Angst · gesund vs. krankhaft
Krankhafte Angst ist nicht intensivere, sondern verfestigte Angst — definiert über den Verlust der Handlungsfreiheit, nicht über das subjektive Befinden.
Drei Stufen — Realistisch · Störung · Krankheit
Anlassbezug
Steht die Angst in Bezug zur Gefahr?
Klarer Anlass, Reaktion in Art und Ausmaß entsprechend. Die Angst warnt zutreffend vor einer realen Bedrohung.
Anlassbezug brüchig (Störung) oder fehlt ganz (Krankheit). Die Angst „macht sich selbständig" und löst sich vom realen Auslöser.
Generalisierung
Beschränkt sich die Angst auf die Situation?
Angst bleibt situationsspezifisch und endet mit der Gefahr. Kein Übergreifen auf andere Lebensbereiche.
Generalisierung: ähnliche Situationen werden ebenfalls angstbesetzt (Störung) oder die Angst pervadiert große Teile des Alltags (Krankheit).
Auswirkung auf Existenzvollzug
Bleibt die Person handlungsfähig?
Die Person kann trotz Angst handeln, entscheiden, in Beziehung gehen. Die Angst überführt sich in adäquates Tun.
Sektorielle Passivierung (Störung) bis hin zu durchgreifender Verhaltensautomatie und Lähmung (Krankheit). Verlust der Handlungsfreiheit.
Fünf Charakteristika krankhafter Angst
Sektorielle Passivierung
In einem oder mehreren Lebensbereichen wird die Person handlungsunfähig — sie kann in diesem Sektor nicht mehr. Vermeidung wird unausweichlich.
Verhaltensautomatie
Die Angstreaktion läuft mechanisch ab, ohne dass die Person sie steuern könnte. Die Kopplung zwischen Reiz und Reaktion ist starr.
Irrationalität
Die Person weiß rational, dass die Reaktion unangemessen ist — kann sie aber nicht abstellen. Das Wissen um die Irrationalität ändert nichts an der Reaktion.
Generalisierung
Die Angst greift auf ähnliche Situationen über — aus einer Spinne werden alle Krabbeltiere, aus einer Höhensituation alle erhöhten Räume.
Unfreiheit / inadäquate Amplitude
Die Angstreaktion steht in keinem Verhältnis zum Anlass — sie ist deutlich überschießend oder protrahiert. Die Person erlebt sich als unfrei in ihrer eigenen Reaktion.
Was NICHT Kriterium für Krankheit ist
Drei vermeintliche Kriterien hält Längle ausdrücklich für ungeeignet. Erstens die statistische Norm — auch sehr seltene Reaktionen können gesund sein, sehr häufige krank. Zweitens das subjektive Befinden — gerade die ängstliche Persönlichkeit erlebt sich oft als „normal ängstlich", während die Umwelt das Leiden deutlich erkennt. Drittens — und das ist Längles wichtigster Punkt — das Leiden per se: „Leiden gehört zum Leben." Frankl: Leiden ist kein Krankheitskriterium, sondern menschliche Grunderfahrung. Krank ist die Angst, wenn sie die Handlungsfreiheit dauerhaft beschneidet — nicht, wenn sie weh tut.
Fall-Beispiel
Drei Studentinnen vor derselben Prüfung
Studentin A hatte einmalig vor einer wichtigen Prüfung Angst, ist trotzdem angetreten, hat bestanden — gesund: die Angst hatte einen Anlass, blieb situativ, ließ die Handlung zu. Studentin B ist mehrfach nicht angetreten und vermeidet bestimmte Lehrveranstaltungen — Störung: sektorielle Passivierung, aber außerhalb dieses Bereichs funktioniert sie. Studentin C meidet inzwischen jede Bewertungssituation, auch das Studentencafé und Gruppenarbeiten — Krankheit (Sozialphobie): Generalisierung, durchgreifende Lebenseinschränkung, Verhaltensautomatie.
Verbindungen
3_Angst_-_4_-_Gesunde_versus_krankhafte_Angst.pdf · Längle (2011)Frankl V.E. (1956) Theorie und Therapie der Neurosen. Reinhardt, München.