Die Coping-Reaktionen der 2. GM
Wenn Mögen-Leben blockiert ist – wenn Lebenswert verloren geht oder droht – springen psychodynamische Schutzmechanismen an. Vier Reaktionen, kaskadenförmig, mit eigenen Akzenten gegenüber der 1. GM: hier geht es nicht ums Überleben, sondern um die Erhaltung von Lebenswert.
Die vier Coping-Reaktionen der 2. GM · Kaskade von geringstem zu höchstem Energieeinsatz
Die vier Reaktionen
1Rückzug (Regression)
„Schneckenhaus.“ Die spontane, erste Reaktion auf das Nicht-Mögen: sich innerlich oder äußerlich zurücknehmen. Gleichgültigkeit entwickeln. Sich aus Beziehungen herausnehmen. Unter die Bettdecke. In die Wunschwelt. Aufschieben. Längle nennt das den „Winterschlafreflex“ – wie ein Baum, der im Herbst das Chlorophyll zurückzieht.
Wichtige Unterscheidung zur 1. GM: dort geht es bei der Flucht ums Wegkommen von Bedrohung. Hier geht es ums Sich-aus-Beziehung-Nehmen – um Schutz vor dem, was wehtut, weil es nicht gemocht werden kann.
Fixierung: häufiger Auftakt der depressiven Dynamik.
„Ich gehe einfach nicht mehr ans Telefon.“
Eine Klientin nach Konflikt in der Familie. „Ich schaffe es nicht. Die Anrufe von meiner Mutter, die SMS von der Schwester – ich sehe sie und tue nichts. Ich bin nicht böse. Ich bin nur dicht. Ich mag nicht.“
2Leistung / Entwerten
„Wenn ich noch mehr tue, dann ist es okay.“ Mit Aktivität gegen das Nicht-Mögen ankommen. Checklisten erledigen. Überfürsorglich werden, weil man nicht „nein“ sagen kann (Angst, nicht geliebt zu werden). Jammern – nicht zur Problemlösung, sondern um Beziehung zu suchen, Mitleid, Wärme. Sich vergleichen. Entwerten („Das ist nichts Besonderes“).
Vier Unterformen (nach dem GM-Aspekt, an dem sie ansetzen):
- Numerisch-quantitativ (1. GM-Akzent): Aufräumen, abarbeiten, weghaben wollen.
- Beziehungssuchend (2. GM-Akzent): Nicht-Nein-Sagen, Überfürsorge, Jammern.
- Normgebunden (3. GM-Akzent): Ich-Repräsentanzen pflegen, sich durch Normerfüllung kompensieren.
- Entwertend (4. GM-Akzent): das Positive klein machen, „nicht glauben können“.
Fixierung: Burnout-Dynamik, insbesondere bei Helferberufen.
Die Frau, die nicht aufhören kann zu helfen
Eine Klientin, Krankenpflegerin, in Therapie wegen chronischer Erschöpfung. „Ich kann nicht stehenbleiben. Wenn ich nichts tue, geht es mir schlecht. Es ist, als würde ich verschwinden, wenn ich nicht für jemanden da bin.“
3Wut (heiß, rot)
„Ich will leben!“ Die Wut der 2. GM ist nicht destruktiv wie der Hass der 1. GM. Sie schützt Liebe und Beziehung, sie will aufrütteln, will herausfordern, schauen, was noch da ist. Sie macht heiß, sie kocht, der Kopf wird rot, sie sucht Beziehung. Längle: Wut = innere Aufwallung des Lebens.
Wichtige Unterscheidung zum Hass (1. GM):
Wenn es nicht Wut wird: dann wird es Resignation. Die Wut ist gewissermaßen die letzte lebendige Reaktion, bevor das System abschaltet.
„Ich könnte ihn schütteln, dass er endlich was merkt.“
Eine Tochter, deren Vater zunehmend unsensibel auf sie wirkt: „Manchmal kommt eine Wut hoch, die ist nicht hassend. Ich will ihn nicht weghaben. Ich will, dass er mich endlich sieht. Dass er merkt, dass ich da bin und es mir wehtut.“
4Apathie / Resignation
„Gefühltod.“ Wenn nichts mehr hilft – Rückzug, Leisten, Wut alle erschöpft – kommt die Lähmung. Passivierung der Gefühle, konstante Müdigkeit, innere Erkaltung in der Beziehung, „auf nichts mehr eingehen können“. Das Ich ist noch da, aber abgeschnitten von der Welt. Beziehungen werden „wie tot gemacht“, um nicht mehr empfinden zu müssen.
Resignation ist eine Stufe stärker als Apathie – alle Hoffnung ist aufgegeben. „Es hat alles keinen Sinn mehr“ (bereits Übergang zur 4. GM). Sich-aus-der-Beziehung-Fallen, ohne Depersonalisation wie in der Psychose, aber mit Aufgabe des Kampfes.
Fixierung: die Depression im engeren Sinn.
„Es ist mir alles gleich.“
Ein Patient nach längerer depressiver Phase. „Ich weiß nicht mehr, was ich will. Ob ich heute esse oder nicht. Ob meine Frau bleibt oder nicht. Ob ich morgen aufstehe oder nicht. Es ist nicht so, dass ich nichts will. Ich kann nicht mögen.“
Verbindungen
LB-3.-GM-2-AUSB-009-3.-Aufl-2025-9.pdf· Kapitel 2.3 Coping-Reaktionen, S. 18 ff.