Angst · gesund vs. krankhaft
Krankhafte Angst ist nicht intensivere, sondern verfestigte Angst — definiert über den Verlust der Handlungsfreiheit, nicht über das subjektive Befinden.
Drei Stufen — Realistisch · Störung · Krankheit
Anlassbezug
Steht die Angst in Bezug zur Gefahr?
Klarer Anlass, Reaktion in Art und Ausmaß entsprechend. Die Angst warnt zutreffend vor einer realen Bedrohung.
Störung: der Existenzvollzug ist behindert — kann aber auch einmalig auftreten und wieder verschwinden (≠ Phobie). Krankheit: Verfestigung — die Angst klingt nicht ab, tritt in anderen Situationen wieder auf, der behinderte Existenzvollzug wiederholt sich regelhaft.
Generalisierung
Beschränkt sich die Angst auf die Situation?
Angst bleibt situationsspezifisch und endet mit der Gefahr. Kein Übergreifen auf andere Lebensbereiche.
Generalisierung: ähnliche Situationen werden ebenfalls angstbesetzt (Störung) oder die Angst pervadiert große Teile des Alltags (Krankheit).
Auswirkung auf Existenzvollzug
Bleibt die Person handlungsfähig?
Die Person kann trotz Angst handeln, entscheiden, in Beziehung gehen. Die Angst überführt sich in adäquates Tun.
Sektorielle Passivierung (Störung) bis hin zu durchgreifender Verhaltensautomatie und Lähmung (Krankheit). Verlust der Handlungsfreiheit.
Sechs Charakteristika krankhafter Angst
Längle nennt zwei Hauptkriterien — sektorielle Passivierung und Verhaltensautomatie — sowie vier zusätzliche Charakteristika:
Sektorielle Passivierung (Hauptkriterium)
In einem oder mehreren Lebensbereichen wird die Person handlungsunfähig — sie kann in diesem Sektor nicht mehr. Das situativ Angemessene und subjektiv Richtige kann wiederholt nicht getan werden, obwohl es für die Person realisierbar wäre.
Verhaltensautomatie (Hauptkriterium)
Die Angstreaktion läuft mechanisch ab — durch Einsatz zumeist immer derselben fixierten Copingreaktionen (z. B. Flucht, Panik). Das Verhalten ist nicht mehr frei.
Irrationalität
Die Person weiß rational, dass die Reaktion unangemessen ist — kann sie aber nicht abstellen. Das Wissen um die Irrationalität ändert nichts an der Reaktion.
Nicht situationsbezogen / Generalisierung
Der Situationsbezug ist nur noch assoziativ — und je krankhafter, desto generalisierter und losgelöster von der Situation (Extremfall: psychotische Angst mit rein assoziativem Situationsbezug).
Inadäquate Amplitude
Das Angstgefühl ist übertrieben — in Art und Intensität dem situativen Angstauslöser nicht angemessen.
Unfreiheit („Kontrollverlust")
Nicht mehr tun können, was man will; sich gezwungen fühlen. Die Person erlebt sich als unfrei in ihrer eigenen Reaktion.
Was NICHT Kriterium für Krankheit ist
Drei vermeintliche Kriterien hält Längle ausdrücklich für ungeeignet. Erstens die statistische Norm. Zweitens das subjektive Befinden — dass das Gefühl unangenehm ist, macht nicht krank: auch realistische Ängste machen Unwohlsein; vom Befinden allein kann Krankhaftigkeit nicht abgeleitet werden. Drittens das Leiden per se: „Leiden gehört zum Leben" — man kann auch unter gesunder Angst leiden, und umgekehrt ist unter Medikamenten, Drogen oder Abspaltung ein Leiden womöglich gar nicht spürbar, obwohl eine Pathologie vorliegt. Kriterium ist, „ob mein Leben schief geht oder nicht, mit und ohne Leiden" — also ob die Angst den Existenzvollzug und die Handlungsfreiheit beschneidet, nicht ob sie weh tut.
Fall-Beispiel
Drei Studentinnen vor derselben Prüfung
Studentin A hatte einmalig vor einer wichtigen Prüfung Angst, ist trotzdem angetreten, hat bestanden — gesund: die Angst hatte einen Anlass, blieb situativ, ließ die Handlung zu. Studentin B ist mehrfach nicht angetreten und vermeidet bestimmte Lehrveranstaltungen — Störung: sektorielle Passivierung, aber außerhalb dieses Bereichs funktioniert sie. Studentin C meidet inzwischen jede Bewertungssituation, auch das Studentencafé und Gruppenarbeiten — Krankheit (Sozialphobie): Generalisierung, durchgreifende Lebenseinschränkung, Verhaltensautomatie.
Verbindungen
3_Angst_-_4_-_Gesunde_versus_krankhafte_Angst.pdf · LängleFrankl V.E. (1956) Theorie und Therapie der Neurosen. Reinhardt, München.