Trauma und Sinn
Wo Psychologie endet, beginnt für Frankl die Sinnfrage. Der „dritte Weg" im Leid sind die Einstellungswerte — und das berühmte „trotzdem Ja zum Leben sagen".
Frankls vier Stützen des Überstehens
Als zentral für das Überstehen und Bewältigen des Traumas sieht Längle die Entwicklung bzw. Erhaltung des inneren Dialogs. Frankl beschrieb dies als eine „Tendenz zur Verinnerlichung": Das Leben wurde aus der Außenwelt „abgezogen" und fand im Schutze der eigenen Intimität statt. Diese zentrale personale Fähigkeit eröffnete vier Verarbeitungsmöglichkeiten:
Anbindung an den Grundwert
Erlebnisse eines Sonnenuntergangs, einer Wolkenstimmung, von Blumen wurden im inneren Dialog zum Quell seelischer Kraft — zur „Vergewisserung, dass es Schönheit überhaupt noch gibt": „Wie schön könnte die Welt doch sein!" Daneben nährten vor allem die guten Beziehungen den unbedingten Überlebenswillen — Frankl wollte vor allem seine Frau und Familie wiedersehen.
Selbst-Distanzierung
Durch den inneren Dialog konnte eine innere Distanz zum unmittelbar Erlebten geschaffen werden: sich vor sich selber Luft machen, mit Humor zu einer „Selbst-Distanzierung" kommen — sich nicht mit dem Zustand identifizieren, sondern eine Position zu ihm einnehmen.
Restfreiheit
Mithilfe des Restes verbliebener Freiheit war eine minimale Gestaltung des Lebens möglich — eine Freiheit für Haltungen und kleine Entscheidungen: „Man kann dem Menschen im KZ alles nehmen, nur eines nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Und es gab ein ‚so oder so'!" Diesen Rest zu bewahren war fundamental, um sich nicht als „Spielball und Objekt" zu fühlen.
Existentieller Sinn
Das Bewusstsein, dass es im Leben „eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!" Diese Sinndimension kann bis zum ontologischen Sinn reichen — bis zum Glauben an einen letzten Sinn, der bei Frankl mehr und mehr zum Greifen kam.
Drei Wege zum Sinn
Schöpferische Werte
Sinn durch das, was der Mensch der Welt gibt: Werk, Tat, Beitrag. Der gewöhnliche Sinn-Weg im aktiven Leben.
Erlebniswerte
Sinn durch das, was der Mensch von der Welt empfängt: Naturschönheit, Kunst, Begegnung, Liebe. Sinn als Wertberührung.
Einstellungswerte
Sinn durch die Haltung zum unabänderlichen Leid. Der dritte Weg, der gerade dann offen bleibt, wenn die ersten beiden versperrt sind — die spezifische Trauma-Antwort.
Würde und die Wucht des fehlenden Wozu
Keine Psychotherapie kann die Frage nach dem Sinn von Leid, Unglück und Katastrophen schlüssig beantworten — sie gehört in den Bereich der Philosophie und der Religion. Aber die fehlende Antwort auf das „Wozu" gibt dem Trauma eine besondere Wucht: Es kann „ungehindert in die Persönlichkeit eintreten", weil kein „Netz", kein letztes Gefüge da ist, das der Traumawirkung einen metaphysischen, philosophischen oder auch nur geahnten Inhalt entgegenhält. Das Faktum, etwas so Sinnloses durchmachen zu müssen, ist zudem entwürdigend — besonders, wenn ein Mensch von anderen Menschen verletzt oder missbraucht wird und der Willkür, dem Hohn und den Bedürfnissen eines anderen ausgesetzt ist.
Wie lange die Sinnfrage beschäftigt, zeigt eine kanadische Studie (Silver et al. 1983): 80 % der Frauen sind 20 Jahre nach sexuellem Missbrauch noch immer mit der Sinn-Frage beschäftigt; die Hälfte davon erlebt sie wie einen Zwang, der sich immer wieder aufdrängt und Wunden aufreißt. Ein Sinn solcher Erfahrungen kann allenfalls darin liegen, aus der Erfahrung etwas Positives zu machen: persönlich zu wachsen, sich zu vertiefen, daran zu reifen — ein existentieller Sinn des Leides, niemals eine Erklärung des Geschehens.
Posttraumatic Growth
Tedeschi und Calhoun beschreiben empirisch, was Frankl theoretisch vorformulierte: nach durchstandenem Trauma berichten Menschen häufig von einer vertieften Existenz. Längle nennt es „Neufundierung der existentiellen Strukturen, in der nun auch Raum für das Ungeheuerliche gefunden wird". Vier Befundbereiche:
- Tiefere Wertschätzung des Lebens — das Selbstverständliche wird kostbar.
- Sinnvollere Beziehungen — Oberflächliches fällt weg, Wesentliches bleibt.
- Deutlicheres Gefühl für persönliche Kraft — „Ich habe das überstanden, ich kann mehr ertragen als ich dachte."
- Reicheres spirituelles Leben — neue Tiefendimension des Glaubens, der Sinnsuche, der Verbundenheit.
Wichtig: Posttraumatic Growth ist nicht die Norm, kein „Soll" und keine Sinngebung des Schreckens. Es ist eine empirisch beschreibbare mögliche Folge — niemals eine Rechtfertigung des Erlittenen.
Fall-Beispiel
Frankl am Appellplatz
Frankl im KZ: Die Gefangenen am Appellplatz stoßen einander plötzlich an angesichts eines Sonnenuntergangs: „Wie schön könnte die Welt doch sein!" Im Übermaß des Schrecklichen wird die Anbindung an den Grundwert zur tragenden Kraft — man konnte gelegentlich die Kraft spüren, die dem Leben innewohnt, konnte zu spüren bekommen, dass es im Grunde gut sein könnte zu leben. Nach der Heimkehr musste Frankl erst wieder lernen, sich zu freuen; das brauchte Zeit und Geduld. Begleitet war das Einfinden in die neue Situation von einem tiefen, haltgebenden Gefühl: nach all dem Erlittenen „nichts mehr auf der Welt fürchten zu müssen — außer seinen Gott." Mit diesen Worten schließt Frankl seinen Erlebnisbericht, den er sich im Herbst 1945 „von der Seele" schrieb.
Verbindungen
Frankl, V. (1946/1982) · …trotzdem Ja zum Leben sagenLängle, A. (2006) · Trauma und Sinn — Wider den Verlust der MenschenwürdeTedeschi, R. & Calhoun, L. (2004) · Posttraumatic GrowthFields, R. (2004) · Martyrdom — The Psychology, Theology, and Politics of Self-Sacrifice