Störungen · Frankl · Einstellungswerte

Trauma und Sinn

Wo Psychologie endet, beginnt für Frankl die Sinnfrage. Der „dritte Weg" im Leid sind die Einstellungswerte — und das berühmte „trotzdem Ja zum Leben sagen".

Meta · 60-Sekunden-Take

Die Sinnfrage bricht beim Trauma „regelmäßig und oft jäh auf". Längle warnt: vorzugeben, den Sinn von Vergewaltigung oder Mord zu kennen, wäre eine ontologische Grenzüberschreitung. Doch fehlt jegliche Sinnperspektive, kann das Trauma „ungehindert in die Persönlichkeit eintreten". Frankls Antwort: Einstellungswerte als dritter Weg zum Sinn — Haltung statt Erklärung. „Es kommt nie und nimmer darauf an, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!"

Frankls vier Stützen des Überstehens

1

Innerer Dialog

Das Sprechen mit sich selbst, mit einem geliebten Menschen im Inneren, mit Gott. Im KZ rettete Frankl der innere Dialog mit seiner Frau — die unhörbare Stimme als Halt, die das Personale wachhielt.

2

Selbst-Distanzierung

Die noetische Fähigkeit, sich vom eigenen Zustand zu trennen — sich nicht mit dem Schmerz zu identifizieren, sondern eine Position zu ihm einzunehmen. Frankl: „Geistig" beginnt dort, wo der Mensch zu sich selbst Stellung nehmen kann.

3

Restfreiheit

Auch im Äußersten bleibt der Mensch frei darin, wie er das Unausweichliche trägt. „Die letzte der menschlichen Freiheiten" — die Haltung. Sie kann niemandem genommen werden, solange er person bleibt.

4

Existentieller Sinn

Ein Wozu, das über den Augenblick hinausreicht — eine zu schreibende Schrift, ein wartender Mensch, eine zu vollbringende Aufgabe. „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie" (Nietzsche, von Frankl übernommen).

Drei Wege zum Sinn

Schöpferische Werte

Sinn durch das, was der Mensch der Welt gibt: Werk, Tat, Beitrag. Der gewöhnliche Sinn-Weg im aktiven Leben.

Erlebniswerte

Sinn durch das, was der Mensch von der Welt empfängt: Naturschönheit, Kunst, Begegnung, Liebe. Sinn als Wertberührung.

Einstellungswerte

Sinn durch die Haltung zum unabänderlichen Leid. Der dritte Weg, der gerade dann offen bleibt, wenn die ersten beiden versperrt sind — die spezifische Trauma-Antwort.

Posttraumatic Growth

Tedeschi und Calhoun beschreiben empirisch, was Frankl theoretisch vorformulierte: nach durchstandenem Trauma berichten Menschen häufig von einer vertieften Existenz. Längle nennt es „Neufundierung der existentiellen Strukturen, in der nun auch Raum für das Ungeheuerliche gefunden wird". Vier Befundbereiche:

Wichtig: Posttraumatic Growth ist nicht die Norm, kein „Soll" und keine Sinngebung des Schreckens. Es ist eine empirisch beschreibbare mögliche Folge — niemals eine Rechtfertigung des Erlittenen.

Vertiefung · Sekundäre Traumatisierung (Fields)

Rona Fields beschreibt das Phänomen, dass auch nicht direkt Betroffene traumatische Symptome entwickeln können — durch Identifikation: Therapeuten, Angehörige, Helfer, Berichterstatter. Existenzanalytisch ist das verständlich: die Erschütterung der Grundannahmen über die Welt geschieht nicht nur durch Eigenerleben, sondern auch durch das phänomenale Mitvollziehen fremden Leids. Schutz: Supervision, klare Grenzen, eigene Wertberührung außerhalb des Trauma-Feldes.

Vertiefung · Vom „malignen Narzissmus" zur Logotherapie

Wer schwer traumatisiert wurde, kann den eigenen Schmerz beim Anderen spiegeln wollen — als unbewusste Rache, als Bestätigung, als „endlich versteht jemand". Frankl ging den umgekehrten Weg: nach dem KZ verweigerte er die Kollektivschuldthese, weigerte sich, das eigene Leid zur Anklage zu machen. Stattdessen entstand aus dem Trauma die Logotherapie — der Sinn-Weg, der das Erlittene nicht erklärt, sondern in Haltung verwandelt. Das ist die personale Antwort auf das Trauma: nicht weitergeben, sondern fruchtbar machen.

Fall-Beispiel

Fall· Sonnenuntergang im KZ

Frankl am Appellplatz

Frankl im KZ am Appellplatz, nach einem Marschtag der völligen Erschöpfung: Gefangene stoßen einander an angesichts eines Sonnenuntergangs: „Wie schön könnte die Welt doch sein!" Im Übermaß des Schrecklichen wird die Anbindung an den Grundwert zur tragenden Kraft — das Schöne bleibt schön, auch wenn der Mensch im Stacheldraht steht. Nach der Befreiung schreibt Frankl: nach all dem Erlittenen „nichts mehr auf der Welt fürchten zu müssen — außer seinen Gott." Die Sinnerfahrung im Schrecklichen wird zur tragenden Säule der späteren Logotherapie.

Quellen
  • Frankl, V. (1946/1982) · …trotzdem Ja zum Leben sagen
  • Längle, A. (2006) · Trauma und Sinn — Wider den Verlust der Menschenwürde
  • Tedeschi, R. & Calhoun, L. (2004) · Posttraumatic Growth
  • Fields, R. (1985) · Sekundäre Traumatisierung