-Variante für Angststörungen — drei Frageschritte „Was würde real passieren?" · „Wie wäre das für mich?" · „Was würde ich dann tun?". Konfrontation bis zum Äußersten, mit Halt durch alle vier GMs.
Frankl 1929. Bei Zwängen, Phobien, Schlafstörungen: das Befürchtete übertrieben wünschen. Wirkt durch Selbstdistanzierung. „Trotzmacht des Geistes“.
Frankl 1947. Bei Hyperreflexion (Schlaf, Sexualität, Spontaneität): Aufmerksamkeit vom Symptom weg, hin zu einem Wert. Wirkt durch Selbsttranszendenz.
Längle 1988. Vier Schritte: Wahrnehmen — Werten — Wählen — Wirken. Vorform der vier GMs. Indikation: Sinn-Klärung, Entscheidungen.
Längle 1986/87. Phänomenologische Dialogübung im Hypnoid. Übt die Haltfindung leiblich ein — besonders wertvoll bei 1.-GM-Verlust.
Spezielle PEA-Anwendung für biographische Inhalte. Verbindet aktuelle Lebensthemen mit ihren biographischen Wurzeln.
Längle 1986. Fünf Schritte gegen „Willensschwäche“ — verstanden als Wertberührungs-Defizit. Klassische Indikation: Suchtmotivation.
Methodischer Strang von 1991. Wie werden Werte phänomenologisch zugänglich? Berührtsein als Grundlage von Wert, Wille und Sinn.

Methoden ↔ Indikationen

Welche Methode für welches Problem? Eine Orientierungstafel:

Angststörungen
PP (Stabilisierung) · Paradoxe Intention · Dereflexion · später PEA
Depression
PP (Aktivierung, Realitätsprüfung) · Wertearbeit · PEA bei besserem Stand
Persönlichkeitsstörungen
PEA als Hauptmethode · Biographische EA · in Krisen PP
Trauma
PEA in Distanz · Stabilisierung zuerst · sehr behutsam
Sinnverlust / noogene Neurose
SEM · Wertearbeit · Logotherapie i.e.S.
Beziehungs- & Begegnungsthemen
PEA · phänomenologische Haltung · Begegnungsarbeit
Quellen
  • Längle, S. (2001). Die Methodenstruktur der Logotherapie und Existenzanalyse. Existenzanalyse 19, 2+3, 19–30.
  • Längle, A. (2001). Gespräch – Kunst oder Technik? Der Stellenwert von Methodik in Beratung und Therapie. Existenzanalyse 19, 2+3, 7–18.
  • Wicki-Distelkamp, Ch. (2001). Die (Un-)verträglichkeit von existenzanalytischer Anthropologie und Methodik. Existenzanalyse 19, 2+3, 4–6.
  • Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichworte: PEA, PP, Phänomenologische Haltung, Diagnostik, Dereflexion, Paradoxe Intention.