Willensstärkungsmethode (WSM)
Wenn etwas gewollt aber nicht getan wird — bei Suchtmotivation, Vorhaben, die immer wieder scheitern, oder Unklarheit über das eigene Wollen. Längle hat dafür 1986 eine fünfschrittige Methode entwickelt: nicht „Härte mit sich selbst", sondern Wertberührung als Quelle des Willens.
Die fünf Schritte
Theoretischer Hintergrund
Längles Pointe: Willensschwäche ist kein Charakterfehler. Sie ist ein Defizit in der Wertberührung oder eine Unklarheit in der Entschiedenheit. Der Wille kommt aus dem Wert — wer den Wert nicht fühlt, kann den Willen nicht halten.
Klassisches Beispiel: jemand „will" abnehmen, aber das Essen ist ihm jeden Abend wertvoll. Solange das Essen wertvoller ist als das Abnehmen, gewinnt das Essen. Therapeutisch: nicht mehr Disziplin, sondern welchen Wert hat das Abnehmen wirklich für Sie? Wenn er nicht fühlbar gemacht werden kann, wird der Wille nicht halten.
Indikation
„Eigentlich will ich aufhören, aber es geht nicht.“
Ein Klient mit Alkoholproblem. Erste Beratungssitzung: er möchte aufhören. Aber: alle Versuche bisher gescheitert. WSM-Vorgehen:
1. Grundarbeit: Was sind die Gründe für Abstinenz? Familie, Gesundheit, Selbstachtung.
2. Problemebene: Was sind die Gegengründe? Geselligkeit, Entspannung, „dazugehören". Beide ehrlich auf den Tisch.
3. Verinnerlichung: Welche Werte sind in der Abstinenz konkret enthalten? Was würde sich anfühlen, wenn ich klar bin? — Erinnerung an klare Morgen mit den Kindern.
4. Sinnhorizont: Wer will ich in zehn Jahren sein? Welcher Lebensentwurf trägt das?
5. Festigung: Konkrete Strategien für die nächste Sucht-Versuchung. Soziale Unterstützung. Termin in einer Woche.
Vorsicht und Grenzen
- Nicht im Rausch. WSM braucht Selbstdistanzierung. Bei akuter Intoxikation oder schwerer körperlicher Entzugssymptomatik zuerst medizinische Stabilisierung.
- Bei schwerer Depression mit Antriebsverlust greift die WSM oft nicht — die Vitalität fehlt für das Werten. Zuerst Stabilisierung, dann WSM.
- Werte können nicht erfunden werden. Wer in seiner aktuellen Lebenssituation den Wert nicht findet, dem hilft die WSM nicht. Manchmal liegt das Problem vor der WSM — in der Wertebeziehung selbst.
Verhältnis zu anderen Methoden
Die WSM ist verwandt mit der SEM (Sinnerfassungsmethode) — beide arbeiten mit Werten und Entscheidung. Während die SEM eher offen-explorierend Sinn klärt, ist die WSM zielgerichteter auf Vorhaben-Durchsetzung. In der Suchtbehandlung steht die WSM oft am Anfang der EA-Arbeit (klärt das „warum aufhören?“) und wird später ergänzt durch PEA (für die Bearbeitung der zugrundeliegenden Themen).
Verbindungen
1549110759_EA-Lexikon-12-2016-10-1.pdf· Stichwort: Willensstärkungsmethode- Längle A. (2000): Die Willensstärkungsmethode (WSM). In: Existenzanalyse 17, 1, 4–16. (Grundlagenpublikation)
- Längle A. (1993): Wertbegegnung. Phänomene und methodische Zugänge. GLE-Verlag, Wien.
- Längle A. (1994): Sinnvoll leben. Angewandte Existenzanalyse. NÖ Pressehaus.