Grundwert · Eigenwert / Nutzwert
Die tiefste Tragstruktur der 2. GM ist die Beziehung zum eigenen Leben – die Grundbeziehung. Aus ihr erwächst der Grundwert: das Gefühl, dass es im Grunde gut ist, dass es das Leben gibt. Und in der Wertelehre liegt eine Unterscheidung, die alles ändert: Eigenwert vs. Nutzwert.
Grundbeziehung zum Leben
Längle: die Grundbeziehung zum Leben ist die tiefste, emotional empfundene Beziehung zum eigenen Leben. Sie entsteht und wird gestärkt durch die Zuwendung zum Erleben und durch eine Kraft und Bereitschaft zum Erleiden. Sie zeigt sich darin, dass man sich auf das eigene Leben einlassen und sich auf es beziehen mag.
Sie ist – das ist wichtig – die Grundlage aller anderen Beziehungsfähigkeit. Wer keine Grundbeziehung zu sich selbst hat, kann auch zu anderen keine echte Beziehung aufbauen.
Wie wird die Grundbeziehung induziert?
- Nähe-Erfahrungen mit Menschen – besondere Bedeutung hat die Mutterbeziehung.
- Erleben der eigenen Vitalität – wie sich das Leben am eigenen Körper anfühlt.
- Natur- und Tierbeziehungen.
- Kunst.
- Beziehung zu sich selbst.
- Transzendentale Erfahrungen.
Die Grundbeziehung zeigt sich vor allem in der Sorge und im pflegenden Umgang mit dem eigenen Körper, den Gefühlen, der Lebenszeit, den Beziehungen, anderem Leben.
Grundwert
Aus der Grundbeziehung erwächst der Grundwert. Er ist der erlebte Eigenwert, den das Leben für die jeweilige Person hat. In positiver Ausprägung definiert ihn Längle als das tiefe Fühlen, dass es im Grunde gut ist dazusein. Auf dieser Grundlage kann die Person ihre Zustimmung zum Leben geben – Lebensaffirmation.
Wichtig: Der Grundwert ist nicht das Ergebnis einer Reflexion oder eines Glaubensaktes. Er ist eine Erfahrung, die sich beim Mit-dem-Leben-In-Berührung-Sein einstellt. Wer ihn fühlbar hat, lebt aus einer Tragstruktur. Wer ihn verloren hat, schwankt – auch wenn äußerlich alles intakt ist.
Fehlen oder negative Ausbildung des Grundwerts führen zu depressiver Symptomatik. Die Depression ist aus EA-Sicht im Kern eine Störung des Grundwerts.
Die zwei Pole am Grundwert
Beide nähren einander: das Lebensgefühl eröffnet den Zugang zum Wert; der erfühlte Wert fließt wieder ins Lebensgefühl ein.
Eigenwert vs. Nutzwert
Eine der wichtigsten Unterscheidungen der existenzanalytischen Wertelehre. Ein und dasselbe Ding kann unter dem Aspekt seines Nutzens oder unter dem Gesichtspunkt seines Eigenwerts betrachtet werden. Beide Sichten sind legitim – aber sie ergeben grundverschiedene Beziehungen.
Eigenwert vs. Nutzwert · die axiologische Kernunterscheidung mit therapeutischer Relevanz
Beispiele
Ein Kugelschreiber hat fast nur Nutzwert – er hat seinen Wert daraus, dass er schreibt. Eine Partnerschaft oder das eigene Kind haben primär Eigenwert – ihr Wert liegt darin, wie sie sind, nicht wozu sie taugen. Ein Buch, ein Wald, ein Mensch – all das lässt sich von beiden Seiten betrachten. Die Frage ist: Aus welcher Haltung gehe ich auf die Dinge zu?
„Ich behandle meine Frau, als wäre sie ein Projekt.“
Ein Klient im mittleren Beziehungsalter, sehr erfolgreich beruflich. „Mir ist aufgefallen: ich gehe an unsere Ehe wie an ein Projekt. Ich frage mich: was funktioniert, was muss optimiert werden, wo gibt's Effizienzgewinn. Meine Frau sagt, ich rede mit ihr wie mit einer Mitarbeiterin. Sie hat recht. Aber ich kann nicht anders.“
Die Frage nach dem ersten Glück
Eine depressive Patientin in der dritten Sitzung. Die Therapeutin fragt: „Erinnern Sie sich an einen Moment in Ihrem Leben, wo Sie wirklich gern gelebt haben? Ganz konkret, nicht abstrakt.“ Die Patientin denkt lange. „Mit acht. Im Sommer, bei meiner Großmutter, am Bach. Ich habe Steine ins Wasser geworfen. Ich war einfach da.“ Die Therapeutin: „Was war das? Was hat das mit Ihnen gemacht?“ Die Patientin: „Ich war einverstanden. Mit allem.“
Verbindungen
LB-3.-GM-2-AUSB-009-3.-Aufl-2025-9.pdf· Kapitel 2.6 Grundbeziehung & Grundwert (S. 57 ff.) · Kapitel 2.8 Wertelehre (S. 89 ff.)1600676996_2_8_7-GM2-Nutzwert-Eigenwert.pdf· Vertiefung Eigenwert vs. Nutzwert1549110759_EA-Lexikon-12-2016-10-1.pdf· Stichworte: Grundbeziehung, Grundwert, Wertetheorie- Längle A. (1991): Wertberührung. In: Wertbegegnung. GLE, 22–59