Methoden der Existenzanalyse
Wo die Grundmotivationen das Was der EA bilden, beschreiben die Methoden ihr Wie. Sie machen die anthropologischen und motivationalen Einsichten praktisch zugänglich — als Wege, mit der Person zu arbeiten.
Was macht eine Methode existenzanalytisch?
Christine Wicki-Distelkamp (2001) markiert das Spannungsfeld scharf: Methode und Anthropologie sind nicht selbstverständlich verträglich. Methoden suggerieren, daß sie etwas „machen" oder „bewirken" — die existenzanalytische Anthropologie wahrt aber die Einmaligkeit und Nicht-Faßbarkeit der Person. Damit eine Methode existenzanalytisch sein darf, sind drei Kriterien zu erfüllen:
- Bezug zur EA-Anthropologie — die Methode achtet die personale Freiheit, nicht die Symptombeseitigung.
- Noetisch-personale Dimension — sie spricht den geistigen Person-Anteil an, nicht nur Affekte oder Verhalten.
- Zielsetzung — sie zielt auf personale Freiheit, nicht auf einen vorbestimmten Endzustand.
„Wesentlich ist es, der Wegbegleiter zu ‚sein' mit dem Patienten unterwegs zu ‚sein', d.h. mein Sein mit einzubringen in den therapeutischen Prozeß."
— C. Wicki-Distelkamp 2001, S. 6
Methode oder Technik? Längles Begriffsklärung
Alfried Längle (2001) zieht eine wichtige terminologische Grenzlinie:
| Begriff | Definition | EA-Beispiele |
|---|---|---|
| Methode | Geplante Anwendung einer Theorie in definierten Schritten — ohne konkrete Handlungsanweisung. Lässt der Person des Therapeuten und der Person des Patienten viel Spielraum. | PEA · SEM · PP · WSM · BEA · Dereflexion |
| Technik | Ausgearbeitete Interventions-Schritte mit Werkzeugcharakter — ein „know-how" mit konkreten Anwendungsregeln. | Paradoxe Intention · Phänomenologische Dialogübung |
„Medicus curat, natura sanat." — Der Arzt pflegt, die Natur heilt.
— altlat. Maxime, A. Längle 2001, S. 8
Die Phänomenologie hat in diesem Spannungsfeld eine Sonderstellung: sie ist weniger Methode oder Technik als Haltung — und gerade dadurch das Mittel der Wahl, um die Person zu erreichen.
„Gerade wegen dieser respektvollen Offenheit ist die Phänomenologie das Mittel der Wahl, um in existenzanalytischen Gesprächen die Person zu erreichen."
— A. Längle 2001, S. 16
Längles Bild dafür — der Wechselschritt: Therapeutisches Gespräch oszilliert zwischen phänomenologischer Offenheit (die Person erreichen) und strukturierter Methode/Technik (die Person aktivieren). Beide gehören zusammen.
Die drei Tiefenebenen der EA-Methoden (S. Längle 2001)
Silvia Längle (2001) hat das gesamte Methoden-Inventar in einer Drei-Ebenen-Architektur systematisiert. Sie geht von der Beobachtung aus, dass jede Methode unterschiedlich tief in die personale Struktur eingreift:
Ressourcen-provozierend · Durchbrechen von Zirkelprozessen
Paradoxe Intention · Dereflexion · Einstellungsänderung. Sie zielen sehr punktuell „an der Störung vorbei" auf Ressourcen und durchbrechen sekundäre Zirkelmechanismen — jede über eine andere Grundfähigkeit: die Paradoxe Intention den Erwartungsangstzirkel (SD), die Dereflexion den Hyperreflexionszirkel (ST), die Einstellungsänderung den Vorurteilszirkel (SA).
Ressourcen-mobilisierend · Stützend
PP · WSM · SEM. Sie gehen breiter auf das Erleben des Patienten ein und arbeiten stützend — wieder je eine Methode pro Grundfähigkeit: die PP vertieft die Selbstdistanzierung (SD), die WSM stärkt die Selbsttranszendenz (ST), die SEM greift auf die Selbstannahme (SA) zurück. „Die personale Positionsfindung bedarf somit mehr an ‚gesunden Ich-Funktionen‘ als es bei der PEA erforderlich ist" (A. Längle 1994, zit. n. S. Längle 2001, 26). Die Phänomenologische Dialogübung (Sesselmethode) nimmt eine Sonderstellung ein: sie bildet die Übergangsschicht zwischen ressourcen-mobilisierendem und prozeßhaftem Arbeiten.
Prozeßhaft therapeutisch · persönlichkeitsbildend
PEA als „Herzstück existenzanalytischer Therapie" — mit drei Einstiegsvarianten in den Prozess: Perspektiven-Shifting (SD), Imagination / Existentielles Bilderleben (ST), Biographische EA (SA). Auf dieser Ebene aktiviert der therapeutische Weg immer alle drei personalen Fähigkeiten. Anwendung: prozeßhaftes Aufarbeiten von Traumen und Defiziten.
Pointe der Architektur: Die drei Tiefenebenen bilden die eine Achse — die andere sind die drei personalen Grundfähigkeiten: SD (Selbstdistanzierung) und ST (Selbsttranszendenz) stammen von Frankl; die SA (Selbstannahme) kommt erst mit der PEA als dritte hinzu. In jeder Tiefenebene wird jede der drei Fähigkeiten angesprochen — daraus ergibt sich eine 3×3-Matrix, in der jede Methode ihren strukturellen Ort hat (einzig die Sesselmethode steht als Übergangsschicht außerhalb des Rasters). Therapeutisch zeigt die Matrix, welche Methode an welcher Stelle einer Behandlung zur Verfügung steht.
Die vier Methoden
PEA · Personale Existenzanalyse
Vier Schritte: Beschreiben → Eindruck → Stellungnahme → Ausdruck. Längle 1988–1990. Die methodische Form der Personwerdung.
GrundhaltungPhänomenologie
Offenheit · Verweilen · Verstehen. Vor jeder Methode steht die Haltung, in der der Mensch gesehen werden kann — als Person.
Diagnose-PfadExistenzanalytische Diagnostik
Vom Symptom über die existentielle Dynamik zur GM-Anbindung. Plus die Fragebogen-Instrumente: Existenzskala und TEM.
StabilisierendPP · Personale Positionsfindung
Drei Schritte: fest-stellen — sich ein-stellen — sich dazu-stellen. Spezifisch gegen Passivierung bei Angst und Depression.
Wie die Methoden zueinander stehen
Sie überlappen sich, ergänzen sich, bauen aufeinander auf:
Weitere Methoden — eigene Seiten
Über die vier zentralen Methoden hinaus hat die EA eine reiche methodische Werkzeugkiste. Jede dieser Methoden hat eine eigene Seite:
Methoden ↔ Indikationen
Welche Methode für welches Problem? Eine Orientierungstafel:
Verbindungen
- Längle, S. (2001). Die Methodenstruktur der Logotherapie und Existenzanalyse. Existenzanalyse 19, 2+3, 19–30.
- Längle, A. (2001). Gespräch – Kunst oder Technik? Der Stellenwert von Methodik in Beratung und Therapie. Existenzanalyse 19, 2+3, 7–18.
- Wicki-Distelkamp, Ch. (2001). Die (Un-)verträglichkeit von existenzanalytischer Anthropologie und Methodik. Existenzanalyse 19, 2+3, 4–6.
- Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichworte: PEA, PP, Phänomenologische Haltung, Diagnostik, Dereflexion, Paradoxe Intention.